Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 4 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 31 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 31 Ferner baten wir, beim Friedensschluß möge Griechenland, wie auch die anderen Balkanstaaten dafür eintreten, daß alle ehemaligen türkischen Untertanen, bei denen die türkische Militärverwaltung Requisitionen gegen Quittungen vorgenommen habe, ihr Geld für die gelieferten Waren, Pferde usw. erhalten. Das sei für die Juden doppelt wichtig, weil bei ihnen als Kaufleuten am meisten requiriert worden ist. Auch das soll ernstlich in Erwägung gezogen werden. Schließlich baten wir, es ums möglich zu machen, daß wir für die eingeschlossenen Juden in dem belagerten J a n i n a in gleicher Weise sorgen können, wie für die in A d r i a n o p e 1. Der König versprach, sich darüber mit dem Kronprinzen, der vor Janina befehlige, in Verbindung zu setzen, damit uns die nötigen Erleichterungen für das Hilfswerk gewährt werden. Gemeindeu. Vereinsnachrichten. Wien. Der Verein jüdischer Hochschüler „C h e r u t h" und der Allgemeine jüdische Arbeiterverein „P o a I e - Z io n" veranstalten Freitag, den 21. d. M., um 8 Uhr abends im „Hotel Continental", Wien II, Taborstraße 4, einen Perez- Abend. Mitwirkende: J. L. Perez (Warschau), Dr. N. Birnbaum (Berlin), Professor Ferdinand G r e g o r i. Karten ä 5, 4, 3, 2 und 1 Krone bei Kehlendorfer, I, Krugerstraße 4, Cafe Herz, I, Rotenturmstraße 31 und im Vereinslokale II, Stefaniestraße 3. AUS ALLEN WELTTEILEN Senatspräsident Dr. Karl Baumgarten von der königlichen Tafel in Budapest starb jüngst infolge Herzschlages im Alter vom 60 Jahren. Der Verstorbene war eine Zierde der ungarischen Justizverwaltung und eine hervorragende Kraft auf juridisch-wissenschaftlichem Gebiete. Das Leichenbegängnis fand unter kolossaler Beteiligung der Budapester Gesellschaft, sowie bei Anwesenheit von drei gewesenen Ministern: Dr. Plösz, Dr. Szekely und Wlassich statt. Sein Leben und Wirken wurde vom Rabbiner Dr. H e v e s i gewürdigt. Aviatiker Abrahamowicz — gestorben. Wir haben vor kurzer Zeit von dem großen Aufsehen berichtet, welchen der Flug des kaum 22jährigen Abrahamowicz von Deutschland nach St. Petersburg hervorgerufen hat. Inzwischen ist der hoffnungsvolle junge Mann in Warschau an Typhus gestorben. Der Familie und insbesondere dem Großvater, dem berühmten greisen Romanschriftsteller Mendele Mocher Sforim wendet sich allgemeine Teilnahme zu. Ein Fonds für verfolgte Juden. Der Höchste Gerichtshof des Staates New York hat entschieden, daß das Saldo aus dem von dem Hilfskomitee zugunsten der Opfer der russischen Judenverfolgung aufgebrachten Fonds in Höhe von 190.000 Dollars (850.000 K) dem Amerikanisch-jüdischen Hilfskomitee zuzuerkennen sei. Dieser Fonds sowie die später ihm zufließenden Einkünfte sollen der Linderung der Not der verfolgten Juden dienen, wo in der Welt es auch sei, sowie dem Zweck, den Verfolgten rechtlichen Beistand zu leisten überall, wo eine Beeinträchtigung ihrer Rechte erfolge oder zu befürchten sei. Der Inhaber des Semigotha — ein Hausdiener! In thüringischen Blättern ist zu lesen: Der Semigotha, das „historischgenealogische Taschenbuch des gesamten Adels jüdischen Ursprungs", erregte bei seinem Erscheinen im vorigen Jahre ein gewisses Aufsehen. In wenigen Wochen war die Auflage von 5000 Exemplaren vollständig vergriffen, so daß bei der kurz darauf erfolgten gerichtlichen Beschlagnahme nur wenige Exemplare konfisziert wurden. Ueber den Verfasser und den Herausgeber herrschte ein gewisses Dunkel. Erst nach der Beschlagnahme erfolgte die gerichtliche Eintragung des Kyffhäuserverlags in Weimar. Jüngst fand in Weimar infolge mehrerer Hundert eingegangener Beschwerden ein gerichtliches Verfahren gegen den Verleger des antisemitischen Werkes statt. Da bat sich nun herausgestellt, daß als alleiniger Inhaber des so stolz klingenden „Kyffhäuserverlags" der Hausdiener der Hofbuch d ruckerei Dietsch & Brückner in Weimar eingetragen war. Hierfür hat der Hausdiener eine monatliche Entschädigung von 6—10 Mark erhalten. In der Gerichtsverhandlung wurde festgesellt, daß der Druckaurtraggeber der Major a. D. v. Wittenberg in München ist und der Hausdiener der Buchdruckerei nur als vorgeschobene Person dient. V. Wittenberg wurde nach § 18 des Strafgesetzbliche; zu 100 Mark Geldstrafe und der Buchdruckereibesitzer Dietsch nach § 19 zu 40 Mark Strafe verurteilt. Ein Jude muß den Hut beim Eide abnelir: en! In einer Klagesache gegen einen Taglöhner aus Heidelberg wurde vor dem Schöffengerichte der jüdische Kaufmann Wiirth als Zeuge aufgerufen. Als er besonders belehrt, den Hut zur Ablegung des Eides abnehmen sollte, verweigerte er dies, da er strenggläubiger Israelit sei. Der Vorsitzende ermahnte ihn nochmals, sich keine Strafe zuzuziehen und den Hut abzunehmen. Wiirth aber blieb dabei. Der Zeuge wurde nicht vereidigt, aber er wurde zu einer Geldstrafe von 10 Mark verurteilt. Soweit der Sachverhalt, den wir dem jüdischen Blatte in Breslau entnehmen. Wrir finden diese Vorschrift der reichsdeutschen Gerichte recht sonderbar, zumal in Oesterreich jeder jüdische Zeuge bei der Eidesabiegung unbedingt sein Haupt bedecken muß. Die „Staatsbürgerzeitung" in Liquidation. Die Generalversammlung der Gesellschafter des Verlages der „Staatsbürgerzeitung" in Berlin hat beschlossen, die Gesellschaft zu liquidieren. Daß die antisemitische „Staatsbürgerzeitung" seit längerer Zeit in pekuniären Schwierigkeiten schwebte, bewies nicht nur ihre vor etwa Jahresfrist eingegangene Druck- und Satzgemeinschaft mit der agrarbündlerischen „Deutschen Tageszeitung", sondern ging auch aus den eigenartigen Mitteln hervor, mit denen sie in letzter Zeit Inserenten und Abonnenten zu gewinnen versuchte. So legte sie sich den Untertitel „Deutsches Tageblatt" zu, sandte an zahlreiche zahlungskräftige Berliner Inserenten dringende Bittschreiben i::n Inserate und gründete allerhand Klubs, Konventikel und Schutzge.iieiu- Schäften für die von ihr vertretenen „Ideale". Wie es scheint, haben alle diese Anstrengungen den Zusammenbruch nicht aufhalten können. Den Berlinern sind endlich die Augen über den antisemitischen Schwindel aufgegangen. Wann wird J:es auch bei den Wienern der Fall sein? Literatur und Kunst Bezalel-Ausstellung in Prag.') Im Zentrum des jüdischen Lebens Prags st::n.l ir. de:i letzten Wochen der „Bezalel". Im Rahmen der vom „Kunstverein für Böhmen" veranstalteten Herbstausstellung ia:id eine Kollektivausstellung der Bezalelschule im Ru:iol;inu:n statt, welche schon durch ihre Zulassung wie ".ach durch den Erfolg, den dieselbe bei Besprechung in der Presse und die anerkennende Kritik der Fachleute erzielte, bewies, welch ungeahnten Fortschritt in künstlerischer und auch in technischer Hinsicht die Bezalelschule genommen hat. Zahlreiche, auch von Nichtjuden im Rudoliinum bewirkte Ankäufe veranlaßten den Präger Kunstgewerbeverein „Bezalel" anschließend an die RudoFinum- Ausstellung eine große V e r k a u f s a u s t e 11 u n g im jüdischen Rathause zu veranstalten. Aus den Blätterstimmen, welche hierüber berichten, :-ei der Bericht des „Prager Tagblatt" hervorgehoben. Da;- selbe schreibt: „Als die Jerusalemer Kunstgewerbeschule „Bezalel" ihre ersten Ausstellungen über den Kontinent schickte, hatte man *) Infolge Raummangels kann dieser Bericht leider erst jetzt zum Abdrucke gelangen. (Anm. der Red.)