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Neue Nationalzeitung · 1913-02-14 · Heft 4 (14.2.1913) · p. Seite 28

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 4 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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Seite 28 ,Neue National-Zeitung^ Nr. 4 Christliche Urteile über Judentaufen.*) Von Dr. N. S a m t e r in Berlin. Im verflossenen Jahre 1911 haben 223 Mitglieder unserer Gemeinde das Judentum verlassen. Es ist dies die höchste Zahl, die seit Bestehen der Gemeinde vorgekommen ist. Die herrschende Indifferenz in religiösen Dingen läßt so manchen, dem die eine Religion so gleichgiiltig ist wie die andere, diejenige w ählen, die ihm die meisten Vorteile bietet. Daß wir Juden Abiall, wofern er nicht aus Ueberzeugung geschieht, auf das entschiedenste verurteilen, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Aber auch im christlichen Lager werden die Ueberläufer durchaus nicht mit so allgemeiner Begeisterung, wie man wohl erwarten könnte, aufgenommen. Zwar Staat und Kirche laden zur Taufe ein. Wird der Abiall auch nicht mehr wie früher durch Geldgeschenke belohnt, so begünstigt die Regierung bei der Anstellung doch immer noch die christlichen Bewerber und hält der höchsten Ehrenstellen nur solche Juden für würdig, die, aus welchen Motiven auch immer, den Glauben der Väter abgeschworen haben. — Die Kirche ist seit ihrem Bestehen auf Ausbreitung bedacht und würde es als ihren höchsten Triumph begrüßen, wenn das Volk Christi sich endlich zu Christo bekehrte. Ihre Missionare verkünden dem Juden das Evangelium und preisen ihm die Taufe als das größte Glück an; rettet sie ihn doch, wie sie sagen, vor der ewigen Verdammnis. Freilich wird den Missionaren nachgesagt, daß sie die Taufe oft bar bezahlen und schon zufrieden sind, wenn sie — um mit L. A. Frank zu reden — mit ihren goldenen Netzen faule Fische fangen. — Auch tauflustige Pastoren kommen tauflustigen Juden auf halbem Wege entgegen. Professor D a 1 m a n wenigstens, der die Judentaufen sehr genau kennt, macht das Zugeständnis: ..Ein Jude, der aus irgend welchem weltlichen Grunde getauft werden wollte, hat noch fast immer einen ihn taufenden Geistlichen gefunden." Gewiß gibt es auch streng denkende Pastoren. Oberhofprediger Kögel wies einem jüdischen Herrn die Tür, der über die Motive seiner beabsichtigten Taufe sich nicht äußern wollte. Solche gewissenhafte Männer werden aber nicht allzu oft Gelegenheit haben, den Taufakt zu vollziehen, wenn anders Pastor Löhe recht hat, daß es eine Ausnahme, ein Wunder ist, wenn einer aus Israel gläubig ist. Freilich läßt es sich schwer ergründen, wie der Taufkandidat eigentlich gesinnt ist, denn nur Gott sieht ins Herz, aber Macaul ey behauptet gewiß mit Recht: „Es wird stets ein starkes Vorurteil gegen die Aufrichtigkeit einer Bekehrung bestehen, durch welche der Bekehrte Vorteil hat." Aus diesem Grunde ist der Neophyt oft selbst in den Augen seiner neuen Glaubensgenossen verächtlich und wird a.uch trotz der Taufe noch immer als Jude angesehen. So mag sich wohl mancher Neuchrist recht unbehaglich fühlen, und Meister Rubin stein war gewiß nicht der einzige, der sich fragte: „Was bin ich eigentlich? Die Juden nennen mich Goj, die Gojim nennen mich Jud." Fritz Reuter nennt solche Unglücksmenschen: „Dat witte Blatt twischen dat oll und dat nie Testament." Angesehene Gelehrte, auch solche, die kirchlich ziemlich indifferent sind, haben die Meinung ausgesprochen, um ganz als Deutscher zu fühlen und zu denken, müsse man auch die Religion mit den Deutschen teilen. Für einen Juden, der sich völlig assimilieren wolle, sei daher die Taufe unerläßlich. Sie *) Wir entnehmen diesen für Wien überaus aktuellen Artikel dem offiziellen Organe der Berliner jüdischen Gemeinde. Es wäre zu wünschen, daß die Repräsentanz der Wiener Judengemeinde, aus der jährlich dreimal so viel Seelen austreten, als in Berlin, auch einmal den Mut fände, gegen die Massentauien Stellung zu nehmen. Die Redaktion.. sehen diese weniger für ein Sakrament des Christentums als iür das Siegel des Deutschtums an. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts verlangte der nationalistische Kirchenrat Paulus von den Juden die Taufe als Garantie deutscher Gesinnung. Nicht ganz so schroff, indem er Ausnahmen gelten ließ, stellte etwa 50 Jahre später Theodor Mo mm sen die gleiche Forderung, und ihm ist auf demselben Wege Friedrich Paulsen, jüngst auch Joseph K o h 1 e r gefolgt. Was soll man dazu sagen, wenn Philosophen, die für ihre Person das Christentum ablehnen, die Juden auffordern, Christen zu werden, „selbst wenn es ihnen mit dem christlichen Glauben kein großer Ernst sein sollte!" So schreibt Schopenhauer wörtlich, und Eduard v. Hartmann bewundert gar den Heldenmut (!) des Juden, der zur Taufe schreitet, „obgleich im großen und ganzen die Christologie es jedem gebildeten Nichtchristen unmöglich macht, mit Ueberzeugung zum Christentum überzutreten." Zwei unserer Geistesheroen, Luther und Goethe, haben in ihrer Ansicht über Judentaufen geschwankt. Martin Luther glaubte anfänglich, die Juden würden überzeugte Christen werden, wenn man ihnen freundlich entgegenkäme und ihnen die reine Lehre predigte. Als er sich in dieser Hoffnung getäuscht sah, verzweifelte er an ihrer Bekehrung. Er hielt das Judenherz für so verstockt oder, wie er sich ausdrückt, „für so stock-stein-eisen-teufelshart, daß es mit keiner Weise zu bewegen ist". Von der Judentaufe wallte er nun nichts wissen. „Man soll die Juden lassen fahren und nichts danach fragen, was der Teufel durch sie tobet", denn „Juden zu bekehren ist ebenso möglich als den Teufel zu bekehren". Scherzweise äußerte er zum Prediger Menius: „Den neugetauften Juden sollte man nur gleich von der Dibbrücke hinabstürzen, ihm aber vorher einen schweren Stein um den Hals binden, denn sonst liefe er doch wieder zu den Juden zurück." Goethe ärgert sich über die zudringliche Bekehrungssucht seines Freundes Lavater, als dieser an Moses Mendelssohn das Ansinnen stellte, das Christentum entweder zu widerlegen oder anzunehmen. Ihm wird auch die Aeußerung zugeschrieben: „Daß doch auch alle Missionsgeschichten Satiren auf sich selbst sein müssen!" Er spräche also spöttisch von sogenannten Judenbekehrungen, denn von diesen ist im Zusammenhange die Rede. Damit ist aber schwer zu vereinbaren, daß er dem jüdischen Gymnasiasten Joseph Wolff, der sich später als Missionar einen Namen gemacht hat, zuredete, das Christentum anzunehmen. Wie das Volk über Judentaufen denkt, darüber geben viele Sprichwörter Auskunft. „Getaufter Jud — beschnittener Christ". „Wer einen Juden taufen will, der verliert des Wassers viel". „Getaufter Jud tut selten gut". ,J5rst taufen, dann ersaufen!" „Mit dem getauften Juden nur gleich wieder ins Wasser!" Bekannt ist das Sprichwort: Wenn die Maus die Katze frißt, Wird der Jud ein frommer Christ. In Schudts „Jüdischen Merkwürdigkeiten" findet sich die Abbildung einer Münze, auf welcher ein Jude am Wasser kniet, um die Taufe zu empfangen. In der Nähe lauert der Henker, der ihn gleich nach der feierlichen Handlung ins Wasser stoßen soll. Darüber stehen die Worte: „So ist er am beständigsten". Höchst erfreulich ist es, daß unsere Spezialfeinde, die Antisemiten, und Chamberlains Gefolgschaft, die „Völkischen", uns in dem Kampfe gegen die Taufe als Bundesgenossen zur Seite stehen. Sie wollen keine Judengenossen, denn diese würden ja nur die germanische Edelrasse durch minderwertiges Semitenblut infizieren. Ein Anonymus macht freilich das Zu-

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