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Neue Nationalzeitung · 1913-02-28 · Heft 5 (28.2.1913) · p. Seite 39

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 5 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
Seite 39 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 5 „^i^J^tfonal-Zeitung" Seite 30 FEUILLETON. S, Wendroff: Der Täufling. Aus dem Jiddischen von A. Sch. I. Beni Qroßmann, ein im Wachstum zurückgebliebener, magerer Jüngling, der mit seinem krummen Rücken und seiner schmalen, eingefallenen Brust eher einem Talmud-Schüler als einem Gymnasiasten ähnlich sah, hatte vor drei Tagen maturiert. Die Studentenuniform hatte er sich noch vor zwei Wochen beim Schneider angeschafft. Nun kaufte er sich noch am Rückweg nach dem letzten Examen eine fesche Studentenkappe, um als vollendeter Student das elterliche Haus zu betreten. Nur eines fehlte ihm noch, eine neue Konfession, ein Ding, das er sich schon längst zu besorgen vornahm. Allein, es war nicht so einfach. Er war allerdings fest entschlossen, sich zu taufen; denn er wollte ja unter allen Umständen Professor werden. Aber was beginnt man mit dem Vater? Sein Vater ist doch ein überzeugter Jude, ein Jude, der alle Vorschriften streng einhält. Beni mußte ja als Gymnasiast täglich die Tefilin anlegen, an Feiertagen in die Synagoge gehen und gar oft wurde er auch mit einem Maftir beehrt. Er mußte sogar täglich Hebräisch lernen, genau so wie die Aufgaben fürs Gymnasium. Beni hatte gar nichts dagegen einzuwenden. Er liebte den Vater, liebte die langen Feiertagsmahlzeiten, die er zu geben pflegte, er liebte auch die Synagogenmelodien, die faschierten Fische an Sabbat- und Feiertagen, das wilde Jauchzen am Simchas- Tora und sogar die Bibel. Er pflegte sich auch bei Gelegenheit ganz gerne in hebräischer Sprache zu unterhalten. Aber all dies sollte der höheren Wissenschaft im Wege stehen? Es wäre zu viel verlangt. Freilich, dachte sich Beni, ist das nicht in Ordnung; aber was soll man tun. wenn man als Jude es zu nichts bringen kann? Soll man wegen einer solchen kleinen Formalität bei faschiertem Fisch und Maftir bleiben? Und was könnte da auch weiter geschehen; bleib ich denn nicht derselbe Jude, wenn im Paß zum Wort „Jude" das Wort „gewesener" dazukommt? Der Vater wird es aber bei seiner konservativen Gesinnung nicht einsehen wollen. Bei ihm ist einmal jeder Getaufter — ein Meschumed. „Ein Meschumed, ein Provokateur und ein Verleumder steh'n bei mir auf einer Stufe" — meint der Vater mit größter Verachtung. „Wehn sich ein Kind taufen iäßt, ist's noch schlimmer, als wenn es stirbt". Selche und viele ähnliche chauvinistische Aeußerungen pflegte der Vater bei jeder Gelegenheit zu machen. Und um dem Vater Aergernis zu ersparen, hauptsächlich aber, um seine Unterstützung nicht zu verlieren, beschloß Beni, die Taufzeremonie irgendwo in einer Großstadt, wo ihn niemand kennt, zu absolvieren. Zu Hause gab er an, er fahre hin, um geeignete Schritte wegen der Aufnahme auf die Universität zu unternehmen, er habe große Protektion und sei der Aufnahme fast sicher. Allein, die kleine Taufzeremonie war durchaus nicht so einfach, wie sich's Beni vorgestellt hatte. Der Pope erhielt gerade die Vorschrift, bei der Taufe von Juden ein wenig rigoroser vorzugehen. Und nun wollte er vor allen Dingen wissen, ob sich Beni Großmann aus Ueberzeugung taufen läßt, oder ob er's nur, „wie die meisten Juden, wegen seiner Karriere tue". Drei Monate lang mußte Beni Unterricht in den kirchlichen Dogmen nehmen, und als sich erst der Pope überzeugt hatte, daß es Beni Großmann wirklich ernst meine, reihte er ihn in die Schar der Gläubigen ein. Im Innern sträubte sich der junge Student zwar oft genug, sich als gläubiger Christ maskieren zu müssen; aber was soll man tun? — Die Wissenschaft fordert eben ihre Opfer . . . II. Einige Tage darauf, als Beni die freudige Mitteilung nach Hause telegraphierte, daß er auf der mathematischen Fakultät aufgenommen wurde, erhielt er von seinem Vater einen langen Brief. Geschrieben war der Brief in jenem bürgerlichen Hebräisch, in welchem Gabriel Großmann mit seinen Geschäftsfreunden und Verwandten zu korrespondieren pflegte. „Lieber Sohn!" — begann der Brief. „Ich gratuliere dir von Herzen, mein Liebster, zu deiner Aiünahme auf die Universität. Die Nachricht davon hat mich sowie deine liebe Mutter aui das Höchste erfreut. Wir hofften zwar, daß du Medizin studiereu wirst; aber was kann man machen! — du bist doch ein Jud und du muf.it dort hinsehn, wo du eben aufgenommen wirst, Gott sei gelobt auch dafür, mein Sohn! Bedenk' doch, da(.t Auszeichnungs-Maturanten überhaupt keine Aufnahme auf die Universität gefunden haben. Du bist ja schon bedeutend besser daran — und dann ist ja noch die Hoffnung vorhanden, daß du später doch auf die medizinische Fakultät gelangen wirst, kurz, du wirst uns noch große Freude bereiten. Ich wiederhole daher: wünsche dir viel Glück zu unserem und zum Wahle des ganzen Judentums. Amen! Nun wünsche ich, mein lieber Sohn, daß du nun aui die kommenden Feiertage bestimmt nach Hause kommst: denn du bist doch unser einziger Sohn und du sollst unsere Zierde beim festlichen Gelage sein. Auch kann es dir ja nicht sehr angenehm sein, an so einem großen Feiertag wie Sukkoth in einer wildfremden Stadt zuzubringen. Die Vorlesungen beginnen doch erst Ende September, wozu sollst du dann dort sitzen? Also, teurer Solln, komme bestimmt auf die Feiertage, damit wir zusammen das herrliche Fest genießen. Das ist mein und deiner lieben Mutter Wille. Von mir, deinem dich liebenden Vater Gabriel Großmann. Die Hauptsache hab' ich vergessen: Deine Wäsche und sonstige Ausstattung, die für einen Studenten notwendig ist, ist schon vorbereitet, und wenn du nach den Feiertagen, so (iott will, zurückfährst, wirst du alles schon mitnehmen können." Beni durchflog rasch den Brief und begann ernstlich nachzudenken, wobei er sich mit den hagerer. Händchen durch das Haar fuhr. „Was tun?" Der Vater weiß zwar nichts von der kleinen Zeremonie, der sich sein Sohn unterziehen mußte. Oer einzige Mensch, der es weiß, ist Note Chwoinik, der Sekretär der jüdischen Gemeinde, zu dem die

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