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Neue Nationalzeitung · 1913-03-14 · Heft 6 (14.3.1913) · p. Seite 47

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 6 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
Seite 47 (sequence 12)
Language
German
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hr. (> „Neue Natiorial-Zeitung" FEUILLETON. Seite 47 Der Täufling. (Schluß.) Iii. In den ersten Stunden fühlte sich Beni im elterlichen Hause nicht gar behaglich. Der Vater wollte durchaus alle Einzelheiten erfahren, wie sein Sohn an die Universität gelangt sei, wieviel. Juden außer ihm aufgenommen wurden und ob's nicht schamlose Individuen gegeben hatte, die sich deswegen haben taufen lassen. „Die jetzige Jugend ist zu allem fähig*', meinte der Vater verachtungsvoll. Aber als er mit seinen Fragen nachließ, fühlte sich Beni schon etwas behaglicher. Nach dem engen Studentenkabinett unter fremden Leuten erschien ihm jetzt das elterliche Heim doppelt so lieb. Nach einigen Tagen hatte sich Beni in die neuen Verhältnisse ganz hineingelebt; an seine „kleine Formalität" hatte er überhaupt nicht mehr gedacht. Am Rüsttag des Sukkoth-Festes half er dem Vater, wie alljährlich, die Sukke bauen und plauderte mit ihm bei dieser Gelegenheit über sein Studium. „Du sagst. Arzt sollte ich werden", verteidigte sich Beni lebhaft — „wenn mich die Medizin aber nicht interessiert? Bei mir ist der Arzt derselbe Handwerker wie ein Schuster oder Schneider . . . Mich interessieren aber nur positive, festgesetzte Wissenschaften — hauptsächlich Mathematik". „Man muß doch aber auch an ,Tachles' denken", versuchte ihn der Vater zu überzeugen. „Was willst du von deiner Mathematik herausschlagen? Die Medizin gibt einem doch eine Existenz. Schau dir nur den Dr. Goldmann an. was für Palais der sich schon bauen läßt." „Deswegen?" unterbrach ihn Beni. „Fischman, der Baumeister, hat schon drei Kirchen fertiggebracht, soll ich deswegen vielleicht ein Baumeister werden? . . ." „Tu, wie du's verstehst", hörte Beni die dumpfe Stimme des Vaters aus der Sukke. „Vielleicht kommst du später auf meine Worte; vorderhand muß man dem Herrgott danken, daß du überhaupt aufgenommen worden bist. — Reich mal ein Stück Laub. — Andre müssen 2—3 Jahre drauf warten, bis sie aufgenommen werden. — Das große Stück Laub da gib her —. Lassen sich viele Tausende kosten. — Nicht dieses, jenes dort —. Was Protektion ausmacht!" Beni wollte seine Mathematik nicht mehr verteidigen. Er fuhr sich mit seiner Kinderhand über die hohe Stirn und wandte sich von der Sukke weg. Ihm schien's, als ob der Vater vom Dach der Sukke her auf ihn forschend hinuntersehe, und seine Röte im Gesicht verdächtig betrachte. Abends sagte der Vater zum Sohn; „Nun. Beni, geh'n wir zum Abendgebet". Beni erschauerte, wie einer, den man bei einer schlechten Tat erwischt. „Wie dumm ich bin!" machte er sich selbst Vorwürfe. „Steht's mir denn auf der Stirn geschrieben? oder bin ich vielleicht heuer anders als voriges Jahr am Sukkoth-Fest? . . . Nerven! . . . Nerven! . . ." Kaum hatte Beni die Synagoge betreten, eilten alle auf ihn zu und gratulierten ihm, w ie einem Bräutigam. Väter anderer Maturanten bestürmten ihn mit Fragen, wie man sich wohl zur Universität emporschwingt. Beni schwieg. Jede Gratulation und jede Frage tat ihm weh, wie eine Ohrfeige. „Protektion!" antwortete der Vater für ihn. Aber die Väter, deren Söhne mit Auszeichnung maturiert hatten, begnügten sich nicht mit dieser Antwort. Sie wollten auch wissen, was für Protektion, wie man sich diese verschafft und was diese Protektion kostet. Es muß doch eine außergewöhnliche Protektion sein, wenn heutzutag ein Jud' an die Universität aufgenommen werden soll — es sei denn, Purisehkewitsch selbst habe sich für ihn verwendet! . . ." Noch nie befand sich Beni in einer solchen verzweifelten Situation, wie gerade diesmal I *ie Gratulationen und alle diese Fragen reizten ihn so sehr, daß er beinahe aufgeschrien hätte; „Die Taufe ist die größte Protektion! . . . Aufgeregt ging er nach dem Abendgebet von dannen, aufgeregt kam er am nächsten Morgen wieder her. Nun harrte seiner noch viel Schlimmeres. Seinem einzigen Sohn „Maftir" zu kaufen, war Gabriel Großmanns größte Wonne. Wenn sein Benile noch als Gymnasiast vor der Thorarolle zu stehen und mit seiner kinderrein klingenden Stimme das Gebet fließend herunterzusagen pflegte, mochten der Vater unten und die Mutter oben in der Frauenabteilung vor Freude jauchzen. Mit sichtlichem Stolz pflegte Reb Gabriel um sich zu schauen und seinem Blick konnte man ablesen: „Ein Gymnasiast — und schaut, was für ein Hebräer! So muß man Kinder erziehen . . ." Nun wollte er zeigen, daß sein Sohn sogar als perfekter Student derselbe gute Jude geblieben ist. „Gabriel Großmanns Sohn mag sogar Professor werden, bleibt er derselbe gute Jude wie sein Vater," pflegte er sich oft zu brüsten. Der Preis wrar schon ziemlich hoch gestiegen; aber Gabriel ließ sich nicht überbieten, sein Sohn mußte Maftir kriegen. Während des Versteigerns war Beni zumute, als wenn er im Dampfbad auf der obersten Stufe stehen möchte und von unten her immer mehr Dampf zustömen würde — einfach zum Ersticken. „Hör doch auf!" bat er den Vater. Nach dem gestrigen Abend hielt er es einfach für unmöglich, vor der Thora stehen zu können. Ihm schien's, als würden alle sofort verstehen, warum ihm die Ohren so glühen und warum seine Blicke so wirr umherschweifen. „Beni, du hörst gar nicht?" zupfte ihn der Vater plötzlich beim Aermel. „Man hat dich doch zu Maftir aufgerufen!" „Ha, mich? ..." Mit hastigen Schritten trat er vor die Thora, und ohne sich umzuschauen, verschluckte er rasch den Segen. Zu Vaters größtem Bedauern hatte er die Hafthora ganz leise heruntergemurmelt und den zweiten Segeusspruch hat überhaupt niemand mehr gehört. Als ihm der Schames „Mi Scheberech" machte, erhob Beni das Haupt und er begegnete dem spöttischen Blicke Note Chwojniks. Ein Schauer durch-

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