Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 3 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 20 .Neue National-Zeitung*' Nr; 3 kennen, -um mit ihnen festzustellen, was nötig ist und in welchen Mengen. Insbesondere gab uns auch die Königin in der besonderen Audienz, -die wir bei ihr hatten, beherzigenswerte Winke für Adrianopel. Die Kosten, die die Hilfe für Adrianopel erfordert, werden sehr bedeutend sein. Wir müssen nach allem, was wir erforscht haben, von den 25.000 Juden, die eingeschlossen sein dürften, 10.000 mit allen Lebensbedürfnissen für mindesten:* acht Tage unterstützen; leider läßt sich sagen, daß auch schwere Krankheiten in Adrianopel herrschen, wahrscheinlich Erkrankungen der Atmungswege, Typhus, Lungenentzündungen, Dissenfrerie, Pocken, vielleicht auch Cholera. Nach genauen Berechnungen brauchen wir an Lebensmitteln, Heizung, Kleidung usw. mindestens 52.000 Francs, ein Dispositionsfonds für unvorhergesehene notwendige bare Geldausgaben muß bereitgestellt werden; wir bewilligten dafür 13.000 Francs. Da größter Mangel an Aerzten und Schwestern herrschen wird, haben wir bereits einen jüdischen Arzt vom russischen Roten Kreuz engagiert für 20 Francs den Tag, ferne* haben wir zwei Krankenschwestern aus Berlin bestellt, die Medikamente, kondensierte Milch, Erbsmehl und für Kranke und Schwache andere Dinge, die in Bulgarien nicht zu haben sind, mitbringen. Wir rechnen für Arzt, Schwestern, Medikamente sowie für Krankenpflege 10.000 Francs. Es liegt weiter im Interesse einer schnellen Gesundung der Verhältnisse, sobald Adrianopel offen ist, daß diejenigen, die nur durch die Belagerung vorübergehend in Not sind, so schnell wie möglich in den Stand gesetzt werden, wieder ihre Tätigkeit aufzunehmen, daß die aus anderen Orten Geflüchteten möglichst rasch zurückkehren, um die Stadt von Nichtansässigen zu leeren. Für diesen Zweck halten wir eine provisorische, nur für die Beseitigung der Augenblickswot berechnete Leihkasse für notwendig, für die 20.000 Francs von uns bereitgestellt werden sollen, aber nur in dem Falle, wenn die wohlhabenden .Glaubensgenossen in Adrianopel ihrerseits hinreichende Garantie für die Rückzahlung dieser Summe geben. Sollte eine solche Aenderung der Kriegslage eintreten, daß man die angehäuiten Lebensmittel überhaupt nicht nach Adrianopel hineinbringen kann, so sind diese doch zu benutzen, um statt Geld an die Opfer in Thrazien und Mazedonien verteilt zu werden. Außerdem wird nur der Bedarf für zwei bis drei Tage sofort verkauft, also etwa ein Drittel der ganzen Summe, der andere Teil wird auf Abruf bereitgehalten. Arzt, Krankenschwestern und Medikamente sind auch außerhalb Adrianopels für eine Zeit lang notwendig und verwendbar. Einstweilen sollen allerdings Arzt und Schwestern für Adrianopel zur Verfügung bleiben. Sollte es noch einige Zeit dauern, bis Adrianopel wieder offen wird, so haben wir uns entschlossen, diese drei Personen der Königin für Zwecke der Krankenpflege ohne Beschränkung auf die Juden einstweilen zur Verfügung zu stellen. Wir glauben auf diese Weise dazu beizutragen, das gute Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden und zwischen den Juden und den Behörden zu kräftigen. Die Durchführung unserer Pläne und unserer Hilfsaktion ist in den jetzigen Zeiten und Verhältnissen zweifellos nur erreichbar, insofern die bulgarische Regierung uns ihre Unterstützung und ihr Wohlwollen zu gewähren bereit ist. Insbesondere ist eine Reise in die eroberten Gebiete, um nur eines hervorzuheben, nicht durchführbar, wenn nicht die Militär- und Zivilbehörden eine ausdrückliche und besondere Erlaubnis hierzu gewähren. Seitens der serbischen Regierung haben wir diese Erlaubnis durch Vermittlung des deutschen Gesandten für die deutschen, durch Vermittlung des englischen Gesandten für das englische Mitglied unserer Kommission erhalten. Von der bulgarischen Regierung mußten Erlaubnisscheine seitens des Ministers des Innern und des Kriegsministers eingeholt werden. Bei dieser Sachlage war es geboten, mit den Ministern und wenn möglich mit dem König sowie auch mit der Königin, die alle humanitären Bestrebungen unter ihre Patronäge genommen hat, in unmittelbare Beziehung zu treten. * Die Audienz beim bulgarischen Königspaar. Wir haben Unterredungen gehabt mit dem Handelsminister, der den abwesenden Finanzminister vertritt. Wir erlangten von ihm die Zusage, daß er, wenn nur irgend möglich, die vom Ausland einzuführenden Waren zollfrei lassen werde. Dann mit dem Eisenbahnminister, der uns ermäßigte Tarife für die Beförderung der Waren und beschleunigten Transport an den Bestimmungsort zusagte. Der Minister des Innern, bei dem wir gleichfalls waren, hat uns gemeinsam mit dem Kriegsminister Passierscheine für alle eroberten Gebiete ausgestellt, in denen die Behörden gleichzeitig aufgefordert werden, uns größtes Entgegenkommen zu beweisen. Schließlich waren wir beim Ministerpräsidenten' (und Minister des Auswärtigen) Geschow. Am Donnerstag abend um 7 Uhr hatten wir zusammen mit Dr. Ehrenpreis eine Privataudienz bei der K ö n i g i n. Sie empfing uns außerordentlich wohlwollend und liebenswürdig und gab uns in einer halbstündigen Audienz für unsere Arbeit, die sie in jeder Weise zu unterstützen Versprach, schätzenswerte Anregungen und Winke. Es sei auch erwähnt, daß sie sich sehr lobend über den Patriotismus und den Opfersinn der bulgarischen Juden ausgesprochen hat und Herrn und Frau Rabbiner Dr. Ehrenpreis mehrmals besonders lobend erwähnte. Am Schluß der Audienz kam auch seitens der Königin^ die rumänische Judenfrage zur Sprache. Sie sprach freimütig und human über die Verhältnisse. Am Freitag wurden wir (wiederum Dr. Ehrenpreis, Dr. Nathan, Elkan Adler und Dr. Kahn) vom König in Audienz empfangen. Auch beim König war der Empfang überaus freundlich und wohlwollend. Der Monarch unterhielt sich mit uns über eine Stunde in sehr angeregtem Gespräch. Wir setzten auch ihm wie der Königin die Aufgaben auseinander, die die vereinigten jüdischen Organisationen gegenüber den Opfern des Krieges erfüllen wollen. Er dankte und versprach seine volle Unterstützung. Besonders interessierte den König das Schicksal Adrianopels. Er legte der Tatsache, daß fast ein Viertel der Bevölkerung Adrianopels aus Juden bestehe, große Bedeutung bei. Die Angaben über die Einwanderung der seinerzeit vertriebenen Juden aus Spanien und Portugal nach der Türkei, die Beibehaltung ihrer Sprache usw. schienen ihm von großem Interesse zu sein. Der König versicherte wiederholt, daß alle Juden in seinem Reiche auf sein Wohlwollen rechnen könnten und völlig gleichberechtigt behandelt werden und behandelt werden sollen. Unsere Aufgabe in Sofia ist erledigt. /WS ALLEN WELTTEILEN Dr. Ludwig Bendiener — gestorben. Samstag, den 18. Jänner, ist in Prag der Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Ludwig Bendiener nach längerem Leiden im Alter von 73 Jahren verschieden. Er war viele Jahre hindurch Mitglied des Landesschulrates für Böhmen, .Obmannstellvertreter des Deutsch-politischen Vereines in Prag und Vorstandsmitglied der meisten deutschen Vereine. Er war auch Kammeranwalt der Advokatenkammer für Böhmen. Durch mehr als 40 Jahre war er Mitglied des Vorstandes der israelischen Kuitusgemeiude und durch 25 Jahre deren Vizepräsident. Er hat sich