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Neue Nationalzeitung · 1912-12-06 · Heft 24 (6.12.1912) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 24 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 24 FEUILLETON. J. L. Perez: Waisenmädchen. Außerhalb der Stadt gehen zwei Frauen. Die eine groß und stark, mit festen Schritten und zornigen Augen, die andere klein, blaß, mit gesenktem Haupte. ..Wohin führst du mich?4' fragt die zweite. „Warte noch einige Minuten. Laß uns bis zum Hügel kommen." „Ja, aber wozu?" fragt wieder die zweite mit einer ängstlich schüchternen Stimme, die Furcht verriet. „Wirst es noch rechtzeitig erfahren . . ." Endlich haben sie den Hügel erreicht. „Setze dich," sagt Chane in befehlendem Tone. Die andere läßt sich gehorsam nieder. Chane setzt sich ebenfalls, und weit entfernt vom Lärm der Stadt, in der lauschigen Stille entspinnt sich ein Gespräch: „Grüne, weißt du, was dein jetzt bei Gott weilender Mann war?" Grüne führt unangenehm berührt auf, und mit zusammengepreßten Lippen murmelt sie: „Soifer."*) „Ja," bestätigte die erste, „und noch dazu ein frommer, braver und ehrlicher." „Ich weiß es/' sagte Grüne mit Ungeduld. Chane läßt sich aber nicht beirren und fährt fort: „Seine frommen Handlungen werden uns gewiß noch Segen bringen . . ." Grüne schweigt. „Warum schweigst denn du dazu?" „Mir ist alles gleiehgiltig!" „Nicht alles gleichgiltig!" schreit Chane. „Sie sollen, sie müssen Segen bringen, hörst du?" „Ich höre, aber ich weiß, daß sie mir keinen gebracht . . ." Beide Frauen schauen einander an. „Der fromme und brave Soifer hat nach seinem Tode eine Witwe und drei Waisen zurückgelassen. Seine Frau hat nicht wieder geheiratet, um den Kindern nicht einen Stiefvater bieten zu müssen. Sie hat allein für sich und ihre Kinder gearbeitet, nur der Segen ist ausgeblieben." „Und weißt du, warum, Grüne?" unterbricht Chane die eingetretene Pause. „Warum?" „Deine Sünden lassen dir kein Glück zu . . Grüne springt wie angeschossen auf. „Meine Sünden?" „Paß auf, Grüne, Sünden hat jeder Mensch und du um so mehr . . ." „Ich mehr?" „Glaubst du, ohne Grund habe ich dich außerhalb der Stadt geführt, zum Teich, auf die Wiese? . . Gute Luft brauchen wir, Gott sei Dank, nicht . . . Siehst Grüne, die Pflicht einer Mutter und noch dazu der Witwe eines solchen Soifers muß . . ." „Was muß sie?" „Eine solche Witwe muß frömmer, besser sein als andere Frauen und mehr um ihre Tochter sich kümmern." Die blasse Grüne wurde weit bleicher bei diesen Worten. Ihre Augen blitzten, die Nase und ihre blauen Lippen zitterten. *) Soifer ist der Name eines hebräischen Schriftgelehrten. „Chane!" .schreit sie auf. „Du weist, Grüne, daß ich dir gut bin. aber die Wahrheit muß ich dir sagen. Wie werde ich sonst einst vor Gott erscheinen können? Durch mich wirst du keine Schande erleben; alles, was ich dir erzählen will, wird unter uns bleiben. Höchstens Gott wird davon Kenntnis haben." „Spann* mich nicht auf die Folter!" „Nun höre! Kurz und bündig . .. Gestern abends, spät am Vorabend, bin ich vom Bahnhof nach Hause gegangen, und am Hügel dort habe ich deine Tochter, deine Mirel, sitzen gesehen." „Allein?" „Nein!" „Mit wem?" „Ich weiß nicht, mit einem Hute . . . Ja sogar mit einem Zylinder ... Er küßte sie am Nacken, während sie lachte und Bonbons aß . . ." „Ich weiß!" antwortet Grüne mit einer Grabesstimme. „Es ist nicht zum erstenmal . . ." „Du hattest davon also Kenntnis? Ist das ihr Bräutigan?" „Nein . . ." „Nicht?" Und du hast das stillschweigend geschehen lassen?" „Ja!" „Grüne!" schreit Chane aufspringend. Grüne ist indes ganz ruhig geworden und sagt mit schneidender Stimme: „Jetzt sei du still und höre, was ich erzählen werde." Sie packt Chanen am Arme und zwingt sie, sich niederzusetzen. „Alles werde ich dir erzählen, und Gott im Himmel wird uns hören! Nach dem Tode meines Mannes . . ." „Nachdem dein Mann heimgegangen, meinst du." „Alles gleich! Heimgegangen oder gestorben, begraben hat man ihn ... Und ich bin mit drei Waisen - Töchtern — zurückgeblieben. Die älteste, fünfzehn Jahre alt, Ginendel. Bei reichen Leuten feiern bereits solche Mädchen Verlobungsfeste. Wir konnten an kein Verlobungsfest denken, da bei uns nicht einmal ein Stück Brot im Hause war." „Wie sonderlich du heute sprichst, Grüne!" „Aus mir spricht der verhaltene Schmerz. Du weißt, Gineude! war seinerzeit das schönste Mädchen der Stadt." „Heute auch . . . noch." „Nein! Heute schaut sie wie eine ausgepreßte Zitrone aus. Aber früher strahlte ihre Schönheit wie die Sonne . . . Und ich habe meine Pflichten als Witwe des frommen Soifers gekannt. Ich wußte, welchen Gefahren ein schönes und blühendes Geschöpf ausgesetzt ist. Wie ein Kleinod habe ich sie vor den herumschwirrenden Faltern geschützt . . . Gewußt habe ich, daß man über die Keuschheit der Mädchen wachen muß. Und bewacht habe ich sie auf Schritt und Tritt. Nicht einen Augenblick allein gelassen und fortwährend Moral gepredigt . . ." „Das ist sehr gut!" „Sehr gut!" bemerkt Grüne bitter. „Wie sieht sie aber heute aus! Sie ist wohl ein keusches und tugendhaftes Mädchen geblieben . . . aber von sechsunddreißig Jahren. Ein abgemagertes, gerunzeltes Gesicht, mit verloschenen Augen und stets zusammengepreßten Lippen . . . Doch manchmal

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