Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 2 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 14 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 _ „Neue National-Zeitung" Der Dentistenprozeß in Moskau. Ein unheimlicher Mon- Mreprozeß hat jetzt nach zweimonatigen Verhandlungen soeben einen schrecklichen Abschluß gefunden. Fast zweihundert Personen, fast durchwegs Juden, sind mit schweren Kerkerstrafen bedacht worden, weil sie behufs Zulassung zum Dentistenexamen in den vorbereitenden Stadien gewisse Ungesetzlichkeiten begangen hatten. Alle die Angeklagten hatten sich aber das verhängnisvolle Dentistenzeugnis nicht etwa zu dem Zweck verschafft, um der zahnärztlichen Praxis nachzugehen, sondern einzig und allein, um von den iiir die Juden bestehenden Wohnrechtsbeschränkungen befreit y.u werden. Die Richter in Moskau haben laut einem Gesetzesparagraphen ihr Urteil gefällt und zweihundert Männer und Frauen, die das grausamste Ausnahmerecht haben umgehen w ollen, sonst aber nicht die geringste Schuld auf dem Gewissen haben, zur Kerkerhaft verurteilt. Sie fühlten allerdings selbst, daß ihr Verdikt allen moralischen Gesetzen Hohn spricht, und plädierten zugleich für 'kaiserliche Gnade. Die spanische Regierung für die Juden in Marokko. Der spanische Gesandte erschien jüngst auf dem Oberrabinate in Konstantinopel, um mit ihm die Reorganisation der jüdischen Gemeinde in Larrasche (Marokko), deren Lage bedenklich sei, zu besprechen. Die spanische Regierung bietet der Gemeinde einen Platz an zur Erbauung einer Synagoge und einer Schule, wofür die spanische Regierung die Kosten tragen wolle. Auch sprach der Gesandte den Wunsch aus, an der Spitze der jüdischen Gemeinde in Larrasch einen fähigen türkischen Rabbi zu sehen, den seine Regierung offiziell anerkennen und zu dessen Besoldung sie in ansehnlichem Maße beitragen wolle. Die jüdische Religion wolle seine Regierung dort offiziell als gleichberechtigt mit der christlichen anerkennen. Eine neue Synagoge in Johannesburg. Die jüdische Gemeinde von Johannesburg geht daran, eine neue Synagoge zu erbauen, und hat für die besten drei Pläne entsprechende Preise ausgeschrieben. Die Pläne wurden augefertigt und alle drei Architekten haben in ihren Plänen die Bundeslade gegen Osten plaziert. Und nun entstand ein ganz merkwürdiger Streit. Der Rabbiner der Gemeinde, Dr. J. L. Landau, hat gegen die Ausführung des preisgekrönten Bauplanes mit Rücksicht auf eine frühere Entscheidung seinerseits Einspruch erhoben. Nach dieser Entscheidung müssen sämtliche Synagogen in Südafrika im Sinne der jüdischen Gesetze mit der Hauptfront gegen Norden erbaut werden, da Jerusalem, und das ist eigentlich der Misrach, nördlich von Südafrika gelegen ist. Ueber diese Auffassung ist nun ein so heftiger Streit entbrannt, daß sogar das Schisma unter den Juden in Südafrika droht, trotzdem sämtliche Juden in Südafrika, zumindest in der öffentlichen Betätigung, auf dem orthodoxen Standpunkt stehen. Eine neue Synagoge in Tunis. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Tunis hat eine Konkurrenz für die Baupläne einer neuen, großen Synagoge ausgeschrieben. Der neue Tempel soll ein Prachtwerk moderner Tempelbaukunst werden und wird aus dem Stiftungskapitale errichtet, welches der vor zwei Jahren verstorbene Einander und Philantrop Osiris in Paris l'ür diesen Zweck testamentarisch vermacht hat. Der Tempel wird sich auf einem der schönsten Plätze von Tunis, auf dem Garibaldiplatz, erheben und eine Sehenswürdigkeit der Stadt werden, würdig der großen Judengemeinde, welche ein Drittel der Bevölkerung von Tunis ausmacht. Notizen. Jüdische Bühne. Direktion M. S i e g 1 e r (Hotel Stephanie, 11, Taborstraße Nr. 12). Freitag den 16., Samstag, den 17., und Sonntag, den 18. Jänner 1913 (Neu — zum ersten Male): ..Der Maschgiach", komische Operette von Mogulescu, Libretto von N. M. Scheikeuritz, Auftreten des Herrn A. Nr, 2 Rosenstein.— Sonntag, den 18. Jänner, nachmittags halb 4 Uhr: „T o c h t e r Jerusalem s"', Operette von Ch. Wolfsthal. — Montag, den 19. Jänner: „D e r G e m e i n d e r a t'\ von M. Richter. — Dienstag, den 20. Jänner 1913: „Jeschiwc Bücher" von N. Rakow. — Mittwoch, den 21., und Donnerstag, den 22. Jänner 1913: „B 1 ii m a 1 e", Operette von J. Mogulescu. — In Vorbereitung: „Der Szabes Goj". Briefkasten der Redaktion. Theologe. Ihre Vermutung, daß der Sohn des verstorbenen Professors an der „Israelitisch-theologischen Lehranstalt" David Heinrich Müller, Redakteur Stefan Müller, g etauft ist, scheint richtig zu sein, da derselbe im letzten Verzeichnisse der Wiener Kultuswähler nicht angeführt ist. Das kann Sie doch in einer Stadt nicht wundern, wo selbst die Kultusvorsteher getaufte Kinder haben. Ob der Verstorbene aus seiner ersten Ehe Kinder hinterlassen hat, die als „C h a s s i d i n" in Buczacz ebenfalls geadelt sind, ist uns nicht bekannt. Aber auch das wäre sicher kein Malheur. Die Scheidung des Verstorbenen von seiner ersten Frau geschah, wie man uns informiert, über Wunsch der Verwandten derselben, als sich David Heinrich Müller dem profanen Studium zuwandte. Bankbeamter. Siegmuud Springer, ' der Schwiegersohn des verstorbenen Baron Alfred Rothschild ist ein sehr entfernter Verwandter des Barons Gustav Springer. Ob seine Baronisierung nur infolge seiner 500.000-Kronen-Spende für das Rote Kreuz oder etwa — wie die „Arbeiter-Zeitung" bestimmt behauptet — hauptsächlich infolge seiner vorhergegangenen Spende für den Eucharistischen Kongreß erfolgt ist, können wir nicht beurteilen. Jedenfalls war Herr Siegmuud genau informiert, daß ihm eine noch so namhafte Spende für einen jüdischen Zweck die ersehnte B a r o n i e nicht eintragen würde. Jüdischer Sozialist. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß es die Wiener Sozialdemokraten als eine gewaltige Geschäftsstörung ansehen würden, wenn plötzlich die Christlichsozialen ihren Antisemitismus abschwören möchten. Nur so ist es zu erklären, daß Herr Schuhmeier Angst hat, Herr Weiskirchner könnte ein Judenfreund werden. Für den Geschmack des Herrn Schuhmeier spricht es aber sicher nicht, wenn er sich in seiner letzten „Volkstribüne" folgenden Satz leistet: „Und da werden wir am Ende das Schauspiel sehen, daß Herr Weiskirchner — das „von" fehlt ihm noch!—bei der Auspufföffnung einer in einem jüdischen M i 11 i o n e i n d i v id u u m arbeitenden menschlichen Gasanstalt steht und demütig — sich verneigt. Und wer wird triumphieren? . . . Der Millionen h e b r ä e r, auf dessen ganzen Volksstamm „Seine Exzellenz der Herr Bürgermeister" noch vor wenigen Wochen in allen Gastwirtsstuben vom Thury angefangen bis nach Matzleinsdorf hinaus alle Furien gehetzt hat . . . Und das wird der Humor von der letzten antisemitischen Kampagne des Herrn Weiskirchner sein . . ." Ein Abonnent vom Schottenring. Es sind uns auch von anderer Seite Beschwerden zugekommen, die die Zinssteigerung in den kommunalen Häusern am Schottenring mit einer der der Gemeindeverwaltung daraus einen Vorwurf machte. Rede des Gemeinderates Dr. Hein in Zusammenhang brachten, daß man in diesen Häusern „zu billig" wohne. Dafür aber kann Herr Dr. Hein endlich auf einen „Erfolg" hinweisen, den Dutzende seiner Wähler mit 20 Prozent des Mietzinses bezahlen müssen. Nun wissen aber auch die jüdischen Wähler der Inneren Stadt, wozu sie Herrn Dr. Hein in den Gemeinderat entsendet haben. Dr. G. Der gelungene Artikel erscheint in der nächsten Nummer.