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Neue Nationalzeitung · 1913-03-14 · Heft 6 (14.3.1913) · p. Seite 42

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 6 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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Seite 42 ,Ncue NationaLZeitung" Nr. 6 Darüber würden wir uns sehr leicht hinwegsetzen. Aber die Führer der jüdischen Gemeinden sind es, die Kultusvorstände von Wien, Paris und London, die sich zu gefügigen Werkzeugen der Familie Rothschild herabwürdigen. Erst in jüngster Zeit wurde in London trotz des Widerspruches der ganzen Gemeinde ein Chief-Rabbi für ganz England „gewählt", weil Lord Rothschild die Erklärung abgegeben hat, daß, falls sein Protektionskind nicht gewählt werden sollte, sich seine ganze Familie von der Teilnahme ain jüdischen Gemeindeleben zurückziehe. In London betätigen sich wenigstens die Rothschilds aktiv in einzelnen humanitären und rituellen Organisationen. Die Tätigkeit der Wiener Rothschilds besteht aber lediglich darin, daß sie zweimal des Jahres im Tempel erscheinen und etliche Kronen für das Bethaus spenden, daß die beiden Herren weiters statt der Kultussteuer von 12.000 Kronen 20.000 Kronen bezahlen. Dafür ist der Kultusvorstand von Wien geradezu ihr Höriger. Die Familie Rothschild hat das Recht, einen ihrer Angestellten zum Mitglied des Kultusvorstandes zu ernennen. Und wenn im Sitzungssaal der Seitenstettengasse der Name Rothschild nur genannt wird, dann überläuft ein leiser Schauer devotester Ehrfurcht die Versammelten, insbesondere die Herren der älteren Generation, die mit Zuhilfenahme des Rothschildschen Wahlfondsbeitrages die Wiener Kultusgemeinde unter dem .loche des reaktionärsten Wahlrechtes halten. Als die beiden Wiener Rothschilds jünger waren, da sah man sie, wie bekannt, bei klerikalen Wohltätigkeitsfesten. Bei jüdischen sah sie noch niemand. Jüngst hat der Senior des Hauses die Großnichte von Moses Montefiore heimgeführt, und die jüdische Oeffentlichkeit hoffte, daß die Traditionen des unvergeßlichen Großonkels, der dem Großvater der Baronin seinen Namen und sein Vermögen hinterlassen hat, in deren Hause fortgepflanzt werden. Das junge Ehepaar hat sich nun im Hause des russischen Botschafters in die Wiener Gesellschaft eingeführt. Das ist die Antwort auf die allgemeinen Erwartungen. Bei den Romanows im Fasching, bei den Juden am langen Tag; das ist die Rolle der Rothschilds im öffentlichen Leben. Sache der jüdischen öffentlichen Meinung, speziell in Wien,, muß es endlich sein, diese Rolle auch richtig einzuschätzen. L. Die Landtags-Wahlreform und die Juden in Galizien. Lemberg, 6. März. Herr Adolf Stand ist nach Wien gefahren, um dort über den — Kongreß zu sprechen, nämlich den Zionisten-Kongreß. Ein anderer — selbst ernannter — Zionisten-„General", Herr Dr. Gerschon Z i p p e r, hat bereits in der Zeit größter wirtschaftlicher Deroute in Galizien zirka 40.000 Kronen für ein hebräisches Gymnasium in Jerusalem unter den armen Massen aufgebracht. Man sieht, was der Fanatismus oder, wie andere sagen werden, der Idealismus vermag. Gewiß. Die Zionisten Stand und Zipper handeln wacker, und sie erweisen der zionistischen Bewegung gewisse Dienste. Aber.....Stand und Zipper sind nicht bloß Zionisten, sie haben nicht ihr ganzes Sein, ihr ganzes Tun und Lassen der Wiederbelebung des jüdischen Volkes in Palästina gewidmet. Sie sind auch für innerpolitische Betätigung, für die Teilnahme am politischen Leben, für die Eroberung von politischen Mandaten — für sich. Wer an dem Strebertum dieser ganzen Clique, die den Zionismus nur als Köder benützt jemals noch gezweifelt hat, kann sich jetzt am besten davon überzeugen. Als vor zwei Jahren die Reichsratswahlen stattfanden, da gebärdete sich die Lemberger Clique unter Führung Stands und Zippers am lautesten. Sie affichierten sich als die einzigen, patentierten Vertreter des Judentums, sie verteilten ganz Galizien unter sich und versprachen den Massen politische und wirtschaftliche Hilfe, wer ihrer Clique nicht angehörte, war ein Verräter des Juden- . tums, ein Antisemit, ein „Datsch" usw. Das Duumvirat Stand und Zipper ist bei der Wahl erbärmlich durchgefallen; trotz drei- und vierfacher Versicherungen eroberten sie kein einziges Mandat. Speziell Stand wurde dem Parlamente „entrissen''. Die Wähler haben ihm offenbar Zeit geben wollen, im Lande zu bleiben, zu arbeiten, zu agitieren, zu organisieren. Und für einen wahren Volksmann wäre es eine freudige Pflicht, die Zeit des unfreiwilligen Urlaubs, insbesondere wenn man nicht zu erwerben braucht wie Herr Stand, im Interesse der Volksagitation zu verwenden. Gerade jetzt wäre es auch eine dankbare Aufgabe für einen jüdischen Volksfreund, den Massen näherzukommen, sie aufzuklären und in Bewegung zu setzen. Steht doch die Frage der Landtagswahlreform im Vordergrunde des öffentlichen Lebens von Galizien; haben doch beide führende Nationen im Lande, die Polen und Ruthenen, die Absicht, über den Kopf der Juden sich die Hände zu reichen und die Juden als politischen Faktor ganz auszuschalten. Wo bleiben denn da die Herren Stand und Zipper, wo verstecken sie sich denn, wenn es gilt, jüdische Mandate zu retten und neue zu schaffen? Sie sammeln für ein hebräisches Gymnasium und machen Reisen nach Wien, um über den Zionisten- Kongreß zu sprechen. Inzwischen machen die Polen und Ruthenen eine Wahlreform fertig, wonach den 12 Prozent Juden nicht einmal 5 Prozent der Mandate (das hieße von den 225 Mandaten 11 für die Juden) gesichert werden. Die jüdischen Interessen sind ganz preisgegeben, und es bleibt sich im Effekt ganz gleichgiltig, ob es Stand und Zipper aus Faulheit oder Absicht tun. Sie haben das jüdische Volk geradeso im Stich gelassen wie Löwenstein und Kolischer. Diese Haltung der zionistischen Parteileitung hat in allen judenfreundlichen Kreisen des Landes die größte Mißstimmung hervorgerufen. Als Ausdruck dieser Enttäuschung darf wohl ein Artikel des sonst den Zionisten sehr geneigten Abgeordneten Breiter gelten, der sich in seinem „M o n i t o r" in Form eines Interviews mit einem hervorragenden

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