Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 25 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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.Neue NationabZeitung" die Staatsanwaltschaft, den Obersten Gerichtshof, den Verwaltungsgerichtshof, das Militärauditoriat usw., wo zwar der Geburtsschein bei den Ausschreibungen verlangt wird, aber trotzdem keine Juden ernannt werden. Sie werden jüngst in den Zeitungen gelesen haben, daß anläßlich der bevorstehenden Einführung der neuen Militärstrafprozeßordnung Hunderte von Auditoriats-Praktikantenstellen zur Besetzung kommen. Studenten, die kaum ihre juridischen Studien absolviert haben, bekommen gleich bei der ersten Anstellung 1600 K jährlich und können eine glänzende Karriere machen. Wäre es da nicht angezeigt gewesen, wenn der Kultusvorstand und sein Präsident Dr. Stern in dieser Frage energisch bei den kompetenten Behörden aufgetreten wären, statt hier damit zu renommieren, daß er in der „Wiener Zeitung" nachstöbert, ob bei einer Konkursausschreibung der Taufschein verlangt wird? Oder aber könnten nicht gewisse Herren im Vorstand, die mit der „Neuen Freien Presse" ganz intime Beziehungen haben und dort über alle möglichen Themen — nur nicht über jüdische — schreiben, einmal die gesetzwidrige Ausschließung der jüdischen Aspiranten bei der Besetzung der Auditoriatspraktikantenstellen zum Gegenstande eines Artikels machen? Beispielsweise der Herr Präsident selbst! Zu Hause bleiben! Aus all dem ziehe ich den Schluß, daß die Verhältnisse in unserer Gemeinde einfach trostlos sind; das Kompromiß ist eigentlich nichts anderes, als der letzte Nagel zum Sarge unserer Gemeinde. Wer unter uns — wir sind allerdings nur 200 — die Entwicklung der Gemeinde vor Augen hat, wer an die Zukunft denkt, und den Wunsch hegt, daß es auch einmal besser werde, der kann der gegenwärtigen Gemeindeverwaltung kein Vertrauen entgegenbringen und kann nur mit Besorgnis in die Zukunft blicken. Angesichts dieser tristen Verhältnisse bleibt für jeden ehrlichen Wähler, der nicht als Stimmvieh gelten und mit sich nicht in Widerspruch geraten will, kein anderer Ausweg, als zu Hause zu bleiben! Die Herren sollen sich selbst wählen. (Beifall.) Die jüdische Renaissance im Süden Nordamerikas. Gespräch mit Rabbi Henry Cohen von (jalveston Während der letzten 30 Jahre ist im amerikanischen Süden ein neues Judentum entstanden, das von den Juden des Südens vor dem Krieg und während der Wiederherstellungsperiode an Zahl, Einfluß und Wesen verschieden ist. Als Rabbi Henry Cohen von Galvestone kürzlich der Stadt Texas einen Besuch abstattete, nahm er Veranlassung, seine Ansichten darüber einem Vertreter des „The American Hebrew" mitzuteilen. Rabbi Cohen war 27 Jahre in den Südstaaten, 24 Jahre cfavon in seiner jetzigen Stellung. Er ist daher besonders geeignet, das Feld zu überblicken. „Wieviele Juden leben nach Ihrer Schätzung in den Südstaaten?" wurde er zuerst gefragt. -- „Rund gerechnet, kann man die Juden von Alamba, Georgia, Arkansas, Florida, Louisiana, Mississippi, Nord- und Südkarolina und von Texas auf 50.000 Seelen schätzen, gegen zirka 6000 oder 8000 vor 30 Jahren." „Wie stark ist dieser Zuwachs durch die russische Einwanderung der jüngsten Zeit beeinflußt worden?" — „Ich kann wohl sagen, daß der natürliche Zuwachs der älteren jüdischen Generation beinahe immer dem Norden und Gsten, hie und da dem äußersten Westen zustrebt." „Hat dre neue wirtschaftliche Entwicklung des Südens durch Juden irgendeine Ausdehnung gewonnen?" — „Ja, aber hauptsächlich mehr im Handel als in der Industrie, obwohl ich mindestens eine wichtige Fabrik in Atlanta, Ga., kenne, welche die größte Papierfabrik des Südens ist. Ich glaube, es gibt auch eine Baumwol/fabrik in Asheville, N. C, welche Juden gehört. Meistens aber stehen sie als Makler (Zwischenhändler) mit der Baumwollindustrie in Verbindung, wie die Rothschilds, Newmanns and Wise in New Orleans, H. Kempner in Galveston, Hiller in Summit, Miß und Lehmann in Montgomery. " „Welche Gebiete werden im Handel von den Juden bevorzugt?" — „Das ist schwer zu sagen. Aber ich kenne eine große Anzahl wichtiger Firmen, welche in Materialien handeln, wie Ullmann, Stern und Krause, welche Zweiggeschäfte in Texas haben, und A. Levi 6c Comp, in Victoria. Juden sind auch hervorragend im Kleider- und Schnittwarenhandel, wie die Washers in San Antonio und Fort Worth, Gebrüder Sanger in Dallas und Waco, und Ooldcbaux und Schwarz in New Orleans." „Welche sind die von den Juden bevorzugten Industriezweige?" -- „Das wäre schwer zu sagen, obwohl es natürlich wie überall viele Schneider und Schuster gibt. Ich möchte immerhin erwähnen, daß wir in der Stadt Galveston nicht weniger als 75 jüdische Werftarbeiter haben, welche Schiffe im Hafen ausladen. Sie kommen aus Rußland, wo sie an schwere Arbeit gewöhnt waren." ..Haben sich mit dem Zunehmen der jüdischen Bevölkerimg und mit dem Steigen ihres Wohlstandes und ihres Einflusses Anzeichen von entstehendem Antisemitismus bemerkbar gemacht, wie man gewöhnlich unter solchen Bedingungen annimmt?" — „Weit davon entfernt. Was überhaupt von Antisemitismus existierte, ist in Wirklichkeit verschwunden, und ich kann kein Vorurteil gegen die Juden bemerken, die an allen bürgerlichen und nationalen Bewegungen teilnehmen. Wie Sie aus dem Buch von Simon Wolf wissen, nahmen die Juden einen mehr als ihnen zukommenden Anteil am Bürgerkrieg und am spanisch-amerikanischen Krieg. Dies wurde allgemein im Süden bekannt, welcher anerkennt, daß seine jüdischen Bürger am nationalen Leben Teil haben und ein Teil desselben sind. Ich glaube, ich kann Sie von dieser Tatsache durch einen Hinweis auf meine eigene Stadt Galveston überzeugen. In einem und demselben Zeitpunkte waren die Präsidenten der folgenden Institute a 11 e J u d e n, und die meisten sind noch im Amt: Die Baumwollbörse, die Handelskammer, die G e - schäftsliga. das Waisenhaus, das Heim fürFindelkinder (beides ohne Unterschied der Konfession). Der letzte Präsident des Schulratcs,