Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 2 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 15 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. i____________ ___________„Neue Najional-Zeitung" Seite l:> PEUILLCTON. Das jüdische Volkslied.*) Von S. K i s s e 1 h o f f, St. Petersburg. Das moderne weltliche Lied, seine allgemeine Stimmung, Formen, Charakter, ethnographische Bedeutung. Im modernen weltlichen Volkslied spiegelt sich mit erschöpfender Vollständigkeit das ganze Leben des jüdischen Volkes ab. Die ganze Trauer seiner Seele spricht aus den düsteren Klagetönen des Liedes. Es stöhnt und klagt das Lied, man hört darindeutlich die unterdrückten, unvergossenen Tränen unverdienter historischer Beleidigungen, harter Leiden und Prüflingen, die dieses eigenste Märtyrervolk Jahrhunderte lang zu dulden hatte. Bedenkt man noch, daß das moderne Volkslied in der schwülen, engen Werkstatt entsteht, die ebenso an Luft- und Lichtmangel leidet, wie das Lied selbst, daß die jüdischen Weisen, von der aller ärmsten jüdischen Volksschicht gesungen werden, die nicht nur unter rechtlichem, sondern auch unter ökonomischem Drucke verschmachtet — dann lernt man verstehen, woher diese ergreifenden, herzzerreißenden Laute, woher dieser Jammer eines blutenden Herzens. Das jüdische Volk kennt zurzeit keine lustigen Majorlieder. Alle seine Lieder sind im tiefsten Minor gehalten. Voll unausdenkbarer Trauer sind nicht nur seine Wiegelieder, sondern auch die Hochzeits-, ja sogar seine humoristischen Lieder. Das jüdische Volkslied ist das Lied des Ghetto. Suchen sie nicht darin die Weiten der Wiesen, Blumenduft oder das zarte Gemurmel des zwischen seinen grünen Ufern dahinrieselnden Baches. Das jüdische Lied ist ein Stadtlied, das Lied der engen Gassen und der engen Stuben. Steinerne Mauern erdrücken es, schließen es in sich selber ein. Und selbst das humoristische Lied ist ein bitteres Lächeln, trauriger als Tränen, eine ironische Betrachtung seiner selbst, seiner Leiden und Schicksalsschläge, es ist ein Lächeln der Lippen, während die Augen weinen. Wenn, nach der Definition Herbert Spencers, das Lied ein idealisierter Schrei ist, so ist das jüdische Lied der Schrei einer leidensmüden, gequälten, gepeinigten Seele. So ist sein allgemeiner Ton. Im Inhalt des Liedes, in seinen Worten spiegelt sich die ganze Lebensweise des jüdischen Volkes ab, seine Bräuche und traditionelle Empfindungen, seine gegenwärtige Lage und seine historischen Erinnerungen. Die historischen Lieder können auch in gewissem Grade als Maß der jüdischen Lieder gelten. Auch ist es allgemein be- * Am 3. d. M. veranstalteten die akademischen Vereine: Jiid. Hochschiiler aus Rußland, Jiid. Kultur, Lese- und Rede- Iialle und Theodor Herzl im Festsaale des „Hotel Central" einen sehr gut besuchten jüdischen Volkslieder- Ahe n d. Als Einleitung und „zum besseren Verständnis der nun folgenden Interpreten" las Dr. S. R. Landau über Einladung der bei ihm erschienenen Studentendeputation die Arbeit S. Kisselhofis vor, der wir dieses Feuilleton entnehmen. Es folgten dann die Darbietungen der Künstler, und zwar: Opernsängern! Frau Rossowsky-Med w e d j e w, Opernsänger Herr Medwedjew und Opernsänger Herr J a n o w s k y aus Petersburg. Ihr schöner Vortrag und großartiges Organ sowie die Eigenartigkeit der jüdischen Lieder fanden allgemeinen und stürmischen Beifall. Die Redaktion. kannt, daß das Lied gleichzeitig mit der Sprache geboren wird, so daß kein Zweifel vorliegt, daß die Anfänge des jüdischen Volksliedes in der Zeit der Entstehung und Ausbreitung des Jargons zwischen den Juden zu suchen sind. Fast alle Seiten des Volkslebens widerspiegelnd, muß das jüdische Volkslied auch für den jüdischen Sittenbesehreiber und Historiker von großem Interesse sein. Zwischen vorwiegend selbständigen, originellen Melodien sind auch nachgeahmte zu finden, in einigen lassen sich Elemente des russischen, häufiger des kleinrussischen Liedes unterscheiden, in den Liedern der Chasidim manchmal rumänische Weisen, die sogenannten Woloche. Doch bekommen im Volksmunde auch nachgeahmte Züge einen eigenartigen Charakter, sie ändern ihren Bau und werden von dem allgemeinen orientalischen Charakter der Melodie verwischt, um in den bezeichneten Endpartien ganz zu verschwinden. Das echte Volkslied immer naiv und kunstlos, muß von den imitierten Volksliedern, von den Liedern der „Batchomim" unterschieden werden. Diese Imitationen sind immer plump und unschön, sind aber gleich herausgefunden. Schablonenhafte Melodie, hochfahrende, oft sinnlose Wörteranreihungen, schallende Reime „gram", ohne Sinn und Verstand — verraten sofort die Quelle — den „Batchon". Trotzdem sind auch diese Lieder von gewissem Interesse — eigener Art. * Liebeslieder. Liebeslieder sind ein Erzeugnis der Schaffenskunst späterer Zeiten. Bis zur zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts galt die „Liebe" für sündhaft und deshalb unzulässig. Für die Kinder sorgten die Eltern und wählten ihnen Braut oder Bräutigam, ganz nach eigenem Geschmack und Gutdünken, ohne nach den Wünschen der so Bedachten viel zu fragen. Die Verlobung fand ohne Mitwissen der unmittelbar interessierten Person statt, welche erst nachträglich beim Darbringen der Glückwünsche vom Geschehnis erfuhren. „Masol toiw, du bist geworden a Kaie, Masol toi.w, du bist geworden a choson". Braut und Bräutigam sahen einander bis nach der Vermählung nicht. Der moderne durchsichtige Brautschleier erinnert noch an das frühere undurchdringliche Tuch, das Gesicht und Gestalt der raut einhüllte. Allerdings lag auch wenig Grund vor, nach den Wünschen der künftigen Eheleute zu fragen: 16jährige Knaben wurden oft mit 14jährigen Mädchen vermählt. Es kamen auch Heiraten im Alter von unter 10 Jahren vor. So gab es denn auch keine Liebeslieder in des Wortes eigenster Bedeutung, sondern nur Lieder „über Braut und Bräutigam". In diesen Liedern träumte die Braut nur, „a talmid chochom far a man" zu bekommen. Nach den fünfziger Jahren, in der Periode „askolo", entsteht auch das Liebeslied. Einige Lieder sind in ihrem Inhalte von tiefer Poesie, alle von trauriger Lvrik durchdrungen. In einem Liebesliede vergleicht der Bräutigam die Wangen seiner Geliebten mit Rosenblättchen, ihre Aeugelein mit dunklen Kirschen: