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Neue Nationalzeitung · 1912-12-20 · Heft 25 (20.12.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 25 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 25 Kahal-Atmosphäre genannt hatte, mit in den Kaut. Was tut nicht ein Mensch alles, wenn er strebsam ist. Ich muß sagen, dieses Kompromiß hat mich sehr betrübt. Man muß tatsächlich jeden Mut verlieren, für die Interessen des Judentums zu kämpfen, wenn man sieht, wie eine Partei, von der man sich so viel versprochen hat, ihr eigenes Programm in dieser Weise preisgibt. Es ist leicht, zu sagen: „Wir ziehen ein, wir behalten unser Programm in der Tasche.44 Aber das allein genügt nicht. Kompromisse müssen au! sachlicher Basis geschlossen werden. Sie bestehen nicht darin, daß anstatt der bisherigen 36 „offiziellen" Herren deren 34 bleiben und 2 andere dazukommen, gewissermaßen als oppositionelles Ornament, ohne weiche sachliche Konzessionen. Vergessen Sie nicht, daß dieses Kompromiß Ihnen, dem Vorstande, leicht macht, noch reaktionärer zu werden, als Sie schon sind. Wenn Sie kein Kompromiß hätten, würden Sie mehr als zwei Versammlungen heuer einberufen. Sie würden die Wähler mehr aufrütteln und ihnen, wie Sie es bisher gemacht haben, irgendwelche Konzessionen wenigstens versprechen. Sie haben schon vieles versprochen, was Sie dann nicht gehalten haben, als Sie das Mandat in der Tasche hatten. Schauen Sie sich Ihr offizielles Programm von 1904 an! Da haben Sie hoch und heilig versprochen (Rufe: wer?), nun, die Kandidaten, die damals aufgestellt worden sind, daß der Zensus von 10 Kronen obligatorisch eingeführt wird. Aber heute, nach acht Jahren, sind wir so weit, daß der Bevölkerung auch nicht im entferntesten eine Konzession gemacht wird. Die Herren von der zionistischen Partei stecken aber ihr Programm mit dem allgemeinen, gleichen Wahlrecht für die Kultusgemeinde einfach in die Tasche, um an der Seite jener zu wirken, die nach keiner Ridtömg den Ansprüchen der Wählerschaft Rechnung tragen. Was steht im letzten Wahlaufruf? Nichts als einige Phrasen. Sie haben ihn wahrscheinlich gar nicht gelesen. Es wird dort gesprochen von kulturellem, sozialpolitischem Fortschritt, dann vom Charakter der Kandidaten, von Bestand und Ehre des gesamten Judentums gegen innere und äußere Feinde. Aber darum dreht sich nicht allein das Wohl der Gemeinde, sondern auch darum, daß den breiteren Schichten der jüdischen Bevölkerung durch Verleihung des Wahlrechtes die Möglichkeit geboten werde, sich an der Verwaltung zu beteiligen. Die Erweiterung des Wahlrechtes. Es ist beispielsweise eine sehr bequeme Art gewisser Herren vom Kultusvorstand, durch ihr Leiborgan den Abgeordneten Dr. Strauch er angreifen zu lassen, weil er als jüdisch-nationaler Präsident der Kuitusgemeinde in Czernowitz bisher noch nicht das allgemeine Wahlrecht dort eingeführt hat. Warum geben Sie aber nicht den Wiener Juden wenigstens das Wahlrecht von Czernowitz? Es gibt ja zwischen dem 20 Kronen-Zensus und dem allgemeinen Wahlrecht noch viele Zwischenstufen; in Berlin haben Sie einen Zensus von 6 Mark, in Warschau von 2 Rubel, in Krakau von 6 Kronen, in Czernowitz von 2 Kronen usw. In Wien aber wird die Quote von 20 Kronen nicht herabgesetzt, sondern mit einem Starrsinn sondergleichen festgehalten; dafür mache ich einzig und allein den Präsidenten Dr. Stern verantwortlich. (Zwischenruf des Dr. (iustav K o h n: Auch mich!) Dr. Landau: Out! Ich nehme das zur Kenntnis und werde Sie noch daran erinnern. Es hat eine Zeit gegeben, wo Sie nicht so gesprochen haben, aber man wird ja älter, aufgeklärter und konservativer, und es ist begreiflich, daß die Herren vom Präsidium jetzt anders denken als vor 8 Jahren. Ich glaube aber, daß nicht alle Mitglieder des Kultusvorstandes derselben Ansicht sind. So hat Herr Dr. Samuel y, sowohl als Kandidat wie auch bei der ersten öffentlichen Vorstandssitzung im eigenen Namen und im Namen seiner Freunde erklärt, daß er dieser Bewegung sympathisch gegenüberstehe und für die Erweiterung des Wahlrechtes eintreten wolle. (Dr. Sa~ muely nickt bejahend.) Wenn nun Dr. Samuely und seine Freunde dafür sind, warum vermochten sie bisher nichts auszurichten? Es gibt eben im ganzen Kultusvorstand nur einen Willen, den des Dr. Stern. Wir haben hier in Wien zur Schande gegenüber der ganzen Welt nicht nur den höchsten Zensus, sondern auch eine höhere Kurie, eine Art Herrenhaus, wie keine andere jüdische Gemeinde. Auf diese Weise werden wir zum Oespötte der ganzen Welt, trotzdem Sie, meine Herren Kandidaten, gerne bereit sind, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Das fällt Ihnen sehr leicht, denn Sie wollen keine Volksmänner sein. Und deshalb erkläre ich, daß ich für die Stabilisierung der reaktionären Verhältnisse in der Kultusgemeinde jene verantwortlich mache, die sich als Volksmänner gerieren. Diese „Volksmänner" lassen das Volk im Stich, sobald sie ein Mandat erhalten können. Aber derjenige, welcher eine Idee repräsentieren will, der verkauft sich nicht um ein Mandat, sondern er kämpft. Denn die Durchsetzung der Idee, der Kampf für die Idee, muß für den Mann die Hauptsache sein. (Lebhafte Zustimmung.) Sie meine Herren Juden, die so viel von den Sozialdemokraten lernen, sollten auch das lernen, daßnichtdasZieldieHauptsacheeiner Bewegung ist, sondern der Kampf. Und wenn man auf die Qasse hinausgehen und die Leute für die Aufgaben der Kultusgemeinde interessieren würde, dann könnte man nicht das traurige Schauspiel wahrnehmen, daß von mehr als 19.000 Wählern kaum 150—200 heute bei einer Wahlversammlung erschienen sind. Das polnisch-jüdische Mandat. Meine sehr geehrten Herren! Ich muß noch eine Frage behandeln, die mir persönlich besonders am Herzen liegt. Ich kann auch nach dieser Richtung die Herren von der zionistischen Partei nicht von jeder Schuld freisprechen. Die Herren haben zwei Mandate bekommen, und gerade behufs Freimachung dieser zwei Mandate mußte eines, das einzige M a n d at, den polnischen Juden weggenommen werden. Meine Herren! In den Kultusvorstand wird seit vielen Jahren, insbesondere seit dem Bestände des neuen Statuts, immer ein Vertreter der polnischen, respektive der östlichen Juden gewählt. Solche Vertreter waren Artur von Mieses, Salo Landau, zuletzt Dr. Halpern. Die zwei ersteren sind während der Ausübung ihres Ehrenamtes leider gestor-

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