Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 »Neue National-Zeitung" Nr. 1 schaft gehört? Die Juden geradeso wie die anderen Leute, die anderthalb Jahrzehnte die Schuldlosigkeit des Verurteilten verfochten haben, müßten natürlich, wenn sie sich nicht inzwischen überzeugt haben, daß er schuldig sei, den Kampf für seine Befreiung fortsetzen, wenn er sich auch aus freien Stücken von der jüdischen Religion abgewendet hätte — um wie viel mehr erst, da doch der Sträfling wahrscheinlich den Bekehrungsversuchen eines Klerikalen der anderen Sorte erlegen ist! Daß sich der Klerikalismus, der vorgibt, höhere Menschlichkeit zu sein, wenn er nur etwas gereizt wird, als schändliche Roheit darstellt, hat diese Absage von Hilsner wieder bewiesen. Die Tendenz dieser Notiz ist leicht erkennbar. Nicht um Hilsner und sein Schicksal ist es der „Arbeiter-Zeitung" zu tun, sondern um den Kampf gegen den jüdischen Klerikalismus. Hilsner wird bloß als Vorwand benutzt. Die getauften und konfessionslosen Redakteure entschließen sich noch immer nicht, für Hilsners Unschuld ein Wort zu verlieren; sie lamentieren um so mehr über das klerikale Gerechtigkeitsgefühl. An die eigene Feigheit vergessen sie offenbar. Geradezu köstlich ist jedoch folgender Satz: „Was ist aber den Klerikalen ein Justizmord, was, ein vernichtetes Leben — wenn der vom Unglück' Betroffene nicht zu ihrer Religionsgemeinschaft gehört?" Da täten doch die Herren von der „Arbeiter- Zeitung" sehr gut, sich bei ihren nicht gut getauften Nasen zu nehmen. Ihr, meine Herren, fragt nach der Konfession! Ihr läßt den Verfolgten im Stich, wenn er ein Jude ist! Die Juden, ob klerikal oder nichf klerikal, sind ein Volk des Mitleids, des Erbarmens, der Humanität. Das beweisen die zahlreichen Wohltätigkeitsstiftungen der Juden für Werke der Nächstenliebe ohne Unterschied der Konfession. Und wenn es jetzt anders wird und anders werden muß, so haben dies der Antisemitismus, der diese Stiftungen den Juden entzieht, und jene feigen Renegaten, die ihren ehemaligen Glaubensgenossen in den Rücken fallen, verschuldet. Deshalb müssen wir alles Faule und Morsche von unserem Stamme abschneiden. Mag man uns deswegen auch „jüdischklerikal" schelten. L. Das Budget der Wiener Kultusgemeinde pro 1913. K 124.896.21 — Defizit. Zum Zwecke Beratung und Beschlußfassung über das Budget pro 1913 wurde für den 22. Dezember 1912 eine öffentliche Vorstandssitzung einberufen, welche zuerst unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn und dann unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. Stern stattfand. Vizepräsident Dr. Kohn widmete zuerst dem verstorbenen Hofrat David Heinrich Müller einen Nachruf und brachte dann dem Vorstande das Legat des verstorbenen Eduard G o 111 i e b zur Kenntnis, welcher seinen ganzen Nachlaß der Kultusgemeinde vermachte, damit hievon, sei es im Kinderspital, sei es im Siechenhaus, ein „Eduard und Rosa Gottlieb- Pavillon" errichtet werde. Weiters wurde der Antrag des Vertreter-Kollegiums auf Zuwendung von 5000 Kronen für die notleidenden Juden am Balkan angenommen. Hierauf folgte der wichtigste Punkt der Tagesordnung, das B u d g e t. An Stelle des verstorbenen Vorstehers Max Frank wurde das Finanzreferat dem Herrn Dr. Leopold Ko h n übertragen. Herr Dr. Kohn, der längere Zeit schwer leidend war, hat ein längeres Referat erstattet und bewiesen, daß er dieser Aufgabe gesundheitlich gewachsen ist. Es wäre nun sehr zu wünschen, daß Herr Dr. Leopold Kohn, der auch Referent für die Statutenreform ist, sich auch bald dieser Aufgabe entledige, denn der Vorwand der bisherigen Verschleppung der Statutenreform — die Erkrankung des Referenten — ist nun glücklich verschwunden. Das Budget der Kultusgemeinde endete dieses Jahr ähnlich wie in den früheren Jahren mit einem Defizit von K 124.896.21. Dieses Defizit ergibt sich dadurch, daß den Einnahmen mit K 3,327.428.65 die Ausgaben mit K 3,452.324.86 gegenüberstehen. Es sind gegenüber dem Vorjahre die budgetierten Einnahmen um zirka K 104.000, ebenso die budgetierten Auslagen um zirka K 126.000, somit auch das Defizit um über K 21.000 gestiegen. In seinem sehr ausführlichen Berichte hat der Referent die einzelnen Posten des Budgets eingehend besprochen und insbesondere sich mit der Friedhofs- und Amtshausfrage sehr eingehend beschäftigt." Der Referent' hat sehr eingehend die Mängel der baufälligen Baracken in der Seitenstettengasse kritisiert und auf die unbedingte Notwendigkeit der Errichtung eines Amtshauses hingewiesen. An der Diskussion, die zirka zwei Stunden dauerte, beteiligten sich die Herren Dr. Stern, Wilhelm Kufner, Dr. Schreiber, Dr. Spitzer, Brod und andere. Dr. Stern polemisiert gegen den Referenten bezüglich des Amtsnauses und erklärte die Errichtung eines neuen jüdischen Tempels in der Inneren Stadt für wichtiger. Dr. Schreiber widmet seine Ausführungen hauptsächlich der Erbauung eines Kinderspitales in der Brigittenau und vertritt den Standpunkt, daß dadurch die jüdischen Aerzte in der Brigittenau geschädigt werden, eine Ansicht, die bei der Majorität des Kultusvorstandes Widerspruch findet. Dr. Spitzer bemängelt, daß die Grabsteine immer mehr nur deutsche Inschriften enthalten, wodurch der jüdische Charakter des Friedhofes beeinträchtigt werde. Die Statuten- und Wahlreform wurde von keiner Seite gestreift. Das Budget wurde ohne jede Spezialdebatte en bloc angenommen. Die Spezialdebatte haben sich die Herren erspart. Es war eine recht gemütliche Sitzung. Von 36 Mitgliedern sind 15 zu Hause geblieben. Sonntag, den 5. d. M. findet die Neukonstituierung des Vorstandes und der Eintritt der zionistischen Kompromißkandidaten statt. Wir werden nun sehen, ob diese Herren die bisherige Gemütlichkeit stören werden.