Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 3 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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„Neue National-Zeitung" Seite ->.\ Handschrift der „Makkabäer" in Devrients Händen. Worauf das Augenmerk der Kritik und ihr leiser Tadel bei dieser Tragödie unsterblichen, nationalen Heldentums, besonders gerichtet war, das ist das Doppellieht, das zuerst hell und glänzend auf den Nationalhelden J u d a und dann auf Lea, die Heldenmutter, fällt. So haben wir es in dem Trauerspiele mit einein Helden und einer Heldin zu tun. Die Gestalt Leas hatten sowohl Werner als auch Ludwig aus dem durchaus unhistorischen und an legendarischen Berichten reichen, lange nach der Makkabäerzeit entstandenen II. Makkabüerbuehe entnommen. Hier wird von dem Heldentum der Mutter und dem Opfertode ihrer sieben Söhne berichtet. Diese Erzählung hat mit der Geschichte der Makkabäer, wie sie im historischen, wahrscheinlich während Johannes Hyrkanos Regierung entstandenem Makkabäerbuche erzählt wird, nichts zu tun. Mattathias, der jüdische Priester zu Modin, hatte nur fünf Söhne, die teils auf dem Schlachtfelde fielen, teils, wie Jonathan und Simon, Opfer meuchlerischer Ermordung wurden. So sind denn die Gestalten Joarims und Benjamins freie Erdichtungen Ludwigs. Eine solche ist auch die der lieblichen Na^mi, des Weibes Judas, der Tochter Boas. Da schwebte unserem Dichter die herrliche Person der biblischen „Ruth" vor. Na^mi legt auch der Dichter die wunderbaren Worte Ruths in den Mund, die sie zu Lea spricht: „Ich geh' mit dir, wohin dein Fuß dich fuhrt. Dein Gott ist mein Gott; wo du stirbst, da sterb' Icli auch; da will ich auch begraben sein. Kehr' dich nicht weg. So wahr der Herr lebt, mir Der Tod soll mich von Judas Mutter scheiden.'* -- So sehr demnach auch unser Interesse zwischen den Personen Judas und Leas geteilt bleibt, und wir es in dem Trauerspiele mit der Tragödie des Helden und der Mutter, die ihre Kinder dem Gelüste des Antiochus opfern muß, zu tun haben, der gewaltig poetischen, wahrhaft realistischen Charakteristik der Personen tut dies keinen Eintrag. Es sind heroische Gestalten, die in Juda und Lea uns vorgeführt werden, in der Tat Verherrlichungen unseres nationalen Heldentums, wie wir sie in der ganzen Geschichte der Literatur sonst nicht zu finden vermögen. Mit diesem Heroendrama verbindet der Dichter eine ergreifende, erschütternde Familientragödie. Mattathias, der Sterbende, der den Sieg Judas nicht erschauen soll, die abtrünnigen Simeiten, der vom Neide verzehrte Eleazar, der Gegensatz zu Juda, Eleazar, der zum Verräter an seinem Volke wird und dann, von Antiochus verstoßen, sich mit seinen Brüdern als Opfer weiht, die rührende Gestalt Naomis, die zwischen Boas, dem verräterischen, schwachen Vater, und der heldenmütigen Mutter ihres Gatten zu wählen hat und dieser in ergreifender Treue folgt, der fanatische, an dem Buchstaben des Gesetzes festhaltende Jojakim, sie alle offenbaren uns ein tiefes, innerliches Leben mit plastischer Kraft. Und wenn Antiochus sagt: „Uns nennt Tyrannen dieses Torerivolk? Sein einziger Tyrann ist sein Gesetz," sollten wir hier nicht eine Charakteristik unseres Volkes und seines Lebens erblicken, der man Wahrheit nicht ganz absprechen kann? Wie farbenreich sind auch die Lebensbilder, die bewegten Volksszenen, die mit dramatischer Bewegung und impulsiver Kraft der Dichter vor unserem Auge erstehen läßt! Und wie bilderreich und doch einfach schlicht sein Ausdruck! Dies alles weist den „Makkabäern" einen würdigen Platz in der Reihe der klassischen Werke der Literaturen aller Zeiten an. „Die Makkabäer" sichern auch, neben dem „Erbförster", mit seinen plastischen, lebeuswarmeu Gestalten und der alttestamemlichen Wucht seiner Sprache, Lud w i g unsterblichen Ruhm. Unvollendet blieben seine Dramen „Agnes Bernauer", „Marino Falieri*', „Tiberius Gracchus", ..Der Jakobsstab". Wir freuen uns an seinen Erzählungen „Die Heiterethei", werden ergriffen durch sein tiefes Seeiengemälde „Zwischen Himmel und Erde", bringen seiner Novelle „Maria" psychologisches Interesse entgegen, bewundern den ästhetischen Sinn und die grüblerische Reflexion, die sich in seinen „Shakespearestudien" offenbart, aber sein wahrhafter, echter Erfolg ist doch nur mit.seinem „Erbförster" und insonderheit mit seinen „Makkabäern" verbunden. Wieder zeigt sich hier, wie viel dramatischer Stoff in den altbiblischen Büchern, und gehörten sie auch einer späteren, hellenistischen Zeit an, enthalten ist, wenn nur der richtige Dichter kommt, der ihn auszuschöpfen versteht. Müssen wir an Racine und Grillparzer, an Goethe und Hebbel erinnern? Ihnen reiht sich würdig L u d w i g an. Daß der Stoff der „Makkabäer" auch zur musikalischen Behandlung sich eignet, ist genugsam bekannt. Und wir nehmen wohl mit Recht an, daß Händeis Oratorium „Judas Makkabäus" (London, 1746), mit dem sich Ludwig sehr viel beschäftigte, ihn zu seinem Trauerspiele veranlaßte. Im Anschlüsse an dieses ist Anton Rubinsteins Oper „Die Makkabäer" entstanden, deren Text der Wiener Dichter S. H. Mosenthal 1875 schrieb, Rudolf Beyer lieferte wieder die Musik zu L u d w i g s Drama. Viele Aufführungen erlebte das Werk Ludwigs an den Hoftheatern von Dresden, Berlin und an dem Burgtheater Wiens, und es hat im Laufe der Jahre seine Bühnenwirksamkeit erwiesen. In W i e n führte es Laube immer und immer wieder auf. Das Publikum erwärmte sich nach und nach an der herrlichen Dichtung und spendete ihr reichen Beifall. Nebenbei: während Laube sich spröde, ja sogar feindselig gegen Hebbel verhielt und schwer zu bewegen war, dessen Dramen aufzuführen, erhielt er „Die Makkabäer" stets auf dem Repertoire. Es wird von allgemeinem Interesse sein, zu hören, was dieser Bühnenpraktiker, der bedeutendste vielleicht, den wir besaßen, über das Stück und seine Aufführung in seinem „B'irgrheater" schreibt: „Am Schlüsse des 2. Aktes ein unerhörter Erfolg." Die Erhebung am Schlüsse dieses sc wie am Ende des 5. Aktes ist in der Tat hinreilk-nd. prächtig. Hören wir Laube weiter: „Im dritten Akte eine völlige Niederlage. Die verwirrenden Nachrichten, das jüdische (!) Markten um Worte, der fortwährende Widerspruch — wurden ausgelacht. Die letzten Akte hatten Mühe, dem Stücke notdürftig wieder aufzuhelfen von solchem Falle. Es war vorauszusehen: Daheim erzählen sie vorzugsweise von der spektakelhaften Judenschule (!), die ausgelacht worden, und der Besuch bleibt aus, das Stück ist nicht zu halten auf dem Repertoire." Und der Bühnenpraktikus hatte sich doch getäuscht. „Jeden Spätherbst", sagte er weiter, „brachte ich es nach sorgfältigen