Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 3 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 22_ .......__________ ....._____„Neue;Nation^-Zdtung^__________________ Nr. 3 FEUILLETON. Otto Ludwigs „Makkabäer". Zum 100. Geburtstag des Dichters, am 12. Februar 1913. Von Prof. Dr. Max 0 r ii n i e 1 d. Das weltgeschichtlich bedeutsame Jahr 1813, das Jahr der Leipziger Völkerschlacht, schenkte der deutschen und Weltliteratur zwei Dichter, die, mögen sie auch in ihren Richtungen und Charakteren verschieden, ja entgegengesetzt erscheinen, dagegen in der Art und Weise, wie sie die höchsten Forderungen der Kunst zu erfüllen trachteten, aber auch der Wahrheit mit Ernst und Strenge dienten, zu den gewaltigsten Trägem der Dichtung nicht nur im 19. Jahrhundert gehören, sondern auch, als Pfadfinder und Lichtträger, den Dichtern und Schriftstellern unseres 20. Jahrhunderts voranleuchten; es sind dies der D i t h m a r s c h e: Friedrich Hebbel (geboren in Wesselbure n, 18. März 1813) und der T h ü r i n g e r: Otto Lud w i g aus Eisfeld im Herzogtum Meiningen (geboren am 12. Februar 1813). Es würde nicht schwer werden, eine Parallele zwischen diesen beiden Dichternaturen zu ziehen. Schon ihr äußeres Leben vollzog sich unter Hemmungen und Erschwerungen mannigfachster Art. Körperliche Schwäche, Krankheiten, und der. bei deutschen Poeten schon zur Regel gewordene Kampf um die materielle Existenz, bieten viele Aehnlichkeiten in ihrem Leben dar, ihre tiefe Ursprünglichkeit und weltumfassende Anschauung, die dichterische Unmittelbarkeit, der Drang zur großen Gestaltung, geben ihnen ein gemeinsames Gepräge. Allerdings, welche Verschiedenartigkeiten weisen wieder andererseits die beiden Dichter auf. 11 e b b e 1 bleibt der gewaltige, starke Ankämpfer gegen ein feindseliges Geschick und versteht es, als solcher sich durchzusetzen. Ganz anders der stille Thüringer im Gegensatze zu dem knorrigen Pithmarschen. Ludwigs Bedeutung erkannte wirklich erst die . Nachwelt, sie flicht ihm unverwelküdie Kränze. Fern sei es uns, zu entscheiden, wer von den beiden Dichtern der Bedeutendere ist; sicher i t, daß erst unser Jahrhundert ihren Einfluß auf unsere neuere Dichtung erkannt hat, und wir uns freuen können, sie nun ganz zu besitzen. Seit den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sehen wir das mächtige Vorwärtsschreiten des poetischen Realismus, der sich im Kampfe gegen die Romantik und das „junge Deutschland*' mit seiner „Tendenz"-Literatur sein Feld erobert. Dieser „Realismus" geht von der Forderung aus, daß der Dichter das Leben zu gestalten habe, ihm nichts Menschliches in Vergangenheit und Gegenwart fremd bleibe, wenn er auch von den Zuständen des Tages und der gegenwärtigen Verhälnisse abhängig sei. Zu den Hauptvertretern dieses klassischen Realimus gehört neben Gottfried Keller und Gustav Frevtag, unser Dichter Otto Ludwig. Von seinen einfachen Lebensumständen wollen wir nichts weiter sagen. Sie wurden in liebevoller Weise von seinem Freunde Heydric h, in gründlicher Art von Adolf Stern, der auch die gesammelten Schriften des Dichters herausgab, geschildert. Es ist ein stilles, einfach verfließendes Poeten- und Künstlerleben, das von schwerer Krankheit gepeinigt, im Jahre 1865 (am 25. Februar) endet, nachdem der mit unserem Dichter so vielfach verwandte Hebbel, schon zwei Jahre vorher, am 13. Dezember 1863, aus dem Leben geschieden war. Wir wollen die Wort Ludwigs selbst anführen, um zu erkennen, unter welchen Schmerzen er arbeitete. Als er mit der Niederschrift seiner „M a kkabäer" beschäftigt war, sagt er von sich: „Ich schrieb immer acht oder zehn Zeilen, dann fingen die Krämpfe im Unterleibe an in solcher Art, daß jeder Atemzug ein Stöhnen wurde, das dauerte den Tag, die Nacht und wieder einen halben Tag; nun mußte ich mich doch wieder von der Tortur erholen, dann wieder mich sammeln, was ich eigentlich hatte machen wollen. Das Ganze zeigte sich in einer neuen Gestalt und immer in solcher Lebendigkeit, daß ich die Menschen neben mir a m Bette sitzen sah . . ."Es war gerade jetzt vor 60 Jahren, am 9. Jänner 1853,'daß dieses „hohe Lied" des nationalen, religiös gesteigerten Gefühls, das uns L u d w i g auf dem Höhepunkt seines dichterisch-dramatischen Schaffens zeigt, an dem Dresdner Hoftheater zum erstenmale aufgeführt wurde. Mit mächtigem Griffe in die biblische Welt hatte Ludwig den oft behandelten Stoff der Makkabäer g e s c Ii i c h t e, wie er in den zwei ersten Makkabäerbüchern, die wir als Aprokryphen bezeichnen, vorliegt, erfaßt, und in prächtiger Ausführung sein Trauerspiel „D i e Makkab ä e r" vor die Augen eines bewundernden und begeisterten Publikums gestellt. Sie sind auch sein letztes vollendetes Bühnenwerk geblieben. Und, wieder eine Parallele mit Hebbel. Auch dieser hatte seinen ersten großen Bühnenerfolg mit dem Löwenwurfe seines „Judith"- Dramas errungen, dessen Stoff er dem apokryphischen Buche entnahm. Es wäre vielleicht hier am Platze, durch eine Vergleichung des Erstlingswerkes Hebbels und des dramatischen Schwanensangs Ludwigs die Verschiedenheiten der beiden großartigen Dichternaturen zu verfolgen. Das aber würde sicherlich zu weit führen und uns von unserem Thema allzusehr entfernen. Bemerken wir nur. daß bei der künstlerischen Schöpfung Ludwig s, an welche die fünfaktige Tragödie von Zacharias Werner „Die Mutter der Makkabäer" (Wien. 1820) bei weitem nicht heranreicht, Eduard Devrieut, der damalige Leiter des Dresdner Hoftheaters., der es aber schon 1852 verließ, und B e r t h o 1 d Auerbach, gleichsam zu Gevatter standen. „Die Mutter der Makkabäe.r". hatte Werner sein Drama genannt. Auch die erste Bearbeitung des Makkabäerstoffes, die Ludwig vornahm und die aus dem Jahre 1850 stammt, führt den Titel „Die Makkabäerin". Die zweite Bearbeitung aus dem Jahre 1851 führt den Namen „Die Mutter der Makkabäer". Hier tritt uns schon die imposante Gestalt der Heldenmutter Lea entgegen. Die dritte Bearbeitung endlich wurde Ende 1851 begonnen und im Laufe des Sommers 1852 vollendet. Am 23. Juli 1852 war die