Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 4 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 29 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4________„Neue Natjpnal-Zeitung' geständnis, daß sich das deutsche Volk Judenstämmlinge allenfalls von der fünften Generation <ab als gleichberechtigte Volksgenossen gefallen lassen könnte. Die Missionare sind im allgemeinen stolz darauf, wenn sie recht viele Juden in den Hafen des Christentums einführen. Manche wissen aber doch den Wert ihrer Errungenschaften richtig einzuschätzen. Gestand doch Ludwig Harms, der Gründer und Leiter eines Missionshauses, ganz unumwunden, daß von 100 Judentaufen mindestens 99 aus weltlichen Rücksichten erfolgten. Graf Hermann v. d. Recke war Zeit seines Lebens ein begeisterter Freund und Förderer des Missionswesens, seine Wahrheitsliebe zwang ihn aber dennoch zu dem Eingeständnis, daß der überzeugungs- und glaubensvolle Uebertritt eines Juden zu den seltensten Erscheinungen gehöre. Auffallend ist, daß der Graf trotz dieser Erkenntnis in seiner Liebe zur Mission nicht erkaltete. Da hat Pastor Langhans folgerichtiger gehandelt, denn er trat als entschiedener Gegner der Judenbekettrung auf, weil sie, wie er sich überzeugt hatte, „weniger als nichts" bewirke. Hippel, Hebel, Schleier maeher, Hammer- P u r ig s t a 11, Gutzkow, Tolstoi, Theobald Z i e g 1 e r —• alle diese haben sich über den Wert sogenannter Bekehrungen sehr abfällig geäußert. Auch den alten Dannhauer dürfen wir nicht vergessen, der die Judentaufe Mohrenwäsche zu nennen pflegte. Die beiden genialsten Herrscher der Neuzeit waren gleichfalls Gegner aller Bekehrungsversuche. Napoleon I. meinte, ein jeder müsse in der Religion leben und sterben, in welcher ihn seine Mutter unterwiesen hätte. Friedrich der Große schrieb in einem Reskript vom 10. Februar 1769, „daß die Religionsänderung bei denen Juden nur selten aufrichtig und aus rechtschaffenen Gründen geschiehet". Als sein Minister Hertzberg ihm einmal von der Möglichkeit sprach, daß die Juden wohl einst zum Christentum übergehen könnten, sagte er unwirsch: „Sie werden doch nicht des Teufels sein!" Zum Schluß mögen hier die Namen dreier Männer stehen, auf die jeder Deutsche, ob Christ oder Jude, stolz sein muß: -Xlexander v. Humboldt, Friedrich Hebbel und Gustav Freytag. Seite 29 Alexander v. Humboldt riet einem jungen jüdischen Gelehrten, Emil Low, der Christ werden wollte, entschieden ab, seine Religion, „die mit den Forschungen objektiver Wissenschaft am leichtesten zu vereinbarende", mit der in unseren; Lande herrschenden Trinitas zu vertauschen. Als Hebbel erfuhr, daß sein Freund Emil Kuh tauflustig sei, schrieb er ihm am IS. Dezember 1856: „Es tut nicht gut. sich von dem Boden loszutrennen, dem man angehört, und ich sehe Sie nicht gern auf diesem W ege". Gustav F r e y t a g, gewiß der Deutschesten einer, hielt seine Lebensgefährtin, eine Jüdin, für deutsch genug, um sie zur „Vertrauten seiner Werkstatt" zu machen; er war auch so wenig bekehrurigssiichtig, daß er deren Kinder erster Ehe, die als Juden geboren waren, in der jüdischen Religion unterrichten ließ. Wie wir Juden uns zu diesen Urteilen christlicher Männer stellen? Natürlich stimmen wir Kögel und seinen Gesinnunsgenossen bei, die frivoles Taufen verurteilen, und können uns beim besten Willen nicht zu der Höhe Hartmannscher Anschauung emporschwingen, um einen Täufling, der heuchlerisch das Tauigelübde ablegt, ob seines Heldenmutes zu bewundern. Freilich müssen wir Pastor Löhe recht geben, daß der Uebertritt aus Ueberzeugung eine Ausnahme, ja ein Wunder ist. Wenn uns die kirchlich Frommen die Taufe anpreisen, weil nur der Getaufte selig werden kann, so wollen wir zwar ihre gute Absicht gern anerkennen, aber doch lieber versuchen, nach unserer Fasson selig zu werden. Das Vorurteil, daß die Juden nur durch Annahme der christlichen Religion völlig zu Deutschen werden können, ist in weiten Kreisen verbreitet, und wir werden es schwerlich durch noch so laute Proteste besiegen. Aber wir werden immer und immer wieder offensichtliche Beweise liefern, daß wir unseren christlichen Mitbürgern an Vaterlandsliebe durchaus nicht nachstehen, dann müssen allmählich solche zweifelnde Stimmen verstummen, und jeder wird uns für gute Deutsche halten, der nicht durch Parteigeist verblendet ist. Hat doch selbst ein Treitschke sich zu dem Zugeständnis verstehen müssen, daß Juden wie Gabriel Rießer, Moritz Veit u. a. Männer von kerndeutscher Gesinnung waren. Die Hilfsaktion für die Juden auf dem Balkan.*) ii. Bericht über die Zeit vom 20. bis 29. Jänner 1913. Die Delegation der Brüsseler Union des Associations Israelites, bestehend aus den Herren Dr. Paul Nathan- Berlin, Elkan Adler-London und Dr. Bernhard Kahn- Berlin, die zur Organisation des Hilfswerks in den Balkanländern nach dem Orient gereist ist, hat sich nach Erfüllung ihrer Mission auf der ersten Etappe der Reise — wo die Hilfsaktion für die okkupierten serbischen und bulgarischen Gebiete und für Bulgarien selbst in ihren Grundzügen geregelt und auch schon bezüglich Adrianopels für den Fall seiner Entschließung Vorsorge getroffen wurde — am 19. Januar von Sofia nach Saloniki weiterbegeben, wo sie bis zum 27. Januar blieb. Ueber die Zeit vom 10. bis 19. Januar hat die Delegation bereits einen ausführlichen Bericht erstattet. Ueber die weitere Täigkeit und die Maßnahmen der Delegierten betreffs Salonikis und anderer Orte, insbesondere solcher in den Nachbargebieten Salonikis, liegt zunächst nur eine kurze telegraphische Nachricht vor. Die Delegierten besuchten persönlich den Kriegsschauplatz; sie begaben sich nach Uesküb, Monastir,;:) Vgl. den I. Bericht in Nr. 3. Anm. d. Red. Karaieria und Serres. Durch ortsansässige Vertrauensleute wurden ferner die einschlägigen Verhältnisse in Castoria, Strumitza, Istip, Drama und in anderen kleineren Plätzen untersucht. Die allgemeine Sicherheit war zur Zeit des Berichtes der Kommission zufriedenstellend; die Schädigungen durch den Krieg und seine Folgen waren aber groß. Die Delegation setzte, um die rationelle Durchführung des Hilfszweckes zu sichern, soweit erforderlich, Komitees ein. Für Saloniki wurden außer den bisher gesammelten Geldern noch 18.000 Frcs. bewilligt und fernere 10.000 Frcs. iiir eine Darlehenskasse zur Verfügung gestellt, falls am Ort ebenfalls 10.000 Frcs. für diesen Zweck aufgebracht werden. Es wurden alsdann noch bewilligt iiir Monastir 3500Frcs.. Strumitza 10OO Frcs.. Serres 1500 Frcs. und Caraferia 500 Frcs. Die Festung J a n i n a. die zurzeit noch von Belagerungstruppen eingeschlossen ist und wo großer Mangel an Lebensmitteln herrscht, erfordert besondere Vorsorge, die auch, w ie entsprechend für Adrianopel, seitens der Delegation für Jen Augenblick getroffen worden ist, in dem die Belagerung ihr Ende erreicht hat. Es werden zunächst 4000 Frcs. für Janina bereitgestellt.