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Neue Nationalzeitung · 1913-03-14 · Heft 6 (14.3.1913) · p. Seite 43

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 6 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
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Nr. Mitgliede des Wahlreform-Ausschusses folgendermaßen ausläßt: „Was die Juden betrifft, so hat man eigentlich mit niemanden zu u n t e r h a n d e 1 n. Sie haben gar keine Organisation, insbesondere aber keine Organisation, die als Repräsentanz der Judenheit angesehen werden könnte. Wie kommen denn wir dazu, ihnen im nächsten Landtage Mandate zu sichern? Das wäre Sache ihrer Führer. Aber, wie erwähnt, sie haben keine größeren und kräftigeren Organisationen, und deshalb können wir auf sie keine Rücksicht nehmen." — „Also, die Juden haben keine bestimmte Anzahl von Landtagsmandaten zu erwarten?" „Nein. Die Zahl der jüdischen Mandate ist eben sehr variabel. Sie wird davon abhängen, ob die Juden bei den Wahlen solidarisch vorgehen oder als abgesonderte Parteien auftreten werden. Beim System der doppelten Mandate werden sie die Möglichkeit haben, sich das Majoritäts- oder Minoritätsmandat zu erobern, so z. B. in Tarnopol, Kolomea usw., allein das wird von ihrer Solidarität abhängen. Von einer Sicherung ihres Besitzstandes ist keine Rede." — „Diese Lösung der Präge könnte unter den jüdischen Massen eine Erregung hervorrufen, die dem Lande durchaus nicht nützlich wäre!" „Nun, das befürchten wir nicht. Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß diese Aufregung größere Dimensionen annehmen könnte. Um eine Aufregung der jüdischen Massen hervorzurufen, die imstande wäre, auf uns einen Druck auszuüben, dazu gehören festgefügte Organisationen, die den Juden fehlen. Die Juden trifft die Verantwortung selbst, daß sie so schlecht abschneiden/* — „Sitzt doch im Wahlreformausschuß als Repräsentant der Judenschaft Dr. von Löwens t e i n. Sein Wort könnte doch von entscheidender Bedeutung sein." „Machen Sie doch keine Witze! Wen repräsentiert denn Herr Löwenstein? Etwa eine politische Organisation oder eine leitende idee innerhalb der Judenschaft? Löwenstein repräsentiert nur sich und seine nächste Verwandtschaft. Als Regierungskandidat vertritt er doch nur die Wünsche der Regierung, aber er repräsentiert weder die Juden noch eine jüdische Organisation. Man gab sich einmal der Täuschung hin, daß er die assimilatorische Richtung unter den Juden vertrete. Aber diese Bewegung existiert doch heute gar nicht mehr; höchstens, daß sie noch ein schwindsüchtiges Dasein führt. Löwenstein ist kein Faktor, mit dem man rechnen könnte.'* — „Also, wie viel Mandate glauben Sie doch, daß die Juden bei den nächsten Neuwahlen erobern könnten?" ,Jch denke, daß ihnen im besten Falle von den 225 Mandaten acht, höchstens zehn zufallen würden. Für sicher sehe ich an die Mandate von Lemberg, Krakau. Tarnow, Stanislau, Tarnopol, Drohobycz. Kolomea, Stryj. für weniger sicher Przemysl. Vielleicht kommen noch dazu zwei Mandate kleinerer Städtchen." — „Glauben Sie. daß die Wahl reform ohne die J u d e n p e riekt werden wir d?" „Gewiß!" So weit die Stellungnahme der zionistischen Führer zur Frage der Landtagswahlreform. Es erübrigt nur noch, ihre Untätigkeit in wirtschaftlicher Beziehung zu beleuchten. Darüber nächstens. Die Hilfsaktion für die Juden auf dem Balkan.*) (Schluß ) Am Donnerstag, den 30. Jänner, vormittags, trafen wir in Konstantinopel ein. Wir nahmen sofort unsere Tätigkeit auf und hatten bereits im Laufe des Mittags eine Reihe von Besprechungen mit den verschiedensten Persönlichkeiten, die sich bisher mit dem Hilfswerk in Konstantinopel betagt hatten. Am Abend fand eine offizielle Sitzung der fiilfskommission beim G r o ß r a fabln er statt, in der die Lage in Konstantinopel eingehend erörtert wurde. Zur Zeit der Anwesenheit der Delegierten in Konstantinopel befanden sich 3087 Flüchtlinge in Konstantinopel, darunter etwa 426 Personen aus Adrianopel, 387 aus Bourgas, 200 aus Rodosto, 614 aus Silivria, 446 aus Kirk-Kilisse. 317 aus Tschorlu. Eine große Anzahl anderer ■Flüchtlinge, die sich außer diesen in Konstantinopel aufhalten, können sich noch selbst unterhalten, während den angegebenen Flüchtlingen alles — Wohnung. Kleidung, Nahrung, Heizung usw. — geliefert werden muß. Die Zahl der Bedürftigen vermehrt sich täglich, da viele ihre letzten Sparpfennige im Laufe der Zeit aufzehren und infolge Jessen hilfsbedürftig werden. Nach Wiederaufnahme der Feindseligkeiten dürften wohl auch neue Flüchtlinge aus Gal':poli, Rodosto und Umgegend eintreffen. In Anbetracht der schweren Aufgabe, die die Versorgung dieser großen Zahl von Flüchtlingen bedeutet, mußte jede Tätigkeit .) Vgl. die Berichte in Nr. 3 und 4. Anin. d. Red. für die Armen Konstantinopels selbst, die zum großen Teile auch bittere Not leiden, einstweilen zurückgestellt w erden. Wir konnten mit Genugtuung feststellen, daß die Kommission in der besten Weise für die Flüchtlinge Sorge trägt. Insbesondere ist hier anerkennend die unermüdliche Tätigkeit des Herrn Apothekers Aron Barsilai hervorzuheben, der mit großer Aufopferung persönlich sich um das Wohl und Wehe der Flüchtlinge kümmert. Es sind bisher an Hilfsgeldern in Konstantinopel 120.0ÜO Franks eingegangen, davon 100.000 Franks aas dem Aaslande und 20.000 Franks aus Konstantinopel und der Türkei. Die gesamte Summe ist auch bereits verausgabt worden. Nach eingehenden Beratungen wurde festgestellt, da!' man für die Flüchtlinge wenigstens 40 Centimes pro Kopf täglich verwenden müsse, und diese Summe wurde einstweilen für vier Wochen von der Delegation restgesetzt. Das ergibt rund 40.000 Francs für den Monat. Die Lage der -Flüchtlinge in Kons: •atiaope! selbst ist natürlich eine recht traurige, aber es ist e:u Trost, daß das Komitee in Konstantinopel, um das traurige Los zu mildern und die Flüchtlinge menschenwürdig unterzirbringen. sie in ordentlicher Weise verpflegt und bekleidet. Die Unterbringung geschah nicht wie bei den mohammedanischen Flüchtlingen, r; großen Massenquartieren, sondern die Flüchtlinge sind über ganz Konstantinopel und namentlich über die Vororte verteilt. Infolge der ausgezeichneten. Fürsorge sind die jüdischen

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