Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 4 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 26 „Neue National-Zeitung" Die Juden in Galizien.*) Von Dr. S. R. Landau. Es soll nicht meine Aufgabe sein, die Geschichte der Juden in Galizien zu schreiben. Das überlasse ich kompetenteren Fachmännern. Sie erwartet auch eine große, dankbare Aufgabe. Jahrhunderte hindurch war Galizen — speziell Krakau — der Brennpunkt jüdischer Wissenschaft, die wichtigsten Gesetzes- und Ritualfragen wurden hier entschieden, hier ruhen die Gebeine unsterblicher jüdischer Geistesheroen, die aus dem Westen und Süden hierherkamen, um als Talmudgelehrte oder als königliche Leibärzte zu wirken. Heute ist Galizien der Schauplatz einer kulturellen und wirtschaftlichen Umwälzung innerhalb des Judentums. An Stelle der Pflege jüdischer Gelehrsamkeit ist blinder Fanatismus mit seinen Abgöttern, den Wunderrabbis, getreten, der mühsam durch den Volksschulunterricht bekämpft wird; die jüdischen Volksmassen, die zum größten Teil vom Zwischenhandel und vom Schankgewerbe leben, werden durch die Verkehrsentwicklung, durch die kommerzielle Konkurrenz seitens der Landbevölkerung und die Aufhebung der Propinationsrechte aus ihrem Erwerb herausgedrängt und müssen zu anderen Berufen greifen — oder emigrieren. Die Juden in Galizien bilden ungefähr zwei Drittel der österreichischen Judenschaft. Die letzte Volkszählung vom Jahre 1910 weist nämlich 871.906 Juden in Galizien, dagegen 1,313.698 Juden in ganz Oesterreich auf. Durch die Tracht Sprache und . Lebensgewohnheiten von den Juden des Westens unterschieden, leben die galizischen Juden auch kulturell und wirtschaftlich unter anderen Bedingungen. i Der überwiegende Teil ist der polnischjüdischen Tracht — dem langen Rock, wozu an Samstagen und Feiertagen die Pelzkopfbedeckung hinzukommt — treu geblieben. Diese Tracht ist der äußere Ausdruck ihrer religösen Gesinnung. Mit dem Wegfall der letzteren erfolgt auch eine äußere Metamorphose: die allgemeine europäische Kleidung tritt an Stelle der bisherigen exotischen. Die Frauen wieder entledigen sich ihrer Perücken und tragen das „eigene Haar" zur Schau. Die Sprache der breiten Volksschichten ist das Jiddisch — eine jüdisch-deutsche Mundart, die auch hie und da mit hebräischen und polnischen Ausdrücken durchsetzt ist. Sie verfügt bereits über eine reiche Literatur, über zahlreiche hervorragende Dichter und Novellisten, deren Wohnsitz sich zumeist in Rußland und Amerika befindet. Von dort werden die jüdischen Werke, darunter auch Uebersetzungen deutscher Klassiker, naturwissenschaftlicher und sozialistischer Publikationen nach Galizien importiert, wo sie nur geringen-Absatz finden. Die jüdische Bevölkerung in Galizien ist so arm, daß sie selbst die für sie zugänglichen Werke und Bücher als Luxusartikel nicht zu erschwingen vermag. Das einzige Büdungsmittel für sie sind daher nur die Zeitungen. In Galizien erscheinen zwei jiddische Tagblätter in Lemberg und in Krakau, und einige jiddische Wochenschriften; zu den verbreitetsten gehören die Wochenschriften der zionistischen Arbeiterpartei „Poale Zion" und der jüdischen sozialistischen Partei „Z. P. S.". Die sonstigen Zeitungen für jüdische Interessen, zwei polnische Wochenblätter in Lemberg und ein hebräisches Wochenblatt in Krakau, sind nur für engere Kreise der Intelligenz-bestimmt. Als Unterhaltung und-Kulturmittel für die Juden in Lemberg ist besonders das jüdische Theater zu erwähnen. Was dieses Theater für die armen, im. .schweren Kampfe um das tägliche Brot abgehärmten j,untersten jüdischen Volksschichten 'bedeutet, _ das Dr. von Bilinski, Dr. von Zaleski und von Dlugoszuhabe ich in meinem Buche „Unter jüdischen Prole- Sektionschet Dr. Koller, Hofrat Dr. von P o d I e w s k iÄtariern", Wien 1898, geschildert. Hof rat Bar win ski, Sektionsrat Dr. von Twardowski,^ (Diese unseren Lesern gewiß bekannte Schill Universitätsprofessoren, Abgeordnete, hervorragende Kunstderung dürren Wir wohl hier übergehen. Anm. def: Redaktion.) Ich verweise auch auf die Arbeit meines leider so jung verstorbenen Kollegen Dr. Ignacy Suesser „Kilka slow o zargonie i teatrze zydowskim". Das Jiddisch wird mindestens von der Hälfte der galizischen Juden, also von über 400.000 der älteren Generation angehörenden Personen gesprochen; diese Leute sind einer anderen Sprache überhaupt nicht mächtig. Will man diese Leute zur Erkenntnis der Außenwelt und ihrer Vorgänge, zu nationalem und politischem Selbstbewußtsein, zu vollwertigen Mitgliedern der Oeseilschaft erziehen, dann muß man sich das Jiddisch als eines Mittels bedienen. Die jüngere Generation hat sich milrden -öffentlichen Volksschulen allmählich befreundet. Ein unvergeßliches Verdienst auf diesem Gebiete haben sich die verstorbenen Ehegatten Baron Moriz und *) Soeben ist im Verlage der „M o d e r n e n Illustrierten Zeitung" in Wien eine Publikation, betitelt „S o n d e rnummer — Galizie n", erschienen, die in bezug auf Inhalt und typographische Ausstattung zu den schönsten und interessantesten Erscheinungen auf dem Büchermarkte gehört. Wir nennen bloß -die Mitarbeiter: Die Exzellenzen Minister kritiker usw. Sie alle haben sich in dem Bestreben vereinigt, dem deutsehlesenden Publikum, vornehmlich in Westösterreich, ein vollendetes Bild der gesamten kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung Qaliziens vor Augen zu führen, an der Hand von herrlichen Illustrationen seine unermeßlichen Kunst- und Naturschätze zu enthüllen und dadurch endgültig allen Vorurteilen, mit denen bisher Unvernunft und nationaler Eigendünkel das Land Galizien verfolgten, die Spitze abzubrechen. Der geistige Inspirator des ganzen Werkes, Herr Sektionsrat Dr. von T w a r d o w s k i vom galizischen Landsmannministeriuni, hat durch die Einladung .unseres Herausgebers zur Mitarbederschaft 'dafür gesorgt, daß auch das jüdische Element in diesem Gesamtbilde Galiziens nicht fehle. Sowohl der obige Artikel als auch mehrere Reproduktionen jüdischer Motive, darunter zwei Bilder des hervorragendsten Malers jüdischer Volkstypen, Isidor K a u f m a n n, sind diesem Zwecke gewidmet. Anm. der Redaktion.