Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 4 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 „Neue JSfational-Zeitung' Seite zl Klara Hirsch erworben. Baron Hirsch hat erkannt, daß die Not der galizischen Juden teilweise mit ihrer l Unwissenheit, sonst aber auch mit ihrer Entfremdung % von der Landwirtschaft und mit der einseitigen Zwi-? schenhändlerbetätigung zusammenhängt. Er gründete im Jahre 1891 eine Volksschulstiftung für Galizien, die heute bereits 41 Volksschulen in kleinen galizischen Städten erhält. Er bestimmte auch als > Zweck seiner Stiftung die Heranbildung der Juden zum Handwerk und zur Landwirtschaft. Die Baronin gab die Mittel her. um die Kinder in den Baron Hirschschen Schulen zu bekleiden und zu verpflegen, sie entwickelte auch ein Interesse für Schaffung von Näh-, Koch- und Haushaltungsschulen behufs Ausbildung der heranwachsenden armen Mädchen, die bisher in Ermangelung jeder Arbeitsgelegenheit oder beruflichen Vorbildung sehr oft den an sie herantretenden unsittlichen Versuchungen erlegen sind. Und nun setzt die moderne Erziehung sogar beim Kindesalter an. Dank den Subventionen des „Hilfsvereines der deutschen Juden" in Berlin sind in Galizien an Stelle der „Cheders" (private Bibelschulen) zahlreiche jüdische Kindergärten ins Leben gerufen worden, durch die einerseits beide den ganzen Tag bei der Arbeit festgehaltenen Eltern entlastet, anderseits aber die Kinder frühzeitig an Reinlichkeit, Ordnungssinn gewöhnt und den Gefahren der Straße entrückt werden. Hier wird der Kampf gegen jene Degeneration begonnen, der die galizischc Jadenschaft. in ihren dumpfen Ghettis allmählich verfällt. Von dieser Degeneration und dem damit zusammenhängenden wirtschaftlichen Massenelend hat bereits Stanislaus Szczepanowski in seinem berühmten Buche „Das Elend Galiziens in Ziffern'" gesprochen. Seitdem sind einzelne Schriftsteller und nicht zuletzt der Verfasser dieses Artikels bemüht gewesen, die Aufmerksamkeit der großen jüdischen Wohltätigkeitsstiftungen des Auslandes auf die galizischen „Luftmenschen" (so nannte ich die Leute, die nur von der Luft leben, vergl. „Unter jüdischen Proletariern" S. 13 fg.) zu lenken. Endlich hat auch der galizische Landesausschuß in einer anfangs 1911 nach Lemberg einberufenen Enquete über Maßnahmen beraten, durch welche die materielle Lage des jüdischen Proletariats verbessert, respektive die Wurzel ihrer Notlage, die Arbeitslosigkeit, beseitigt werden könnte. Eine Reihe von auswärtigen Wohltätigkeitsorganisationen ist bemüht, das Los der armen galizischen Juden zu bessern. So der Wiener „Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien", welcher dort Kleinindustrien schafft und in seinen Bemühungen vom Berliner „Hilfsverein der deutschen Juden" unterstützt wird, weiters die Pariser „Jewish Colonisation Association" (JCA). eine vom Baron Moritz Hirsch mit einem Kapital von zirka 200 Millionen Franken ausgestattete Wohltätigkeitsstiftung für die notleidenden und verfolgten Juden des Ostens. Die JCA hat in Galizien, und zwar in 24 Ortschaften Vorschußkassen gegründet, welche zumeist kleinere Beträge gegen wöchentliche Rückzahlung an die jüdische Bevölkerung leihen und damit den kleinen Leuten zur Fortfristung einer bescheidenen Existenz verhelfen. Diese Vorschußkassen, von denen mehrere auch Filialen haben, fungieren juristisch als Genossenschaften mit beschränkter Haftung. Sie haben eine der Ortsintelligenz entnommene Leitung und werden von einem in Wien ansäßigen Sekretär der JCA beaufsichtigt. Die Höhe der gewährten Darlehen betrug im Jahre 1911 K 3,747.204.— dagegen das üenossenschaftsvermögen K 398.840.— und das Reservekapital K 231.311.40. Auf Kosten der JCA wird eine Tischlerschule in Stanislau und eine landwirtschaftliche Schule (Ferme ecole) in Slobodka lesna (bei Kolomea) erhalten, die im letzten Jahre von 57 Zöglingen frequentiert war. Die Zahl der Absolventen, die dem landwirtschaftlichen Berufe treu bleiben, ist jedoch sehr gering. Es fehlt ihnen offenbar in Galizien an Betätigung. Diese Unterstützung der galizischen Juden durch die JCA ist im Verhältnisse zu ihren Mitteln recht unbedeutend. Das sieht ihre Leitung selbst ein und hat sich im Anschluß an die Lemberger Enquete entschließen wollen, die Mittel zu einer größeren Hilfsaktion zur Verfügung zu stellen. Es fanden zu diesem Zwecke im Laufe der zwei letzten Jahre Konferenzen in Wien und Frankfurt a. M. statt, die jedoch zu keinem positivem Erfolge führten. Die JCA machte ihren Beitrag davon abhängig, daß das jüdische aus Mitgliedern aller Parteien bestehende Landeskomitee auch seinerseits einen Fonds aufbringe, was jedoch nicht geschehen ist. Die ganze Aktion scheiterte weiters an dem Mangel eines geeigneten Arbeitsprogrammes. So wird denn innerhalb der galizischen Judenschaft das Kontingent der E mj g r a n t e n immer größer. Diese Emigration ist durchwegs überseeisch und ohne Rückkehrabsicht: sie zeichnet sich gegenüber der slawischen Auswanderung durch einen besonders hohen Prozentsatz von Handwerkern und von Personen höheren Bildungsgrades aus. Damit ist auch der Weg gezeigt, den eine Hilfsaktion einzuschlagen hätte. Es müßte der fachmännischen Ausbildung des jüdischen Handwerkerstandes mehr Aufmerksamkeit geschenkt, das Moment der Association im jüdischen Handwerkerstande mehr angeregt und gepflegt werden. Rohprodukt-, Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften müßten gegründet und auf eine sichere Basis gestellt werden. Dadurch könnte auch die Ueberproduktion des geistigen Proletariats, durch die sich besonders die galizische Judensehaft auszeichnet, aufgehalten werden. An den desolaten wirtschaftlichen Verhältnissen der galizischen Juden ist nicht zuletzt das zerklüftete Parteileben schuld. Sowohl die Assimilanten als auch die Zionisten — das kleine Häuflein der jüdischen Sozialisten kommt noch sehr wenig in Betracht — stehen jeder wirtschaftlich-organisatorischen und kulturellen Arbeit fern. Sie werfen sich gegenseitig nationalen Chauvinismus vor und treiben M a n d a t s p o 1 i t i k. Die Sterilität der oberwähnten Hilfsaktions- Landeskomitees, in dem beide sitzen, beweist, daß sie den Bedürfnissen der Volksmassen fremd gegenüberstehen. Da heißt es wirklich: mehrarbeiten und weniger politisieren,