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Neue Nationalzeitung · 1913-03-28 · Heft 7 (28.3.1913) · p. Seite 50

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 7 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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Seite 50 „Neue National-Zeitung^ Nr. 7 Bezirkshauptleute gibt, alles in allem 5 Mandate (von 161), d. h. 3 Prozent, erlangten. Dieses mündliche Wahlrecht, diese Vergewaltigung der Wahlfreiheit, wird in der Wah 1 r ef o rm beibehalten. Die polnischen und ruthenischen Demokraten haben nicht den mindesten Versuch unternommen, das geheime Wahlrecht einzuführen; in diesem Punkte waren sie beide einig. Die polnischen Demokraten haben ja zumeist nur die Mandate, die sie den Juden wegnehmen. Sie werden ja vom Zentralwahlkomitee den jüdischen Wählern aufoktroyiert. Mit der Einführung des geheimen Wahlrechtes schrumpfen diese „Demokraten" unter die Hälfte zusammen. Wie unehrlich diese Demokraten gegenüber den jüdischen Wählern sind, beweist folgende Episode aus dem Wahlreform-Ausschuß: Die fünf Hausjuden, deren schmachvolle Rolle noch näher besprochen werden wird, haben für einen Moment den Mut gefunden, zu verlangen, daß in Städten mit mehreren Mandaten auch Minoritäts- Mandate geschaffen werden. Damit sollte den Juden in größeren Städten, wo sie die Majorität besitzen, von mehreren Mandaten wenigstens eines gesetzlich gesichert werden. Die Demokraten winkten jedoch ab und die Hausjuden ließen die Anregung fallen. Als jedoch der Führer der AHpolen. der gewesene Minister Glombinski, einen konformen Antrag im Wahlreform-Ausschusse einbrachte, wurde er abgelehnt. Das Schönste ist nun, daß das Leiborgan Glombinskis, das verbreitetste Tagblatt „Slowo Polskie", damit eine Judenhetze entfacht und die Ablehnung damit motiviert, der Ausschuß wolle den Juden offenbar alle Stadt-Mandate ausliefern und den armen Polen nicht einmal den Minoritätenschutz gewährleisten. Die ganze Wahlreform sei überhaupt, meint dieses Blatt, ein „ruthenisch-jüdisches Machwerk", und die Ablehnung der Minoritätsmandate ein Lösegeld des Statthalters an die Juden für die Zulassung der Wahlreform. Also — faule Fische und Hiebe dazu . . . Das ist der Sumpf, in den die feige und feile Politik von Löwenstein und Genossen die jüdische Bevölkerung üaliziens geschleudert hat. Den Standpunkt der Ruthenen habe ich bereits gekennzeichnet. Freiheitliche Ideale werden auch von ihnen im Interesse von Parteierfolgen zurückgestellt. Die Wahlreform bringt ihnen 62 Mandate, ihnen d. h. den Nationaldemokraten, die innerhalb der ruthenischen Bevölkerung den größten Anhang besitzen. Und es ist ihnen als der bestorganisierten ruthenischen Partei geradezu erwünscht, daß das mündliche Wahlrecht beibehalten werde, damit sie eine Kontrolle über ihre Wähler haben, was den anderen ruthenischen Parteien die Agitation erschwert. Die Ruthenen haben bei der Wahlreform nur an sich gedacht und nicht an die Juden. Aus diesem Anlasse wurden ihnen speziell von zionistischer Seite heftige Vorwürfe gemacht. Als ob die Juden unter der Kuratel der Ruthenen stünden! Sehen denn die Führer der galizischen Zionisten nicht ein, welches politisches Armutszeugnis sie sich ausstellen, wenn sie von den Ruthenen, die erst selbst ihre nationalen Rechte erkämpfen müssen und für sich recht viel einheimsen möchten, irgendwelche politische Konzessionen im Interesse der jüdischen Bevölkerung erwarten. Offenbar sehen sie und verstehen sie das nicht. Sonst würden sie sich nicht an die Schürze der Ruthenen klammern und nun jämmerlich winseln, da sie von den Ruthenen im Stich gelassen sind. Wir ersehen aus dem Geschilderten, wie die Juden selbst, sowohl die Hausjuden im Landtage als auch ihre zionistischen Antipoden, einerseits aus Feigheit, anderseits aus Ignoranz und Indolenz die Wahlreform verschlafen haben. Dank diesen „Führern" hat die galizische Judenschaft gar kein Verständnis für die Wahlreform und kein Interesse für den Landtag. Und das wird solange bleiben, bis alle diese „Führer" in ihrer Jämmerlichkeit erkannt, vom Schauplatz verschwinden. L. Juden und Ruthenen in Galizien. (Ein Interview mit einem ruthenischen Abgeordneten.) W i e n, den 26. März. Auf der heutigen Rückreise aus Krakau begegnete ich am Bahnhof einem ruthenischen Abgeordneten, dessen judenfreundliche Gesinnungen mir bekannt sind, und der noch prädestiniert erscheint, in der Geschichte des ruthenischen Volkes eine hervorragende Rolle zu spielen. Er war so freundlich, mich in sein Kupee einzuladen, wo wir dann auf dem Wege bis Wien genügend Zeit hatten, wichtige Fragen der jüdischen Bevölkerung in Galizien zu besprechen. Ich begann mit der Landtagswahlreform. Ich fragte den Abgeordneten, ob ihm bekannt sei, daß in zionistischen Kreisen eine große Unzufriedenheit darüber herrsche, daß die ruthenischen Abgeordneten die jüdischen Interessen so wenig vertreten haben. Insbesondere habe Herr Adolf Stand in der „Welt" das Verhalten der ruthenischen Zwischenhändler als einen Akt der Undankbarkeit gegenüber den „zionistischen Waffenbrüdern" erklärt. Ich erhielt darauf folgende Antwort: „Die ruthenischen Abgeordneten haben für die Juden nichts getan, weil sich niemand an sie gewendet hat; die ruthenischen Abgeordneten konnten nicht als Mandatare der Juden auftreten, da sie hiezu von niemanden eine Vollmacht erhalten hatten. Warum sind denn die Herren Stand und Genossen so bequem, daß sie sich nicht nur nicht rühren, sondern sich nicht einmal an die ruthenischen Abgeordneten mit ihren Anliegen wenden. Man kann doch von uns nicht verlangen, daß wir den Herren zionistischen Führern nachlaufen. Uebrigens wissen wir ja ganz gut, was wir von Herrn Stand als — Politiker zu halten haben!" Unser Gespräch wendete sich dann anderen Themen zu und da gerade ein Zeitungsjunge die Abendblätter ins Kupee brachte, beschäftigten wir uns mit dem alleraktuellsten Thema — dem Falle von Adrianopel. Ich richtete an den Abgeordneten die Frage, ob nunmehr angesichts der großen Verluste Bulgariens

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