Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 4 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 30 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 30 .»Neue National-Zeitung" Nr. 4 Wie die Delegierten in Sofia Unterredungen mit dem König und der Königin von Bulgarien gehabt hatten, durch die ihnen die Durchführung ihrer humanitären Aufgaben erleichtert wurde, so wurden sie auch vom König Georg von Griechenland iin Saloniki in Audienz empfangen. Der König nahm eine freundliche Haltung an und stellte Berücksichtigung der vorgebrachten Wünsche in Aussicht. Die Kommission reiste von Saloniki über Kawalla und Dedeagatsch weiter nach Ko n s tan t ino pe I, wo sie Ende Januar eintraf. Soweit der t e 1 e g r a p h i s c he Bericht der Delegation. Aus dem uns nunmehr zugehenden ausführlichen Berichte entnehmen wir die iür die große Oeffentlichkeit besonders interessanten nachstehenden Mitteilungen über die Hilfsaktion in Saloniki. Montag um Mitternacht kamen wir endlich in Saloniki an, und wurden von einer Deputation der Vertreter des Großrabbiners der Gemeinde und des „Interclub" empfangen. Da man wegen des Kriegszustandes um diese Zeit die Straßen nicht passieren kann, so war für uns besondere Erlaubnis und Eskorte beschafft worden. Wir waren in Saloniki die Gäste des Herrn Jakob Modiano, für dessen außerordentlich liebenswürdige Gastfreundschaft wir den innigsten Dank schulden. Am Dienstag, dem 21. Jänner, morgens um halb 10 Uhr, hatten wir eine Sitzung mit den Vertretern der Gemeinde und allen in Saloniki arbeitenden Organisationen (darunter auch den Vertretern der AHiance). Es wurde aus diesen Vertretern ein kleineres Komitee gewählt, in dem ebenfalls alle Institutionen vertreten sind und das als Komitee der Union des Associations Israelites fungiert. In Saloniki suchten und fanden w ir Gelegenheit, uns mit allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung in Verbindung zu setzen, ind wir prüften eingehend alle einschlägigen Verhältnisse, wo immer es anging, durch persönliche genaue Beobachtungen. Saloniki hat 140.000 Einwohner, darunter 70.000 Juden. Eine ungefähre Uebersicht über die Berufe der Juden, die nach einer Enquete an Ort und Steide gewonnen worden ist, ergibt folgendes Bild: In freien Berufen beschäftigt 430 Personen (darunter 300 Lehrer, 40 Apotheker, 30 Anwälte, 20 Aerzte, 25 Zahnärzte und Dentisten, 10 Journalisten, 5 Ingenieure). Ferner 1105 selbständige größere und kleinere Kaufleute inklusive Bankiers, 1200 Krämer und Budenbesitzer, 2000 Handwerker der verschiedensten Art, 8000 Kaufmännische Angestellte, Kommis usw., 8000 Arbeiter und Arbeiterinnen in verschiedenen Fabriken und in der Tabakindustrie. 500 Droschkenkutscher, Lastwagenführer und dergleichen, 600 Hamals (Lastträger), 400 Bootsarbeiter, Auslader, Bootsdienstleute u. dgl., 150 Zollagenten, 2000 Bedienstete, Kaffeehausangestellte, Restaurantangestellte und Straßenhändler. Saloniki hat schon lange vor Ausbruch des Balkankrieges schwer gelitten. Der türkisch-italienische Krieg wirkte sehr lähmend auf den Handel und schädigte besonders die jüdische Gemeinde dadurch, daß gerade die Reichsten, die italienische Untertanen sind, ausgewiesen wurden, deren Geschäfte infolgedessen stark zurückgingen. Ferner hatte die Gemeinde eine schwere Choleraepidemie zu bekämpfen (September-Oktober 1911). Durch den Balkankrieg und die Eroberung Salonikis durch üie Griechen wurde Saloniki auf das al I e r s c h w e r s t e betroffen. Die Ereignisse, die sich in den ersten Tagen nach der Okkupation abspielten, sind öffentlich bekannt geworden. Wir wollen in diesem vorläufigen kurzen Bericht auf sie nicht eingehen. Wir Mollen nur feststellen, daß wir Ausschreitungen gegen die Juden, die Diebstähle und Erpressungen und Plünderungen, die gemeldet worden sind, und auch einige Mordtaten, daß wir das alles bestätigt fanden.. Als wir eintrafen, fanden wir in Saloniki erfreulicherweise Ruhe vor, und die öffentliche Sicherheit wiederhergestellt. Aber der Handel liegt brach, und es fehlt an Arbeitsmöglichkeiten. Was das bedeutet, insbesondere bei einer Zusammensetzung der Bevölkerung wie oben angegeben, ist leicht zu ermessen. Mehr als 2000 Familien mit etwa 5200 Personen sind infolge des Krieges völlig mittellos. Die Zahl wird täglich größer, da viele von ihren letzten Sparpfennigen leben, die bei der völligen Stockung des Handels und bei dem Mangel au jeglicher Arbeitsgelegenheit bald aufgezehrt sind. Flüchtlinge. Die Zahl der jüdischen Flüchtlinge, die aus dem Innern nach Saloniki gekommen sind und hier unterstützt werden müssen, ist verhältnismäßig, namentlich gemessen an der Zahl der anderen Flüchtlinge, die 40.000 beträgt, nicht sehr groß. Es sind mit den jüdischen Soldaten, die von der geschlagenen türkischen Armee oder als freigelassene Gefangene nach Saloniki kamen, etwas über 1000 Seelen, darunter 14 Familien mit 710 Seelen aus I c h t i p, von denen oben die Rede war. Hilfeleistung. An Hilfsgeldern kamen bisher aus dem Auslande 41.650 Franks, von denen noch etwa 11.000 vorhanden waren. Von dem städtischen Hilfskomitee, das unter dem Vorsitz der Königin arbeitet, wurden bis jetzt den Juden 30.685 Franks gegeben. Da 'die Mittel dieses Komitees erschöpft sind, sind weitere Gaben von dieser Seite leider nicht mehr zu erwarten. Nach genauen Berechnungen ist für die durch den Krieg Geschädigten in Saloniki für die nächsten vier Wochen eine Summe von 29.000 Franks notwendig. Wir mußten daher zu den noch vorhandenen 11.000 Franks 1S.000 Franks hinzubewilligen. Damit scheint uns die Aktion für die Beseitigung der momentanen Not abgeschlossen. Für später ist es notwendig, eine kleine Leihkasse zu gründen, für die wir 10.000 Franks in Aussicht stellten, falls die gleiche Summe in Saloniki aufgebracht würde, und uns hinlängliche Garantie gegeben wird für die Rückzahlung der geliehenen Summen. Von Saloniki aus unternahmen die Herren Dr. Nathan und Adler am Donnerstag, den 23. Jänner, eine Reise nach Serres, und Dr. Kahn nach K a 1 a i e r i a und Monast i r. Der Bericht über diese Reisen folgt später. Einige Stunden vor unserer Abreise von Saloniki nach Konstantinopel am Montag, den 27., hatten wir in Gegenwart des Großrabbiners Jakob Meir eine Audienz bei dem König von Griechenland, der uns freundlich empfing. Die Audienz bei dem König der Hellenen. Der König betonte, daß er stets dafür eingetreten sei, daß die Juden in seinem Lande als völlig gleichberechtigt behandelt werden und daß das auch selbstverständlich für die neueroberten Gebiete Geltung habe. Im Anfang sei begreiflicherweise nicht immer alles in bester Ordnung gewesen, er hoffe aber, daß die jüdische Bevölkerung Salonikis und anderwärts jetzt zufrieden sei. Für unsere Arbeit sagte er uns seine Unterstützung zu. Wir baten den König besonders um drei Dinge. Erstens, es möge dafür gesorgt werden, daß man auf die religiösen Verhältnisse der Juden auch im wirtschaftlichen Leben die nötige Rücksicht nehme. Es seien zum Beispiel die Märkte, die bisher Montag waren, auch in den von den Griechen besetzten Gebieten auf den Sonnabend verlegt worden. Das schädigt 'die Juden außerordentlich. Der König versprach Abhilfe.