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Neue Nationalzeitung · 1913-01-17 · Heft 2 (17.1.1913) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 2 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 seine „Stunden" hält, prüft und klassifiziert. Die wahre Ergänzung des Unterrichtes bildet nicht nur der stete Verkehr mit seinen Schülern, die Sorge für deren geistiges und materielles Wohl, sondern auch der Gottesdienst. Hier soll der Religionslehrer erbauend, versittlichend wirken. Die Exhorte im Jugendgottesdienste kann der wichtigste Bestandteil des Religionsunterrichtes werden. Hier soll der Lehrer alle möglichen Themata, im Anschluß an die Bibel, behandeln und frei besprechen. Wenn ihn in der Religionsstunde die Schüler über verschiedene Fragen, die er besprach, interpellieren, antworte er nicht, „man komme auf die Deraschah nicht zurück", sondern er mache diese Fragen zum Gegenstände einer Verhandlung und wir haben dann das Seminar für den Religionsunterricht, das die Reformatoren aus der Gemeindestube so sehr herbeisehnen. Alle Fragen, die uns jetzt mächtig bewegen, mögen sie das religiöse, gesellschaftliche, wissenschaftliche, staatliche, literarische Gebiet betreffen, können den Gegenstand der Exhorte bilden und man wird sehen, wie die Schüler auf das Wort des Exhortanten merken, wenn sie allerdings nicht durch Böswilligkeit außenstehender Elemente zur Bekrittelung oder Unaufmerksamkeit verleitet werden. Denn, auch das soll vorkommen, wie die böse Welt sich zuflüstert. Daher ist es notwendig, daß sich der Religionslehrer mit allen die Welt bewegenden Fragen bekannt mache. Seine freie Zeit widme er der unausgesetzten Lektüre. Er mache sich vertraut mit den wichtigsten Literaturerscheinungen, lese die bedeutendsten Dichtungen, interessiere sich für die Fragen, die sich auf den Zusammenhang von Wissenschaft und Religion beziehen, studiere die große, soziale Frage, kurz, „nichts menschliches sei ihm fremd." Die Exhorte sei kräftig, verständlich, zu Herzen gehend. Sie vermeide Schönrederei, die „Blumenrede", das Süßliche, das Rührende. Die manirierte Rede wirkt auf die Jugend nicht, diese verlangt Gedanken, die in markige Worte gekleidet sind. Bibel und Midrasch mögen die Hauptquelle bilden, aus denen der Exhortant schöpft, er scheue sich aber auch nicht zu sagen, was die großen Geister aller Völker verkündeten. DieExhorte sei national, sie wurzle in unserem geschichtlichen Leben, bekämpfe die Anklagen, die gegen uns erhoben werden, aber stelle sich nicht auf einen einseitigen, beschränkt-nationalen Standpunkt, hüte sich vor zu weit getriebener Polemik und alles im Judentum schön findender Apologetik. Dies würde allzusehr zum Widerspruche reizen. Sehr richtig, Herr Präsident, der Jugendgottesdienst muß „verbessert und gehoben" werden. Und, die Gemeinden sind vor allem berufen, darauf zu sehen, ihn würdig zu gestalten. Da ist es allerdings notwendig, auch die richtigen Lehrer zu bestellen. Der Herr Präsident wünscht, daß der Jugendgottesdienst „wenigstens teilweise den von ihm erhofften Erfolg aufweise". Wahrlich, ein sehr bescheidener Wunsch. Und der ließe sich nicht erfüllen? Was ergibt sich aus diesen bescheidenen Worten? P/aß der Jugendgottesdienst bislang nicht einmal teilweise einen Erfolg aufzuweisen habe. Traurig, sehr traurig. An welchen Faktoren liegt dies? Wem ist die Schuld zuzumessen? Ein Kapitel ist's, über das viel zu schreiben wäre. Auch die Vorbeter sollen im Jugendgottesdienste ihr Bestes bieten. Er darf auch etwa von diesen nicht als eine Nebensache betrachtet und behandelt werden. Ein Mann, der sehr gerne „geistreichelt" und sich für sehr gescheit hält, sagte: „Man veranstaltet jetzt Kinderbälle und auch demgemäß Kindergottesdienste". Wie falsch, wenn auch nicht geistreich. Die Jugend kann, wie die Dinge jetzt stehen, einem allgemeinen Gottesdienste schwer beiwohnen. Und, wenn sie zum Gottesdienste überhaupt nicht angeeifert wird, dann kann es geschehen, daß sie, wie sich die Verhälnisse gestaltet haben, nicht wissen wird, wie ein Sepher Thorah aussieht. Auf die Frage, ob der eine oder andere schon im Tempel war, wird man dann vielleicht die Antwort erhalten: „Ja, bei der Trauung meiner Tante". Solche Zustände darr man nicht einreißen lassen. Kein Seminar, sondern ein würdiger Gottesdienst für unsere Jugend bilde die Ergänzung unseres Religionsunterrichtes. Alle Faktoren unserer Gemeinden mögen sich vereinigen, um den Wunsch zur Verbesserung und Hebung des Jugendgottesdienstes zu erfüllen. Man berufe Konferenzen ein, an denen sich Rabbiner und Vorsteher, Lehrer und Väter, wenn man will, auch Mütter unserer Schüler beteiligen, und berate über die Art und Weise, wie man den Jugendgottesdienst zum Wohle unserer Jugend, Jünglinge und Mädchen gestalte. Die Bestimmungen dieser Konferenzen mögen aber auch konsequent durchgeführt werden. Man treffe Obsorge für die allerdings nicht strenge, aber desto gewissenhafter durchgeführte Bewachung der Jugend. Vergehungen mögen nicht bestraft, sondern durch milde Zuspräche beseitigt werden. Wir denken, dann wird der Jugendgottesdienst nicht allein „teilweise", er wird vielmehr ganz „Erfolg" haben. Und noch einmal: Man sorge für tüchtige Exhortanten. Die Rede bilde den Mittelpunkt des Gottesdienstes. Sie weise vor allem die Schüler auf die wichtigsten Vorgänge bei diesen hin. Der Jugendgottesdienst kann die Jugend aber auch mit dem Gebetbuch vertraut machen, das ihr leider ein Buch mit 7 Siegeln wurde. Unsere Religion verlangt Kenntder Bräuche und Gebete. Diese können in der Unterrichtsstunde kaum erlangt werden. Kein Religionslehrer entziehe sich der Aufgabe, die freilich nicht allzu leicht ist, seinen Schülern an den Sabbathen und Festtagen eine Erbauungsrede im wahrsten Sinne des Wortes zu halten. Er entnehme diese Rede nicht den leicht zugänglichen Büchern, die solche Vorträge enthalten. Dies taugt nichts. Vielmehr trachte er, seine Schüler ihrem innersten Wesen nach zu erforschen, ihr Fühlen und Denken zu erkennen und schöpfe aus dem Kerne seines Wissens. Dann wird er die richtigen Worte für die Jugend schon finden. „Die Herzen der Kinder wird er den Vätern zuführen" und vielleicht auch „die Herzen der Väter den Kindern" in dem Sinne, daß auch die Eltern kommen werden, um an dem Jugendgottesdienste teizunehmen. Das wird dann ein wahrhaft idealer Zustand sein. Und, wir glauben, dieses ideal läßt sich erreichen. Mögen unsere Konsuln dafür sorgen, daß unsere Religion keinen Schaden erleide. Dazu trage auch bei ein gut geleiteter, von den edelsten Motiven ausgehender Jugendgottesdienst. Moses H a m e 1 a m e d.

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