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Neue Nationalzeitung · 1912-12-20 · Heft 25 (20.12.1912) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 25 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25 ben. Dr. ilalpern hat sein Mandat vor einigen Tagen niedergelegt. Wissen Sie warum? Man verbreitet das Gerücht, er hätte es wegen seines Leidens freiwillig getan. Das ist eben unwahr. Ich bin darüber sehr gut informiert: er hat eingesehen, daß man ihn jetzt nach Ablauf seines Mandates nicht mehr kandidieren werde, weil man sein Mandat für die Zionisten benötigt. Aber selbst wenn die Version richtig wäre, und Dr. Halpern nur wegen seines Leidens demissioniert hätte, dann haben es ja die Führer der Gemeinde in der Hand gehabt, zur Aufrechthaltung der Tradition einen anderen Repräsentanten der polnischen Juden zu kandidieren. Sie haben in Wien 45 Prozent polnische Juden. (Zwischenruf: Leider! Große Aufregung und Lärm wegen des Zwischenrufes). Vorsitzender Dr. Stern: Ich bitte Sie, meine Herren, sich durch solche Verhetzungen, denn das sind ja offenbar Verhetzungen, nicht irritieren zu lassen. Gehässigkeiten gegen polnische Juden. Dr. L a n d a u: Herr Dr. Stern hält es mit seiner Präsidentenwürde für vereinbar, mir „Verhetzungen'* zuzurufen. Ich halte es trotzdem für meine Pflicht, Sie aufzuklären. Wenn das als eine „Verhetzung" hingestellt wird, so ist mir das vollständig gleichgiltig. Diese Mandatsaffäre steht nicht vereinzelt da. Es hat sich in der Wiener Gemeinde ein System breit gemacht, welches dahin geht, die polnischen Jude n nach Möglichkeit z u rü c k z u s e t z e n. (Lebhafter Widerspruch, Rufe: Das ist nicht wahr! Rufe: Schluß!) AI eine Herren! Es hat sich ja bereits im Falle David gezeigt (Zwischenrufe: Ruhe!), daß in gewissen Kreisen ein überaus unfreundlicher Wind gegenüber den polnischen Juden weht. (Rufe: Das ist nicht wahr!) Meine Herren! Ich werde es Ihnen gleich beweisen. Sie finden im Rechenschaftsbericht auf Seite 12 die Mitteilung., daß die Zahl der Koscherfleischbänke, die unter besonderer Aufsicht des Rabbinats stellen, 20 beträgt. Jede dieser Bänke hat einen Maschgiach (Aufseher), welcher von der Gemeinde bezahlt wird und leider einen Gehalt bekommt, der zuviel zum Sterben und zu wenig zum Leben ist. Ich erlaube mir nun an das Präsidium folgende Anfrage: Ist es richtig, daß in der Kultusgemeinde zahlreiche Gesuche liegen, von Leuten, die eine Koscherfleischbank eröffnen und einen Maschgiach anstellen wollen und daß man diese Gesuche nicht erledigt? (Zwischenrufe: Wenden Sie sich an Rabbiner Mayersolm!) Der Maschgiach steht allerdings unter der Aufsicht des Rabbiners Mayersohn. Das Ernennungsrecht hataberderVor stand, beziehungsweise das Sekretariat. Und die Frage, ob Herr Peter Zapfel, der eine Fleischbank eröffnen will, hiezu die Bewilligung erhält, ist auch nicht abhängig vom Rabbiner Mayersohn, sondern nur vom Vorstand. Die an mich gerichteten Beschwerden gehen nun dahin, daß zahlreiche Gesuche wegen Eröffnung von Koscherfleischbänken in der Gemeinde unerledigt liegen bleiben, und die Maschgiachs nicht ernannt werden, weil man keine polnischen Juden haben will und andere Aspiranten nicht v o r h a n d e n s i n d. (Lebhafter Widerspruch und Schlußrufe.) Meine Herren! Ich erkläre Ihnen (großer Lärm) jedoch, daß ich allerdings für diese kleinlichen Sekkaturen in erster Linie die betreffenden Beamten verantwortlich mache, welche durch diese Chikanen dem „Geiste" ihrer Vorgesetzten Rechnung tragen wollen. Noch eine Beschwerde, die eine Gehässigkeit gegen die polnischen Juden darstellt. Vorsitzender Dr. S t e r n: Schämen Sie sich, die Leute so zu verhetzen! (Rufe: Aussprechen lassen!) Dr. Landau: Nur Geduld, Herr Präsident! Es handelt sich noch um folgenden charakteristischen Fall, über welchen man sich mit zahlreichen Beschwerden an mich gewendet hat. Es wurden nach dem verstorbenen Baron Rotschild in dessen Palais ein ganzes Jahr Gebete verrichtet. Dazu wurden von der Gemeinde 20 Leute namhaft gemacht, welche pro Monat 100 K bekamen. Im Laufe des ganzen Jahres war unter allen 20 kein einziger polnischer Jude, wiewohl doch gewiß mancher dieser armen Teufel das Geld benötigt hätte. (Lebhafter Widerspruch.) Die „politische" Tätigkeit des Kultusvorstandes. Meine Herren! Nach dieser Besprechung des Rechenschaftsberichtes gestatten Sie mir noch, mit einigen Worten auf die Ausführungen des Herrn Präsidenten zurückzukommen, welche mir auch sehr wichtig erscheinen. Es handelt sich um die prinzipielle Frage, ob der Kultusvorstand als solcher außer seiner Initiative und Ingerenz in Kultussachen sich auch politisch betätigen soll und ob er, speziell in jenen Fällen, wo die Staatsgrundgesetze bedroht erscheinen, einzugreifen habe, eine Frage, die wiederholt im Vorstande Diskussionen hervorgerufen hat. Der Herr Präsident hat uns heute in seiner Kandidatenrede erzählt, daß er in dieser Richtung selbst tätig war, er hat allerdings zugegeben, daß ersieh zumeist mit Kleinigkeiten beschäftigt hat. (Widerspruch.) Denn er habe meist in Fällen interveniert, wo von den Behörden bei Konkursausschreibungen der Taufschein verlangt wurde. Ueberdies habe er anläßlich der Judenvertreibungen aus Rußland als Mitglied der Allianz in Galizien viel geleistet. Ich will ja die großen Leistungen des Herrn Präsidenten keineswegs verkleinern, aber es haben ja auch andere Männer viel für die armen Juden in Rußland und Galizien getan. Andere haben sogar große materielle Opfer gebracht, aber sie haben deshalb noch nicht den Anspruch erhoben, Kultuspräsidenten zu werden. Wenn man schon den Standpunkt vertritt, daß sich die Kultusgemeinde politisch betätigen kann und soll, so gibt es wohl einen noch viel größeren Wirkungskreis, als das bloße Nachsuchen in den Amtsblättern, ob der Taufschein statt des Geburtsscheines verlangt wird. Ich würde es lebhaft begrüßen, wenn der Vorstand auch nach anderen wichtigen Richtungen, die damit im Zusammenhang stehen, die Initiative ergreifen würde. Es wurde von Herrn Doktor Stern behauptet, daß doch hie und da Juden Stellen bekommen. Gewiß, das tun die gewissen Regierungskreise im eigenen Interesse, damit man glaubt, daß die Staatsgrundgesetze tatsächlich eingehalten werden. (Zustimmung.) Allein wir dürfen nicht vergessen, daß es ganze Hierarchien gibt, ganze Aemter und Rangsklassen, die de» Juden grundsätz- 1 i c h v e r s c h I o s s e n s i n d. Ich verweise da auf

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