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Neue Nationalzeitung · 1913-01-17 · Heft 2 (17.1.1913) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 2 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
Seite 11 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 .JNeue NAtjonal-Zeitung" Seite l! Die Zukunft von Saloniki.) Die Situation in Saloniki hat sieh seit dem letzten Besuche des Königs Ferdinand gebessert. Die Eroberung dieser Stadt hatte in den jüdischen Stadtvierteln eine Reihe schwerer Ausschreitungen im Gefolge, die vielleicht regelmäßig mit einer kriegerischen Okkupation verbunden sind, im vorliegenden Falle aber durch Hetzartikel von der griechischen Presse provoziert wurden. Die jüdische Bevölkerung war in großer Erregung. Diese legte sich dann glücklicherweise allmählich durch die bestimmt gehaltenen liberalen Instruktionen des Königs Ferdinand und der Regierung. Die .luden wissen jetzt wenigstens, daß Salonikis Situation, bleibt es griechisch, weder in rechtlicher noch tatsächlicher Beziehung verschlechtert wird. (?) Es heißt, daß den Juden vollständige Gleichheit mit ihren Mitbürgern durch die Gesetze und die Tätigkeit der griechischen Verwaltung gewährleistet werden wird. Und sie hegen auch Zuversicht und Zutrauen in die königlichen Erklärungen, wenn sie sich auch mit dem rüden Vorgehen der kretischen Polizei nicht einverstanden erklären können. Allein alle diese Garantien für Sicherheit und Gleichheit reichen nicht hin, das richtige Problem zu lösen, welches einmal durch die Okkupation Salonikis gegeben ist. Die griechischen Behörden behaupten zwar: „Es gibt keine Juden f rage in Saloniki und wird auch nie eine geben." Dagegen antworten jedoch die Juden: „Es gibt eine S a 1 o n i k e r Frag e, und diese gestaltet sich eben viel gefahrdrohender und kritischer für die Juden, deren numerische Stärke und sozialer Einfluß in Saloniki bekannt sind." / Vor 500 Jahren wurden die Juden in Saloniki vom türkischen Reich aufgenommen. Sie waren vor - der spanisch-andalusischen Inquisition geflohen. Diese latinisierten Juden sprechen im Schosse ihrer Familie i" noch immer spaniolisch und im Verkehr französisch. ';■ Die Türken wurden für ihre Gastfreundschaft reich- -- lieh entschädigt. Denn sie haben allein den Juden 1 den eminenten Aufschwung des Handels in Saloniki >'"$ zu verdanken. Auf eine Bevölkerung von 160.000 Ein- J wohner kommen 80.000 kastilianisch-andalusische :| Juden, 40.000 untätige Türken, in ihrer Beschäftigung hauptsächlich Beamte jeden Grades, sowie | 20.000 Griechen. Den Rest bilden Westeuropäer. Und | diesen 80.000 Juden, ihrer Arbeit, ihrer Tatkraft, ihrer I Rechtschaffenheit, verdankt Saloniki seinen öko- <| nomisehen Aufschwung und seinen Reichtum. Der % Umsatz beträgt über 350 Millionen Francs. Jt Dieser Reichtum und dieser Aufschwung des II Handels scheinen durch den Balkankrieg und die bev.J vorstehende Teilung der Provinzen Albanien und Mazedonien unter den siegreichen Staaten schwer bedroht. Denn unter türkischer Herrschaft war Saloniki, dank dem Mangel von Zollgrenzen, die Niederlage und Vermittlerin des Vertriebes von Landesprodukten zwischen den serbischen, albanischen, epi-;:) Zu den wichtigsten Problemen des Balkankrieges gehört die Entscheidung über Saloniki: sie ist für die jüdische Majorität dieser Stadt ein Spruch über Tod und Leben. Ungemein interessant ist hiezu ein Artikel des Pariser „Figaro'*, den wir zur Information unserer Leser auszugsweise wiedergeben. Die Redaktion. rotischen, griechischen und bulgarischen Zentre;; des ottomanischen Reiches ... Was wird nun aus diesem Hinterland werden, wenn die Balkanstaaten das türkische Besitztum aufteilen und die ganze Beute unter sich aufteilen? Jedes dieser erobernden Balkanländer wird im neuen erworbenen Gebiete Zollschranken errichten, so daß die ganzen Handelsbeziehungen hiedurch gleichsam abgeschnitten würden. Beraubt dieses Hinterlandes, gewährt uns Soloniki das Bild einer Insel, die von einem Kreis unüberüchreitbarer Zollgrenzen umgeben ist. Sein Verfall ist nahe. Sein Untergang sicher... In diesem Momente handelt es sich nicht mehr um griechische oder jüdische Konkurrenz. Der Kern liegt viel tiefer. Das Los v o n g a u z Saloniki steht auf dem Spiel. Die Kaufleute Salonikis stehen v o r d e m R u i n. Und davor fürchtet sich eben die ganze Bevölkerung von Saloniki. Sie beunruhigt sich also weniger über die Frage, ob sie griechisch werden wird, als darüber, ob sie vom nationalökonomischen Standpunkte aus diese politische Umwälzung wird überleben können. Diese Befürchtungen schienen auch der griechischen Regierung vollkommen gerechtfertigt. Sie sandte daher einen ihrer hervorragendsten Finanzbeamten, Cofinas, nach Saloniki, der am Platze dieses schwierige Problem studieren sollte. Er beurteilt die Situation recht optimistisch. Er will der Gefahr durch ein radikales Heilmittel vorbeugen, indem er unter den Balkanstaaten eine Zollunion und einen einheitlichen Zolltarif einführen möchte. Das würde auch gewiß die Konsequenzen der befürchteten Teilung beseitigen. Und gewiß: Wenn sich Bulgarien, Serbien und Griechenland verpflichten, keine Zollgrenzen zu errichten, verliert Saloniki nicht den türkischen Markt und kann einer serbischen Konkurrenz widerstehen. Alfred Berk Die Juden am Balkan, Eine Agitationsreise zugunsten der rumänischen Juden, Aus New York wird geschrieben: Mr. Henry Green, der Initiator jener erfolgreichen Kampagne gegen die Erneuerung des Handelsvertrages zwischen Amerika und Rußland hat den Plan gefaßt, nunmehr auch die r u m ä n i s e h e J u d e n t r a g e in der ganzen Welt ins Rollen zu bringen. Er hat sich in dieser Angelegenheit au die hervorragendsten Vertreter der Wissenschart in Amerika sowohl wie in Europa gewendet und von den meisten auch Zustimmungserklärungen zu seinem Plane erhalten. Selbst angesehene Kirchenüirsten haben ihm ihre Unterstützung seiner Aktion zugesagt. Mr. Green wird demnächst mit dem bekannten Philanthropen Nathan Strauß eine Reise nach Palästina unternehmen, und auf seinem Rückwege die Hauptstädte der europäischen Länder besuchen, und für die Befreiung der rumänischen .Inden von dem Drucke der Ungesetzlichkeit in Versammlungen Propaganda machen. Auf Grund der zahlreichen Zustimmungserklärungen hegt Mr. Green die Hoffnung, daß es ihm gelingen werde, das vielgelästerte europäische Gewissen endlich aufzurütteln und der rumänischen Schmach ein Ende zu bereiten. Mr. Green hat die Absicht, seine Agitatinnsreise über Rom. Budapest. Wien. Berlin. Paris und London zu nehmen.

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