Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 6 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 44 ..Nene National-Zeittmg" Nr. 6 Flüchtlinge auch erfreulicherweise von den schweren Epidemien verschont geblieben, die unter den mohammedanischen Flüchtlingen so furchtbare Opfer gefordert haben. Plötzliche Abreise des Dr. Nathan. Nachdem wir am Donnerstag abend über all diese Verhältnisse uns die nötigen Informationen verschafft hatten, beschlossen wir, an den folgenden Tagen die Emigranten selbst aufzusuchen, mit ihnen über das Schicksal ihrer Familien, ihrer Angehörigen, über ihre spätere Zukunft usw. selber Rücksprache zu nehmen. Leider verschlechterte sich der an und für sich nicht feste Gesundheitszustand des Herrn Dr. Nathan Freitag so sehr, daß er auf ärztlichen Rat, nachdem alles wesentliche der Hilfstätigkeit für die Opfer des Balkankrieges erledigt war, nach Berlin zurückreisen mußte. Die Herren Adler und Kahn blieben dort, um noch die weiteren Details der Hilfstätigkeit in Konstantinopel zu regeln. Am Montag, den 3. Februar, fand eine nochmalige Sitzung im Hause des Großrabbiners statt, nachdem die Delegierten persönlich durch Augenschein sich über die Verhältnisse in Konstantinopel informiert hatten, und es wurde gemäß den Festsetzungen dieser ersten Sitzung endgültig die bereits angegebene Unterstützung zugesagt. Ferner wurde dem bestehenden Komitee Herr Judeisohn von der amerikanischen Botschaft hinzugefügt. Eine Hilfsaktion für Adrianopel. Wir berieten in der Sitzung eingehend über das Schicksal Adrianopels und ventilierten alle Möglichkeiten der eingeschlossenen jüdischen Bevölkerung in Adnianopel, die nach Abz<ug derjenigen Flüchtlinge, die Adrianopel verlassen haben und unter Hinzurechnung derjenigen Personen, die dorthin geflüchtet sind, etwa 19.000 Seelen beträgt, Hilfe zu bringen. Man war darin einig, daß man auch in dem Falle, daß Adrianopel türkisch bleibt, sehr schwer von Konstantinopel aus für die Ausgehungerten in den ersten Tagen wird sorgen können. Für die ersten Tage muß jedenfalls damit gerechnet werden, daß die nötigen Lebensmittel und die erste Hilfe von der bulgarischen Seite her beschafft wenden. Repatriierung der Flüchtlinge. Es wurde ferner in der Sitzung beschlossen, schon jetzt alles Nötige vorzubereiten, um sofort nach Friedensschluß die Flüchtlinge in Konstantinopel zu repatriieren, damit alle unnötigen Verpflegungsausgaben vermieden werden und die Bevölkerung, die an und für sich durch die erzwungene Untätigkeit Gefahr läuft, demoralisiert zu werden, so schnell wie möglich wieder arbeits- und erwerbsfähig gemacht wird. Zu diesem Zwecke soll schon jetzt das Notwendigste geschehen, ein ganz detaillierter Plan ausgearbeitet werden, der sofort ausgeführt werden kann, wenn die Möglichkeit einer Rückkehr gegeben ist. Die nötigen Vorarbeiten, statistischen Erhebungen usw. werden auf Veranlassung der Delegation jetzt bereits vorgenommen. Wir benutzten die Zeit weiter, um mit den in Konstantinopel anwesenden angesehenen Persönlichkeiten aus Adrianopel noch eingehend über die Art und Weise der Hilfe für Adrianopel uns zu beraten. Alle, die wir sprachen, waren einig, daß das, was wir bereits angeordnet haben, durchaus notwendig und zweckmäßig sei. Am Dienstag reiste Herr Adler, nachdem unsere Aufgaben vollendet waren, nach London zurück. Herr Dr. Kahn blieb noch einige Tage, um über die geschädigten thrazischen Gemeinden die nötigen Erhebungen anzustellen und weitere Einzelheiten mit den Mitgliedern der Kommission für die Hilfeleistung in Konstantinopel festzusetzen. Am 8. Februar fuhr auch Herr Dr. Kahn von Konstantinopel ab. Da es sich herausgestellt hatte, daß es notwendig war, noch einmal mit den serbischen und bulgarischen Behörden in Verbindung zu treten, so fuhr Herr Dr. Kahn über Konstanza, Bukarest nach Belgrad, wo er am Dienstag, den 11. Februar, abends eintraf. Am Mittwoch wurden eingehend noch einmal alle Ergebnisse der Reise, soweit die Mithilfe der bulgarischen und serbischen Behörden in Betracht kam, mit Herrn Großrabbiner Dr. Ehrenpreis, der aus Sofia herübergekommen war, und Herrn Großrabbiner Alkalay aus Belgrad durchgesprochen. Wir hielten es für nötig, an die serbischen und bulgarischen Behörden heranzutreten, um die Flüchtlinge, soweit es angeht, schnellstens zurückzubefördern. Erfreulicherweise fanden wir wie früher bei den bulgarischen Behörden, so auch jetzt bei den serbischen das größte Entgegenkommen. Das serbische Generalkommando in Uesküb hat für die Repatrierung der Flüchtlinge nach Istip bereitwillig 20 Ochsenwagen zur Verfügung gestellt und hierdurch wiederum bewiesen, wie wohlwollend insbesondere auch die serbischen Behörden der jüdischen Bevölkerung gegenüberstehen. Durch dieses menschenfreundliche Verhalten der serbischen Behörden wird es nunmehr möglich sein, in kurzer Zeit die Flüchtlinge aus Saloniki wieder nach ihrer Heimat zu bringen. Die Großmächte und die rumänische Judenfrage.*) Sie bringen in Ihrem Blatte einen Auszug aus einem Artikel Luigi Luzzatis über die Großmächte und die rumänische Judenfrage. Was Luzzati sagt, mußte gesagt werden, und wie er es sagt, ist ganz ausgezeichnet. Dieser letzte orientalische Krieg hat der Scheußlichkeiten eine Unzahl gebracht, auf allen Seiten und jeder Art, wie ich selbst durch Berichte von Augenzeugen an Ort und Stelle einwandfrei eruiert habe; und die Zahl der zuverlässigen Zeugen, die im Orient gleiche Erfahrungen gesammelt haben, ist groß genug. Die europäische Diplomatie hat nichts getan, um diese Barbareien zu verhindern; sie konnte leider auch nichts Wirkungsvolles tun, um diesen Krieg des National- und Religio-nshasses aller gegen alle auf der Balkanhalbinsel in seinen furchtbaren Wirkungen menschlicher zu gestalten. Jetzt aber bietet sich für die europäische Diplomatie eine Aufgabe, die sich lösen läßt, die sogar mit Leichtigkeit gelöst werden kann. Gewiß wäre es ein neues Unglück für die betroffenen Staaten und für die so wünschenswerte Ruhe Europas, wenn der Krieg auf dem Balkan durch einen Zusammenstoß zwischen Bulgarien und Rumänien vervollständigt werden sollte. Unserem modernen Empfinden widerstreitet es freilich aufs äußerste, daß Länder und Menschen wie Waren vertauscht werden, und wer heute Bulgarien als sein Vaterland bezeichnet hat. soll morgen, weil die Diplomatie es so will, Rumänien mit Begeisterung sein Vaterland nennen. Daß in Bulgarien sich daher gegen die in Aussicht stehenden Abtretungen eigenen Ge- *) Anknüpfend an den Artikel des gewesenen italienischen Ministerpräsidenten Luigi Luzzatti im „Corriere della Sera", worin der große jüdische Staatsmann die Großmächte auffordert, den rumänischen Juden endlich zu ihrem Rechte zu verhelfen, beleuchtet Dr. Paul Nathan, soeben von seiner Balkanreise zurückgekehrt, im „Berliner Tageblatt" die traurige Lage unserer Volksgenossen in Rumänien und deren unhaltbaren Zustand. Die Redaktion.