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Neue Nationalzeitung · 1913-01-03 · Heft 1 (3.1.1913) · page 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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NSU5 flößNÄL-ZÖCÜN XV. Jahrgang, Wien, 3. Jänner 1913. Nr. 1. L.: Sozialdemokratisches Gerechtigkeitsgefühl. Was eine kleine Notiz unseres Blattes vermag! Wir hatten in den letzten Tagen Gelegenheit, dies zu erfahren. Das „Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratie in Oesterreich", wie sich die „Arbeiter- Zeitung" nennt, hat sich bisher für das Schicksal Leopold Hilsners nie interessiert. Ueber 15 Jahre sind verstrichen, seitdem er schuldlos zum Tode verurteilt worden war. Im Laufe dieser Zeit sind von vielen Seiten, von Organisationen und Privatpersonen, wiederholt Versuche gemacht worden, eine Wiederaufnahme zu erwirken. Die „Arbeiter-Zeitung" und die Deutsche Sozialdemokratie haben diese Bemühungen nicht mit einem Worte unterstützt. Warum haben sie geschwiegen? Etwa deshalb, weil Leopold Hilsner dem Judentum angehörte? Man muß zu dieser Ueberzeugung gelangen, wenn man die Haltung der „Arbeiter-Zeitung" in der Dreyfus-Affäre betrachtet. Hier hat sie nicht bloß geschwiegen, sondern gleich dem reichsdeutschen Sozialistenführer Wilhelm Liebknecht gegen D r e y f u s Partei ergriffen und den ganzen Kampf für Dreyfus als eine Kampagne des jüdischen Großkapitals dargestellt. Von keiner bürgerlichen Zeitung wurde der mutige Jaures so angegriffen und verhöhnt, wie von seinen deutschen und österreichischen Genossen. Das Mitgefühl, welches die „Arbeiter-Zeitung" dem jüdischen Kapitän Dreyfus versagte, wandte sie dafür in reichlichem Maße dem christlichen Giftmörder Oberleutnant Hofrichter zu. Mit einer auffallenden Verbissenheit verteidigte Max Winter in der „Arbeiter-Zeitung" den beschuldigten Oberleutnant, und wenn es nach den Wünschen dieses Blattes ginge, müßte der Chef des Sicherheitsbureaus, Regterungsrat S t ti k a r t. dessen geniale kriminalistische Intuition die richtige Spur entdeckte, sofort entlassen werden. Während sich die „Arbeiter-Zeitung" für einen Juden nicht exponieren wollte, hat sie an der Unschuld des Christen selbst dann festgehalten, als seine verbrecherische Tat für die übrige Weit bereits klar war. Nun erscheint plötzlich Hilsner in ihren Spalten. In unserer letzten Nummer haben wir die Zuschrift eines Lesers mittelst einer kleinen Notiz in unserem Briefkasten beantwortet und auf die Taufe Hilsners in der Strafanstalt Pankraz hingewiesen. Die „Arbeiter-Zeitung" hat diese Notiz in ihrer Nummer vom 24. v. M. sofort aufgegriffen und gleich eine Philippika gegen unseren — Klerikalismus veröffentlicht. Dieselbe lautet: Klerikales Gerechtigkeitsgefühl. Ein Leser schreibt uns: Zufällig kam mir heute ein Blatt in die Hand, das „Neue N a t i o n a 1 z e i t u n g** heißt und vom Advokaten Dr. Saul Rafael Landau herausgegeben wird. f3s ist das ein jüdisehklerikales Blatt. Hier fand ich nun tollende Brietkastennotiz: „Schach der B 1 u 11 ii g e." Wir bedauern sehr, in der Hilsner-Atiäre nichts tun zu können. Hilsner ist bereits Katholik: er hat sich in der Strafanstalt Pankraz taufen lassen. Mögen ihm jetzt seine — Glaubensgenossen helfen. Wer da weiß, daß so viele Juden und mit ihnen die jüdische „Nationalzeitung" seit iast fünfzehn Jahren lamentieren, daß an Hilsner ein Justizmord verübt worden sei und daß ein ganz Unschuldiger im Kerker schmachte, und das nur deshalb, weil er ein Jude sei, daß ferner dieselben Leute die Justizminister und die Gerichte angeklagt haben, daß sie das Unrecht nicht gutzumachen suchten — der muß erschaudern, wenn er dieses Ausbruches des klerikalen Fanatismus gewahr wird. Was ist aber den Klerikalen ein Justizmord, was ein vernichtetes Leben — wenn der vom Unglück betroffene nicht zu ihrer Religionsgemein-

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