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Neue Nationalzeitung · 1913-01-03 · Heft 1 (3.1.1913) · p. Seite 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
Seite 8 (sequence 16)
Language
German
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Seite 8 „Neue Natignal-Zeiturig" Nr. 1 schwarzen Ungetüm, aus Meer und Finsternis emporgestiegen. So irrt unser Schiff um das Mittelländische Meer, an den griechischen Inseln vorbei, die, in Nacht und Sternenlicht getaucht, wie weltverloren daliegen. Die Götter sind aus ihrem Schlaf erwacht und haben sich mit ihren Sehern und Seherinnen ins Innere der Insel zurückgezogen. Dort baden sie, von Menschenaugen nicht gesehen, ihre nackten Leiber in Weihrauchduft, der von kleinen weißen Altären aufsteigt. Und tanzen samt ihren Sehern um die Altäre und sehnen sich nach den Menschen. Und die Menschen nach ihnen. Und sie kennen einander nicht finden: die Menschen und die Götter. Und ein leiser Sehnsuchtssang der Götter, vom Winde beflügelt, zieht über das Meer, bis an alle seine Küsten, zu allen Schiffen, die es befahren, zu allen Menschen auf den Schiffen, und trägt überall die Sehnsucht hin, bis zu den Sternen hinauf, von denen sie auf Nacht und Welt zurückstrahlt. Wie ein stilles Gebet gleitet unser Schiff an den griechischen Inseln vorbei, weicht ihrem Weihrauch und Sehnsuchtssange aus, bahnend sich wie ein schwarzbeflügelter Vogel den Weg durch die leichten, sehnsuchtserfüllten, liederbehauchten Wellen. Sein Ziel: eine ferne Küste, ein fernes Land. Sein Sehnen ist Gott — ihn zu suchen und zu finden. Ein Sehnen, ein Suchen! Und doch zwei verschiedene Menschen auf dem Schiffe: der Jude und der Russe! Literatur und Kunst. Gegen den Boykott der Juden in Polen. Seit der Wahl eines polnischen Sozialdemokraten durch die jüdische Majorität der Wahlmänner zum Dumaabgeordneten in Warschau haben die polnischen Führer und ihre Presse eine rücksichtslose Boykotthetze gegen die Juden und speziell gegen die jüdischen Kaufleute unter dem Schlagwort „Kauft nicht bei Juden" eingeleitet. Die Juden wehren sich und boykottieren die Christen. Sie organisieren sich wirtschaftlich und finden in den jüdischen Finanzkreisen von Petersburg energische Unterstützung. Gegen diesen Boykott wendet sich eine von Frau Theresa Lepkowska-Lubinska, der bekannten Publizistin und Schriftstellerin, verfaßte Broschüre unter dem Titel: „Zu Eurem Gewissen spreche i c h". Diese Broschüre, die allgemeines Interesse verdient, behandelt zuerst das Wahlresultat: die Niederlage Kucharzewskis, die Wahl Jagellos, die Suche nach den Ursachen dieser Niederlage, weiter die Rache dafür an den Juden durch den Boykott der jüdischen Händler, Kaufleute, Fabrikanten usw. Frau Lubinska weist weiter nach, daß die Polen während des jahrhundertelangen Zusammenlebens mit den Juden nichts für diese getan haben, im Gegenteil, sie immerfort fühlen ließen, wer der Hauswirt und wer der Einwohner ist, daß sie nicht einmal versucht haben, die Grenzmauer zwischen beiden Nationalitäten niederzureißen; daß die sogenannten Assimilanten ihre Bürgerrechte in der jüdischen Gemeinde verloren, ohne dafür Ersatz in der polnischen zu finden; daß der Antisemitismus auch den getauften Juden galt; daß auch solche Juden, die Hymnen zu Ehren der Konstitution vom 3. Mai geschrieben, in den Augen der polnischen Gesellschaft das Kainszeichen nicht verloren haben; daß sie dieses Kainszeichen in den Äugen der polnischen Gesellschaft auch dann nicht verlieren, wenn sie mit Einsetzung ihrer ganzen Kraft für die Polonisierung der Juden eintreten wie Stern, Antonina Eisenbraun, Jakob Rotwand und Dr. Ludwig Natanson; wenn sie, wie Leopold Kronenberg und Moritz Wortmann zur Hebung der polnischen Industrie beigetragen haben. Frau Lubinska erinnert an den tragisch-witzigen Satz, der die polnische Stimmung deutlich charakterisiert: „Ein Antisemit ist der, welcher die Juden mehr haßt, als es unbedingt notwendig ist." Und jetzt werden zur Befriedigung der Rachegelüste neue Wahrheiten verkündet: „Minsk-Mazowiecki hat mehr Juden als die ganze Schweiz." „Handel und Industrie im Königreich Polen liegen vollständig in jüdischen Händen." Darauf folgt das Losungswort: „Boykottieren'wir die Juden.' „Dieses Losungswort wird mehr oder weniger deutlich von gewissen Preßorganen wiederholt, nach Belieben entstellt, und durch die Verwirklichung desselben werden Brücken abgebrochen, die sich niemals wieder herstellen lassen." „Wenn ein solches Wahlresultat durch eure Schuld entstanden ist," sagt Frau Lubinska, „so müssen wir uns alle gegenseitig boykottieren, denn niemand ist ohne Schuld. Jedoch der polnische Adel will die Sache auf andere Weise erledigen. Durch einen Boykott will er Heringshändler.innen, Hökerinnen, Gemüsehänd 1 e rinnen drücken, zertreten, dem Hungertode preisgeben; nach rechts und links Losungsworte streuen; ein ganzes Volk zum ökonomischen Ruin bringen, indem er die Hauptarterien des Handels und der Industrie durchschneidet usw." Wenn der Boykott ausbrechen werde, würden die Juden ihrerseits das polnische Getreide, den polnischen Zucker, die polnische Arbeitskraft, die polnische Wissenschaft und Kunst boykottieren — die Theater, die Vortragssäle, J!s Buchhandlungen würden leer stehen. Nicht im Namen der Gerechtigkeit, des JVJt'sids spricht Frau Lubinska, nicht im Namen der Verantwortlichkeit für den Pöbel, der die Ware einer armen jüdischen Händlerin in den Rinnstein wirft oder mit Petroleum begießt, sondern im Namen der Nüchternheit, welche das Studium der Geschichte und die daraus abgeleiteten Schlußfolgerungen für das Morgen ergibt . . . „Boykottieren wir die Juden nicht," sagt Frau Lubinska, „denn sie sind historisch, also wahrhaft die Hefe, durch welche das ökonomische Brot der Volksmacht in die Höhe steigt." Liste der Ausgetretenen. Vom 18. bis 31. Dezember 1912. (Nr. 607—631.) Blau geb. Büchler, Lina Rononcz, IV, Leibentrostgasse 3. Blum Moriz, Schauspieler,' geb. 21. Jänner 1875 in Wien, XVII, Ottakringerstraße 5. Braunthal Berta, geb. 1. Fe,br.uar 1887 in Wien, XVII, Bochstraße 2. ' ' , ' Engelmann Helene geb. Stein,'geb. 16. Juli 1883 in Strakonitz, IV, Möllwaldplatz 2. Feinsilber Nina, Private, geb. 1. Jänner 1888 in Belenyes (Ungarn), XI, Zinnergasse 6. Freischberger Helene, geb. 6. Februar 1897 in Wien, III, Beatrixgasse 28. Freischberger Natalie, geb. 2. August 1895 in Wien, III, Beatrixgasse 28. Großmann Irma geb. Kraushaar, geb. 25. Dezember 1890 in Warschau, I, Hotel Astoria. Hahn Rudolf, Pharmazeut, geb. 7. August 1893 in Wien, XXI, Am Spitz 2. Hirsch-Kantz Markus, Ingenieur, III, Heumarkt 7. Klein Bela, Bürgerschüler, geb. 5. Dezember 1898 in Fülekpuspöki (Ungarn), XIII, Breitnerstraße '104. Mayer Ernst, Ingenieur, geb. 12. August 1878 in Gladbach (Deutschland), V, Margaretenstraße 56. Neubauer Anna geb. Rosa, Private, geb. 2. Juni 1878 in Chrudim, VI, Gumpendorferstraße 91. Neubauer Herbert, Zahntechnikergehilfe, geb. 3. März 1886 in Wien, VI. Gumpendorferstraße 91. Neubauer Otto, geb. 2. Juli 1890 in Wien, VI, Gumpendorferstraße 91. Reich geb. Kutscherauer Karoline, geb. o. Juli 1873 in Klosterne uburg. Singer geb. Weiner Nefti, Private, 23. Dezember 1870 in Wien, XX, Jägerstraße 14. Skuletzky Berthold, Ingenieur, geb. 16. Dezember 1886 in Wien, Teschen. Siein Ernestine, Sprachlehrerin, geb. 20. Dezember 1870 in Ven Oetting (Böhmen), VII, Kandlgasse 14. Thalberg Ciarisse, Private, geb. 15. April 1891 in Wien, VIII, Josefstädterstraße 35. Lewer Mindel, ledig, Private, geb. 21. Dezember 187S in Przemysl, XIII, Hietzinger Hauptstraße 136. Hoffmann Annie, ledig, Real-Gymnasialschülerin, geb. 16. De- ' zember 1898, I, Bauernmarkt 9. Sauerquell Henriette Helene, ledig, Verkäuferin, geb. 28. Aug. 1886 in Czernowitz, VIII, Josefstädterstraße 51. Oppenheim Alfred, verh., Violinprofessor, geb. 16. August 1871 in Brünn, VII. Neustiftgasse 17.

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