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Neue Nationalzeitung · 1913-03-14 · Heft 6 (14.3.1913) · p. Seite 48

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 6 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
Seite 48 (sequence 13)
Language
German
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,Netie National-Zeifrung" zuckte seine Glieder und er fühlte wie ihm das Hemd am Leib drückte. „Eine Qwure, Beni," lächelte Chowjnik, als der Student die Stufen der Bühne hinunterstieg. Wie vom Blitz getroffen, eilte Beni auf seinen Platz, warf den Tales auf die Bank, und mit den Worten „Vater, mir ist schlecht,'4 raste er wie ein Wahnsinniger davon. Bleich vor Schreck eilte ihm der Vater nach, und händeringend kugelte sicli von den Stiegen die verzweifelte Mutter ... IV. Die ganzen Feiertage hockte Beni auf dem harten Diwan, und so oft Verwandte kamen, pflegte er ihnen den Rücken zu wenden und sich schlafend zu stellen. „Was fehlt dir, mein Sohn?" fragte ihn die verzweifelte Mutter. „Nichts. Nur ein bissl Kopfschmerzen." „Vielleicht soll ich den Arzt holen?" „Ist nicht notwendig — es wird schon von selbst gut werden." Und die hageren Hände an die Schläfen drückend, fragte er sich schon zum tausendsten Male: „Was soll ich beginnen? Wie entwirre ich mich aus diesem Netz? ... Wie macht man's, um mit den Eltern, Verwandten und Freunden nicht brechen zu müssen? Wie entgeht man den spöttischen Blicken Note Chwojniks? Daß ihn nicht jedes Wort, das ihn an die „kleine Zeremonie erinnert, wie ein Messerstich treffe? Kurz, daß er sich so fühle, wie früher?" In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft, er konnte den Gedanken an die Taufe nicht loswerden. Am letzten Sukkoth-Tage stand er auf und meldete, er müsse noch abends abreisen. Die Mutter erschrak ordentlich — sie meinte, er spricht im Fieber. Aber Beni sagte ganz ruhig und präzis: „Ich fahre mit dem Zwölfer-Zug." „Hast du's so eilig?" versuchte ihn die Mutter aufzuhalten. „Ich hab' dir ja nicht einmal Wäsche vorbereitet." „Ich will ohnehin nicht viel mitnehmen. Ich komm ja bald wieder auf Weihnachten." „Aber was wird dir dort davonlaufen, was? Ein Mensch liegt und plötzlich springt er auf — er fährt! Erhol' dich zuerst ein wenig, schau, wie du aussiehst!" „Und wirklich, warum eilst du so?" kam ihr der Vater zu Hilfe. Aber alles umsonst. Begleitet vom schweigenden Vater und der weinenden Mutter, fuhr er am selben Abend weg. Zwei Tage darauf erhielt Gabriel Großmann ein kurzes Telegramm: „Euer Sohn plötzlich gestorben. Bitte zu kommen!" Noch kürzer war der Zettel, den Beni zurückließ: „Ich hab' mich verrechnet..." DerZarundderjüdischeSchneider. Eine amüsante Schilderung der Abenteuer eines kleinen jüdischen Schneiders, der durch einen Zufall auf kurze Zeit zum Uniformschneider des Zaren wurde, veröffentlicht mit Genehmigung der Hofbehörden die russische Monatsschrift „Argus". In Sinferopol, dem Standort der Krimdragoner, lebt ein kleiner jüdischer Schneider namens Khaim Kuritschkeß. Vor einem Jahre kam der Oberst der Krimdragoner auf den Gedanken, sich bei dem Schneiderleiii eine neue Galauniform machen zu lassen. Khaim Kuritschkeß ging mit Feuereifer an die Arbeit, und aus seinen fleißigen Händen ging auch ein wahres Meisterstück der Schneiderkunst hervor: eine Uniform, die wie angegossen saß. Von diesem Tage an war es um die Ruhe im Hause Kuritschkeß geschehen, denn nun ließen sämtliche jungen Leutnants der Krimdragoner bei dem kleinen Schneiderlein arbeiten. Da sie aber das Bezahlen ihrer Schulden vergaßen oder jedenfalls sehr hinausschoben, geriet Khaim Kuritschkeß in Schulden, und sorgenvolle Zeiten kamen. Aber dem Meister der Nadel standen noch neue Aufregungen bevor. Der Zar versprach dem Oberst, bei der Vorstellung des Offizierskorps vor der Kaiserin die Uniform der Krimdragoner anzulegen und sagte dabei: „Ich glaube übrigens, ich habe gar keine Uniform Ihres Regimentes. Ich werde mir eine machen lassen müssen. Sie scheinen ja einen ausgezeichneten Schneider zu haben, Ihre Uniform sitzt tadellos, geben Sie mir doch die Adresse dieses Mannes!" Von alledem wußte der arme Kuritschkeß natürlich nichts, und man wird sich vorstellen können, welcher Schrecken im Hause Kuritschkeß herrschte, als eines schönen Tages plötzlich ein elegantes Automobil vor der ärmlichen Wohnung des Schneidermeisters hielt und ein sehr streng dreinblickender Generalstabsoffizier mit rasselndem Säbel in die Werkstatt trat, um den Schneider abzuholen. Das arme Schneiderlein war nicht wenig erschrocken, aber es wagte nicht, Fragen zu stellen; nach einem herzzerreißenden Abschied von seiner Frau und seinen neun Kindern folgte er dem fremden Manne, und die Familie blieb zurück, ohne zu wissen, welchem Schicksal der Vater entgegenging. Tage vergingen, teilnahmsvolle Nachbarn erzählten von Sibirien, und Frau Kuritschkeß wußte nicht, ob sie noch Frau oder schon Witwe sei, als plötzlich Khaim Kuritschkeß wieder erschien. Und er hatte vieles zu erzählen. Jene Fahrt mit dem säbelrasselnden Offizier hatte zweieinhalb Stunden gedauert; und nicht ein einziges Mal richtete der Herr Offizier auch nur eine Silbe an das ängstliche Schneiderlein. Dann kam er nach Yalta, und hier führte man Kuritschkeß sofort in ein Zimmer, wo ein General und ein Gendarmerieoffizier ihn erwarteten. Langsam und traurig verstrichen die Stunden. Am nächsten Morgen führte man das Schneiderlein in ein anderes Automobil, das fuhr nach Livadia, und hier brachte man Kuritschkeß zu einem „so großen General, daß er gewiß ein General aller Generäle gewesen sein muß." Und nun erst erfuhr der Schneider von Simferopol, daß ihm „das große Glück" zugefallen sei, für den Zaren eine Uniform der Krimdragoner zu machen. Man gab ihm die Maße des Zaren, und dann führte man ihn in das Arbeitszimmer des Kaisers, damit er einen Eindruck von der Figur erhalte. Der Zar empfing ihn freundlich: „Ach, da sind Sie schon, Sie sind Khaim Kuritschlkeß, der Schneider, dch möchte, daß Sie mir eine Uniform der Krimdragoner machen. Und sie soll so schön sitzen wie die des Obersten." Das Glück war dem Meister gnädig, das schwierige Werk gelang, und der Zar war zufrieden. Als die Frage der Bezahlung aufgeworfen wurde, wollte Khaim Kuritschkeß nichts annehmen; aber er erhielt schließlich doch 100 Mark und vom Hofmarschallamt noch weitere 600 Mark, um daheim seine Schulden zu bezahlen. Im Automobil fuhr man das Schneiderlein wieder nach Hause. Und einige Tage später erschien ein Leibkurier des Zaren und überreichte ihm ein Etui mit einer goldenen Uhr und Kette. Auf der Uhr sieht man den russischen Doppeladler und darunter die gravierte Inschrift: „Khaim Kuritschkeß für Fleiß"...

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