Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- Seite 7 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 1 „Neue Natiöiial-£eitung"_____________ .Seite 7 FEUILLETON. Auf dem Schiffe. Von Schalom Asch.*) Wie ein stilles Gebet gleitet unser Schiff ins unheimliche Schwarze Meer hinaus. Wie eine angstvolle Mutter umspannt uns die Nacht, umspannt mit ihren dunkeln Flügeln den Himmel, das Meer und das Schiff. Nach dem heiligen Lande geht die Fahrt. Weder Kriegsflagge noch weiße Friedensfahne flattert über uns. Mit der Flagge des Sehnsucht dringt unser Schiff in die schwarze Weite von Nacht und Meer. Ein Sehnen. Und doch sind zwei verschiedene Menschen auf dem Schiffe — der Jude und der Russe. Aus den Schneesteppen Sibiriens treibt das Gewissen den alten Muschik ins heilige Land. Dem Staube des großen Verzeihers will er die „Lebenssünde" beichten, die er keinem! Menschenohr vertrauen kann. In seiner Geburtsnacht hat Gott an die Fensterläden des kleinen Häuschens geklopft. Und die alte Bäuerin legte Groschen auf Groschen — von jedem Ei, von jedem Tropfen Milch — für die Wanderung von Gouvernement zu Gouvernement, für die Fahrt über das weite Meer: Dort mit der Stirn an den Felsen des Josef von Arimathia zu schlagen — da, wo er am Freitag abend, um die Zeit des „Lichtzündens", den gepeinigten Leichnam des Gottmenschen in weißes Linnen hüllte und begrub. Aus dem armen Litauen kommt der alte Jude. Sitzt im Zwischendeck, in seinen Augen noch den Abglanz jenes letzten Blickes, den er ,— vielleicht zum letzten Male im Leben — seinen an der Küste zurückgebliebenen Kindern zugeworfen hat. Nach Palästina fährt er, um in der heiligen Erde zu ruhen. Am Oelberg wird er sein Grab sich wählen und im Bethamidrasch — Davids Psalmen auf den Lippen — den Tod erwarten. Einen kleinen Jungen führt er mit — sein Enkelkind. Führt mit dem Tode das Leben mit. Mit dem letzten Tage des alten Jahres den ersten Tag des neuen. Eine scheidende Seele — sagt er — und eine erblühende. Der Knabe aber blickt mit seinen kleinen Augen durchs Fensterchen ins Meer hinaus. Ein kleines Meer das in große blickt . . . Eine Welle kommt, und eine Welle geht, und die Wellen schweigen . . . Alles, was er bei sich trug, hat er schon durchs Fensterchen ins Meer geworfen. Auch Messer und Gabel des Großvaters sind schon unten. Und noch immer schweigt es. Er möchte selbst in die Tiefe. Zu Großvaters Messer und Gabel. Ja, zwei Menschen sind auf dem Schiffe — der Jude und der Russe. Kommen aus demselben Lande, *) Der äußerst rührige „Jüdische Verlag" in Berlin veröffentlicht nunmehr eine neue Serie jüdischer Bücher unter dem Titel „Vom jüdischen Stamm". Als erste Publikation dieser Sammlung erschienen die Reiseschilderungen von Schalom A s c h „Im Lande der Väter, Bilder und Dichtungen aus Palästina". Die Einleitung zu dem Büchlein bildet das von uns hier reproduzierte Kapitel „Auf dem Schiffe". Die weiteren Kapitel enthalten, äußerst /fesselnde Schilderungen des palästinensischen Milieus. Ais Abschluß der Publikation finden wir drei biblische Erzählungen aus der Königszeit und gehören dieselben eigentlich nicht zu dem Thema des Buches. Die Redaktion. fahren auf demselben Schiffe, derselben Küste entgegen. Aber zu zwei Göttern pilgern sie. Und der eine gönnt nicht dem andern seinen Gott und seinen Himmel, der zweite dem ersten nicht die Erde. Jeder hat seine besondere Ecke auf dem Schiff. Auf beider Lippen die gleichen Psalmen, einst derselben Harfe erklungen; jetzt spricht sie jeder in seiner Sprache, jeder zu-seinem Gotte . . . Und beide trägt das Schiff dahin. Gleitet, gleitet bei Tag und bei Nacht, unter aufgehender Sonne und untergehender —bis golden das „Goldene Horn" erblitzt. Die Sonne ein Jüngling, der der Braut geliebten Leib umfaßt. Meer und Schiff, Boot und Segel, Menschen und Bretter von Licht und Strahl umschlungen. Mit dem jungen Tage fährt unser Schiff in die Dardanellen ein. Vom Nachttau noch bedeckt. Mit dem jungen Tage, der in den Frühsommerstrahlen der Sonne und des Meeres badet, der Meer und Küste wiegt. TaUüberglänzt stehen die Häuschen da, trocknen sich an der lieben Sonne. Ganz so die Bäumchen, die Gräslein, vom todschweren Schlaf zur Blüte erwacht. Kirschbäume, Myrtenbäume taugebadet, wie zum Trocknen aufgestellt. Und alle, alle blicken dem fremden Schiffe nach, wie Chederjungen, die, den Schlaf noch in den Augen und Wassertropfen noch in den Schläfenlöckchen, mit Butterbrot und Gebetbuch in den Händen, vom „Behelfer" in den Cheder geführt werden. Und Bäum auf Baum. Und Haus au! Haus. Und die Häuser rücken aneinander, übereinander — bis sie .Baum und Wald und Blatt und Gras verdrängen. Und wie ein Jüngling seine Braut, so umarmt die Sonne die Stadt, wirft ihre Strahlen von Kuppel zu Kuppel, von Dach zu Dach. Und es brennen die Dächer, und es glühen die Kuppeln in Gold und in Silber. Es strahlen die Himmel und Kuppeln ihr Licht sich zu. Und Dächer und Fenster tauschen den Glanz. Es küssen sich die Spitzen der Moscheen im Licht. Und aus den vereinigten Gluten wird dem „Goldenen Horn" ein gleißender Morgen geboren. Wie ein stilles Gebet gleitet das Schiff aus dem schmalen Bosporus in die breiten, hellen Gewässer des mittelländischen Meeres hinaus. Ein Meer? Nein. Himmel, Wolken und Tau zu einem leisen lichten Kuß verwoben. Still wölbt sich über dem Wasser der Himmel. Unter ihm ziehen, weiß wie ein Knabenleib, die Wolken dahin. Weiß, aber kühl, mädchenhaft zitternd, wie die Brüste meiner Liebsten, können sie die schläfrigen Wellen kaum wecken. Doch die Wellen erwachen, heben sich leicht und geschmeidig und küssen zur Wolke empor. Es blitzen und glitzern die Tropfen, wandeln sich in Perlen, werden im Licht zu Brillanten geschliffen. Und Himmel und. Meer nicken ein, träumen von Licht und Glanz und von dem Schiff, das sie auf die schimmernden Wogen gelockt haben. Hüllen sich in die hellen, durchsichtigen Nebelschleier, hüllen Licht und Luft mit ein. Und still und träumend gleitet das Schiff, von Welle zu Welle, von Schleier zu Schleier. Bis plötzlich Nacht und Sternenlicht aui Meer und Schiff fallen. Aus geheimem Versteck kriecht ein Schattenschiff hervor und schleicht uns nach, wie im Traum. Die Wellen führen seinen Mast durch die Nacht. Angst umschauert uns. Vor dem unheimlichen Schatten, der uns verfolgt, vor diesem