Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 3 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 _....._____________________„Neue National-Zeitung" _ ■__ Nr._3 Piinktliclikeit, die mir vordem und seither nicht wieder begegnete. „Ach," meinte er, als er bei der ersten Sitzung erschien und die weiße Leinwand erblickte, „Sie haben noch nichts vorbereitet? Photographieren Sie nicht? Da werde ich sehr oft kommen müssen? Aber bitte, lassen Sie sich dadurch in keiner Weise stören!" Wie überrascht war der Erzherzog, als er nach einer halben Stunde in losen Strichen eine Skizze vorfand. „Jetzt verstehe ich das Geheimnis," sagte er lächelnd. Ohne die geringste Ermüdung saß er dann zwei Stunden. Beim Abschied bestimmte er die nächste Sitzung . . „Warten Sie — also Samstag können S i e nicht, Sonntag sind Sie, wie Sie mir erzählten, im Volksheim, Montag kann ich nicht — also Dienstag." Seine liebenswürdige Rücksicht war unvergleichlich und stets unwandelbar. Einmal, da der Winter ungemein streng war, erbat ich mir, die nächste Sitzung im erzherzoglichen Palais abzuhalten. „Diese Bitte muß ich Ihnen abschlagen, Ihre Bemühung wäre viel zu groß. All die Utensilien müßten so weit fortgeschafft werden — und nun haben Sie doch das Porträt in diesem Raum und bei diesem Licht begonnen, nein, ich komme schon." Trotz Glatteis, Sturm und Frost erschien der greise Erzherzog am nächsten Tag. Nicht weniger als viermal habe ich Erzherzog Rainer gezeichnet und gemalt. Ein Bild ist in seinem Privatbesitz, eins hat der Kriegerverein, ein drittes wird in den nächsten Tagen in öffentlichen Besitz übergehen. Das vierte bewahre ich mir zum Gedenken an die Stunden, die dieser edle Fürst in meinem Atelier hier und in Baden weilte. Die Sitzungen verliefen in anregsamstem Gespräch. Kaum, daß der Erzherzog das Atelier betrat, blickte er auf Staffeleien und Wände, ob er nicht ein neues Bild entdeckte. Ich hatte eben ein Bild vollendet, das einen frommen Juden beim Studium der Thorah zeigte. Der Erzherzog interessierte sich, sehr dafür. Wir kamen bei dieser Gelegenheit auf sonst entlegene Dinge und ungeahnt sprachen wir von den großen Verheißungen des Propheten Jesaias, die uns den ewigen Frieden ankündigten. „Ist es nicht eigenartig, Kaiserliche Hoheit," erlaubte ich mir zu bemerken, „daß wir das große moderne Friedensproblem mit seiner Sehnsucht nach den .Waffen nieder', schon vor Jahrtausenden in diesen Bibelversen finden?" „Ein seltener Zufall," hatte der Erzherzog die Güte zu erwidern. „Ehe ich heute Ihr Haus betrat, stand icli eine Weile stille davor und sah einem Vogel zu, der auf einen Wurm einhackte, ihn zerstückelte und schließlich verschlang. So, lange da draußen in der Natur der Kampf wehrt, werden auch die Menschen nicht aufhören, sich zu bekämpfen....." Oftmals hatte ich dabei Gelegenheit, das feine Kunstverständnis des Erzherzogs zu bewundern. Einstmals nach einer Ausstellung in der Sezession besprachen wir die dort exponierten Bilder. „Dort und überhaupt," meinte er, „wird viel zu wenig gesichtet. Fassen Sie, Meister, dieses ,Zu viel' nicht in dem antikulturellen Sinne auf. Man kann die künstlerischen Bestrebungen nie genug fördern. Aber es scheint mir, als würde in unserer Zeit zu wenig gelernt, zu viel versucht .... Haben Sie vielleicht jenes Bild gesehen, das ein Mohnfeld mit einem weiblichen Akt darstellt? Es ist gut gemalt. Aber — gewiß ein blühendes Mohnfeld habe ich oft genug gesehen — doch niemals eine solche Figur darin." Diese und späterhin zahlreiche andere Aeußerungen zeigten mir deutlich, daß der Erzherzog gegen die Darstellung alles Widernatürlichen sei. Sein Kunstverständnis basierte wie sein ganzes Leben auf einem: einer einfachen wunderbaren Empfindung. Sie leuchtet aus seinen politischen Aeußerungen, aus seinen Ansichten über Kunst, aus seiner Lebensweise, die in einfacher, doch köstlicher Harmonie erklang. Eduard Kauf m a n n. Die Hilfsaktion für die Juden auf dem Balkan. Bericht über die Zeit vom 10. Jänner bis 19. Jänner 1913. Die Tagesblätter haben bereits in ganz knappen Zügen über die aus Berlin nach dem Balkan unter Führung von Dr. Nathan behufs Durchführung einer Hilfsaktion entsandte Delegation berichtet. Wir sind nunmehr in der Lage, den authentischen Bericht an den „Hilfsverein der Deutschen Juden" über diese Hilisaktion, ihren Umfang und Einzelheiten zu veröffentlichen: Eine Konferenz in Wien. Freitag, den 10. Jänner morgens, trafen Dr. Nathan und Elkan Adler in Wien zusammen. Unmittelbar darauf hatten die Herren eine eingehende Unterredung mit den Herren der Wiener Allianz, bei der in bezug auf das Hilfswerk für die Opfer des Balkankrieges und unsere Informationsreise nach den Notstandsgebieten eine vollständige Übereinstimmung erzielt wurde. Herr Dr. Kahn traf später in Wien ein. Er war über Brüssel gefahren, um mit dem Vorsitzenden unserer Union des Associatons Israelites, Herrn Franz Philippson, die finanzielle Lage und Einzelheiten der Berichterstattung un'd-;;Sammlung des Materials zu besprechen. Die Hilfsaktion für die Juden in Serbien. Sonntaig, den 12. Jänner frühmorgens, reisten wir über Budapest nach Belgrad. Wir trafen gegen 11 Uhr abends dort ein, hatten aber trotz der späten Stunde noch eine kurze vorbereitende Unterredung mit dem Rabbiner Dr. Alcalay, der uns am Bahnhof erwartet hatte. Die Konferenz wurde am anderen Tage fortgesetzt. Dr. Alcalay, ein äußerst verständiger, für unsere Zwecke sehr eifriger Herr, schilderte uns ausfuhrlich und detailliert die Lage der Juden in Serbien und in den von den Serben besetzten Gebieten. In Serbien leben etwa 7500 Juden. Verhältnismäßig sind sehr viele Juden eingezogen worden, aus Belgrad, wo unter 92.000 Einwohnern 5600 Juden leben, allein 670. Sehr viele davon sind bei der Miliz, sie sind also nicht direkt auf den Kriegsschauplatz entsandt worden. Schabads (30.000 bis 35.000 Einwohner), Juden 250 Seelen, 35 Soldaten. Pirott (30.000 Einwohner), 350 Juden, 32 bis 35 Soldaten; Pozar e wats (25.000 Einwohner), Juden 150 bis 200 Seelen, jüdische