Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 6 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 45 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Seite 45 bietes an Rumänien eine starke Bewegung geltend macht, ist außerordentlich begreiflich. Die Bulgaren sind ein dürch und durch demokratisch empfindendes Bauernvolk, und Rumänien ist beherrscht von einem engen Kreis von Politikern, deren Parteinamen verschieden sind, die aber in einer Beziehung sich fast völlig gleichen; sie unterdrücken den Bauernstand aufs schwerste — Beweis: die blutigen Bauernrevolten — und sie bedrücken — im Gegensatz zu dem Berliner Vertrag — die Juden nicht weniger schwer, die sie zu rechtlosen Fremdlingen gemacht haben, obgleich diese Fremdlinge, wenn es gälte gegen Bulgarien zu kämpfen, ihr „Vaterland", das ihnen kein Vaterland ist, mit der Waffe, mit ihrem Blute verteidigen müßten. Würde man in den in Frage kommenden Gebieten an der Donau eine Volksabstimmung darüber vornehmen, ob die Einwohner Rumänen werden wollten, es ist mir unzweifelhaft, daß nicht ein bulgarischer Bürger für die Abtretung stimmen würde. Und gleichwohl wäre es irrationell, den Grundsatz zu proklamieren: Fiat justitia pereat mundus. Ein iiimänisch-bulgarischer bewaffneter Konflikt ist ein noch größeres Uebel, als die Preisgabe eines Landstriches, gegen den die Betroffenen sich sträuben. Folgt man bis hieher der europäischen Diplomatie, so bleibt es aber alsdann ihre Pflicht, die Härten des Opfers, das die preisgebenden Bulgaren zu bringen haben, nach Möglichkeit zu mildern. Und es scheint mir, daß die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt die Anregungen Luigi Luzzattis so laut ihrerseits verkünden sollte, um auch den schwerhörigen Diplomaten ein Ueberhören solch eines berechtigten Verlangens unmöglich zu machen. Die bulgarischen Juden haben sich bereits an ihren Kultusminister und an ihren Minister der auswärtigen Angelegenheiten mit einer Eingabe gewandt, in der auf die Behandlung der rumänischen Juden hingewiesen wird, und in der es dann heißt: „Unter diesen Umständen wäre der Uebergang unserer Glaubensgenossen in dem in Frage kommenden Gebiete (wo es alte israelitische Gemeinden und erhebliche Gruppen ackerbautreibender Juden gibt) von der bulgarischen zur rumänischen Herrschaft gleichbedeutend mit dem Eintauschen bürgerlicher Freiheit und Gleichheit gegen völligen Ausschluß von der staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit, verknüpft mit moralischer Erniedrigung." Daß die Juden Bulgariens gegen eine solche Möglichkeit protestieren, wie die nichtjüdischen Bulgaren von ihrem Standpunkt aus es gleichfalls tun, ist begreiflich genug. Träte jene Entwicklung ein. die Luzzatti herbeiwünscht — nämlich die Durchführung der Rechtsgleichheit in Rumänien gemäß dem Berliner Vertrage — so wäre das ein Glück für die Emanzipierten und für Rumänien selbst, das in seinem eigensten Interesse danach trachten sollte, diese offene Wunde auszuheilen. In jedem Falle aber liegt der europäischen Diplomatie die Pflicht ob, die Rechte jener Bulgaren, und natürlich auch jener bulgarischen Juden sicherzustellen, die im Interesse der Bedürfnisse europäischer Politik aus den gesicherten Verhältnissen bulgarischen Staatslebens in die recht unerfreulichen und für die Juden unerträglichen Zustände Rumäniens hinübergeführt werden sollen. Dieses neue Opfer, das der orientalische Krieg im Gefolge haben soll, kann die Presse, die Parlamente, die europäische Diplomatie wenigstens verhindern; und sie sollte es verhindern. Helfen Sie, verehrter Freund, dazu. In größter Achtung Paul Nathan. Gemeindeu. Vereinsnachrichten. Wien. (Vereinigung jikl. Exportakademiker in Wien IX, Berggasse 16.) Die am 3. März d. .1. stattgefimdenen Ausschußwahlen ergaben folgendes Resultat: A. Emanuel Reiner, Präses; Siegfried Landau, l. Vize-Präses; Chaim Willner, 2. Vize-Präses; Emil Kurz und Max Buxspan, Schriftführer; Hugo Wertheimer und Abraham Orot!, Kassierer: Fritz Löbel und Moritz Tausk ohne Funktion. Zu Revisoren wurden ernannt: Oskar Freudenthal und Moritz Ruhalter. /WS ALLEN WELTTEILEN Ein polnischer Jude als Kriegsminister von Abessinien. Moritz Hall war Kriegsminister unter dem König Theodores von Abessinien, eines Vorgängers des Negus Menelik. Als junger Bursche ging er nach Bombay, wo der Bruder seines Vaters wohnte. Er wollte hier ein Gewerbe erlernen, um sich hier eine Existenz gründen zu können. Der Bruder seines Vaters war hier auch ein recht wohlhabender Mann geworden. In Bombay erlernte nun Moritz Hall das Metallgießergewerbe und brachte es auf diesem Gebiete zu einer großen Fertigkeit. Theodores von Abessinien beabsichtigte nun, eine eigene Kanonenfabrik zu gründen, um hier die notwendigen Geschütze selbst herstellen zu können. Er ließ durch seine Beamten nach einem tüchtigen Metallgießer suchen. Da Moritz Hall dem König gut empfohlen worden war, so wurde er von ihm angestellt und erhielt den Auftrag, die abessinischeu Kanonen herzustellen. Hall verstand es, sich das Vertrauen seines königlichen Herrn in hohem Maße zu erwerben. Er erhielt hohe Ehrenstellungen und mußte den König des öfteren auf seinen .Kriegszügen begleiten. Schließlich wurde Hall abessinischer Bürger, er heiratete eine Abessinerin und stieg auf der Ehrenstufenleiter bis zu dem Range eines Kriegsministers, den er lange Zeit inne hatte. Auf diese Weise gelangte er zu dieser hohen militärischen Stellung. Der Marannenfriedhof in Petersburg. Vor einigen Tagen starb in Petersburg der öffentliche Notar Dworschetzki, der seit 50 Jahren getauft war, so daß in seinem Bekanntenkreise fast niemand wußte, daß er jemals Jude gewesen. Desto überraschender war die Wirkung seines letztwilligen Wunsches, nach jüdischem Ritus und auf jüdischem Friedhofe begraben zu werden. Merkwürdigerweise hat die heilige Synode die Bewilligung hiezu erteilt, und so wurde Dworschetzki auf dem jüdischen Friedhofe in Petersburg bestattet, und zwar auf einer eigenen Abteilung, welche die Petersburger Judengenreinden mit Rücksicht auf die Häufigkeit ähnlicher Fälle den Marannen. die formell den christlichen Glauben annehmen, aber, wie aus ihren Testamenten ersichtlich, im Innern Juden geblieben sind, eingeräumt hat. Eine jüdische Ausstellung in Cincinnati. In Cincinnati (Amerika) fand vom 20. Jänner bis Ende dieses Monats unter dem Titel „Exposition oi Jews of many lands" eine Ausstellung statt, w elche eine übersichtliche Darstellung der Entwicklung, welche die Juden in den einzelnen Ländern durchgemacht haben, geboten hat. Die Ausstellung ging vom Rektorat des Rabbinerseminares in Cincinnati aus.