Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 6 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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NSÜS KlONßL-ZBDUNG XV. Jahrgang. Wien, 14. März 1913. Nr. 6. Romanows und Rothschilds. Das 300jährige Jubiläum des Hauses Romanow ist für die Millionen Juden, die in den Ghettos von Polen und im Ansiedlungsrayon von Rußland zusammengepfercht sind, kein Anlaß zu freudigen Aufwallungen, sondern eher zu ernsten traurigen Betrachtungen. Wie unter keiner anderen Dynastie Europas in den letzten Jahrhunderten sind sie unter den Romanows nicht nur aller politischen und bürgerlichen, sondern auch der primitivsten Menschenrechte beraubt. Warum von Rechten sprechen? Sie sind ihres Lebens nicht sicher. Ihr Hab und Gut darf straflos ausgeplündert werden. Unter der persönlichen Fürsorge des Justizministers wird seit zwei Jahren ein unschuldiger Mann im Kerkerturm von Kiew gehalten, weil man ihm durch gedungene Zeugen und „gelehrte Kommissionen" den Ritualmord nachweisen will. Die schwarzen Hundertschaften und die Pogroms sind blutige Marksteine in der Geschichte der Herrschaft der Romanows. Nur einen kurzen Lichtpunkt in der blutigen Geschichte der russischen Juden bildet die Herrschaft des Zaren Alexander IL, der in liberaler Weise auch den Juden Menschenrechte einräumen wollte. Aber seinen Ahnen und seinen Nachkommen blieb die Hälfte des jüdischen Volkes auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Die Bedeutung der Romanows für das jüdische Volk wird am besten charakterisiert durch den zynischen Ausspruch Pobedenoszews, in dessen Händen die geistlichen Befugnisse des Zarismus durch Jahrzehnte lagen: „Ein Drittel wird niedergemetzelt, ein Drittel wird auswandern und das letzte Drittel wird sich taufen lassen." Das ist das Judenprogramm der Romanows. Diese Richtlinie, eigentlich Hinrichtungslinie, wird mit mittelalterlicher Grausamkeit eingehalten. Vor einigen Tagen hat der Wiener Botschafter des Zaren anläßlich der Romanowfeier eine große Soiree veranstaltet. Unter den Hunderten von Staatswürdenträgern, Finanziers, Gelehrten, Publizisten usw., die gesellschaftliche oder geschäftliche Beziehungen mit der russischen Botschaft verbinden, sah man auch einige Juden. Es waren zumeist Journalisten, vielleicht schon getaufte, die aus begreiflichem Interesse wegen ihrer Beziehungen zur russischen Botschaft jede Sentimentalität beiseite ließen. Allein, was kann die Chefs des Wiener Hauses Rothschild, Baron Louis und Alfons Rothschild, der sich sogar in Begleitung seiner Frau, einer geborenen Sebag-Montefione, einfand, bewogen haben, hier zu erscheinen? War es die Erfüllung einer bloßen Höflichkeit, oder war es vielleicht eine Demonstration, daß an einer Romanow- Feier auch die jüdischen Rothschilds teilnehmen? Seitens der russischen Botschaft war die an Rothschilds ergangene Einladung ein Akt der Höflichkeit. War es aber nicht Pflicht der Rothschilds, dieser Einladung keine Folge zu leisten und durch ihre Abwesenheit von der Feier zu beweisen, daß zwischen ihnen und ihren, sagen wir Glaubensgenossen, doch irgend ein Band der Gemeinschaft besteht? Man wird dagegen einwenden, daß die Rothschilds Privatmänner sind, daß sie das Judentum nach keiner Richtung hin repräsentieren, und daß daher niemand das Recht habe, die Anwesenheit der Rothschilds bei der Feier der Romanows zu kritisieren. Leider ist dem nicht so. Von antisemitischer Seite werden die Rothschilds als Führer des Judentums hingestellt, und das Vermögen der Rothschilds als Mittel zu allen Schlechtigkeiten, die den Juden angedichtet werden, dienlich erklärt.