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Neue Nationalzeitung · 1912-12-06 · Heft 24 (6.12.1912) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 24 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Öeite 12 lodert eine Flamme des Hasses in ihren erloschenen Augen auf. Weißt du, wem dieser Haß gilt? Weist du, wem sie mit den zusammengepreßten Lippen flucht?11 „Wem?" „Mir! Mir, ihrer eigenen Mutter!" „Was fällt dir ein! Wofür?" „Sie mag es auch nicht wissen, wofür; aber ich weiß es jetzt schon! Ich habe mich zwischen sie und das Leben gestellt. Ich habe ihrem Körper keinen Sonnenstrahl zukommen lassen . . . Und deshalb muß sie mich mit jeder Faser hassen!" Chane starrt sie ungläubig an, sie kann das alles nicht fassen . . . Grüne atmet schwer auf und fährt fort: „Die jüngere Lea wollte ich nicht mehr zu Hause halten und gab sie in Dienst, in der Hoffnung, daß sie sich auf diese Weise etwas Geld ersparen wird, um dann heiraten zu können. Und sie habe ich auch bewacht . . . Aber Dienstherren und viele andere waren hinter ihr drein . . . Aber ich bin ihr stets zur Seite gestanden. Unzähligemal täglich war ich bei ihr in der Küche, habe fortwährend geweint und Moral gepedigt . . . Gott verzeihe mir, wie ich sie geängstigt habe. Und sie, das zarte, blasse Mädchen mit den guten, feucht schimmernden Augen hat sich von mir führen lassen . . ." „Du sprichst wie von einer Toten!" „Und du glaubst, sie lebt? Ich sage: Nein! Sie hat dreißig Rubel erspart und ich habe sie verheiratet. Er hat ihr nicht gefallen, sie hat geweint. Aber welche Ansprüche darf ein Dienstmädchen und noch dazu mit dreißig Rubel machen? . . . Nach kurzer Zeit ist er mit ihren paar Rubeln durchgebrannt, und sie ist zu mir zurückgekommen. Ohne Geld, dafür aber — lungensüchtig . . . Wie ein kleines Kind schmiegt sie sich jetzt an . . . Und die ganze Nacht weint sie . . . Und weißt du, wem diese Tränen gelten?" „Ihrem Manne!" „Sie beweint ihre Jugend, ihr Glück, das ich ihr raubte . . ." „Nun? Nun also?" „Nun habe ich gesagt: Genug! Meine dritte Tochter soll mir nicht mehr fluchen! Sie arbeitet in der Fabrik sechzehn Stunden täglich und verdient kaum für trockenes Brot. Sie will aber auch Bonbons, sie will lachen und sich küssen lassen ... Soll sie machen, was sie will. Da ich ihr gar nichts bieten kann . . . soll auch ihr ganzer Haß nicht mir gelten . . ." „Was werden aber die Leute über dich sagen?" schreit Chane. .„Die Leute haben kein Recht, mitzureden, so lange sie arme Waisen bis auf den letzten Blutstropfen ausbeuten ... So lange sie die Armen wie Zitronen ausdrücken . . ." „Und Gott?" „Auch Gott nicht, so lange er . . ." Beide Frauen stehen sich mit blitzenden Augen gegenüber. „Grüne," schreit noch einmal Chane, „Gott, Gott wird strafen!" „Nicht mich, nicht meine Töchter! Sondern andere! . . . Andere! . . ." LITERATUR. Leopold Schwarz: Buch der Leiden. Trost- und Trutzsedichte eines Kämpfers. (II. u. III. Teil.) Brünn. Verlag Leopold Schwarz. Druck von M. Kral, Brünn. 1912. Dies sind gedankenreiche und formschöne Dichtungen eines Dulders, der aber kein Verzweifelter Hiob ist, sondern ein Kämpfer, der sich, trotz allen Leidens, „durch Nacht und Not. trotz alledem" zu lichten Höhen emporschwingt. Er spottet seines Leides, das ihn durch Kämpfe zum Siege führt.— Dieser zweite und dritte Teil des Buches der Leiden, dessen erster vor Jahresfrist erschien, zeigt uns eine einigende und kämpfende, echte Dichternatur. Ein ganzes Menschenleben, ein Menschengeschick zieht in diesen wahrhaft ergreifenden Dichtungen au uns vorüber. Leopold Schwarz ist ein Dichter, an dem man nicht mit vornehmem Achselzucken vorübergehen darf. Ein Dichter allerdings, der nicht die Lärmtrommel für sich führt, der sich aber doch durchsetzen wird und muß. Gerne schöpft er auch aus dem Borne der talmudischen Poesie, wie dies auch die schöne Ballade auf Seite 23 des vorliegenden Buches, „Fürstenglück". zeigt. Schwarz ist kein Pessimist in gewöhnlichem Sinne, sondern ein Ueberwinder dieser Weltanschauung. Zu „lichten Höhen" hebt ihn sein Kämpfen und Ringen empor. Trost, Erhebung, Erquickung wird seine Dichtung allen, die mit ihm fühlen, gewähren. Das Buch ist schön ausgestattet und macht der Offizin Kral in Brünn alle Ehren. Dr. M. G. Don Quixote — Ins Hebräische übersetzt. Ch. N. B i a 1 i k, der größte hebräische Dichter der Gegenwart, hat den berühmten Roman des Miguel de Cervantes „Don Ouixote de la Mancha" ins Hebräische übe rsetzt. Der erste Teil dieser Uebersetzung ist soeben im Verlage „T u r g e m a n" in Odessa erschienen (Preis 75 Kopeken, zu beziehen durch M. Ussischkin, Odessa, Chersonskaja 46). Der Verlag ..Turgeman" („Dolmetscher") wurde durch die Stiftung der Frau Moses Zeitlin zum Andenken au ihren verstorbenen Gatten begründet und hat den Zweck, die besten Bücher der Weltliteratur in hebräischer Sprache herauszugeben, und zwar in einer Bearbeitung für die Jugend. Es sind bisher folgende Werke in dem Verlage erschienen: „Onkel Toms Hütte", aus dem Englischen übersetzt von J. Ch. Tawjew, „Tausend und eine Nacht", aus dem Arabischen übertragen von David J e I 1 i n, „Spartacus", aus dem Italienischen übertragen von S. Jabotinski, und nunmehr der „Don Ouixote" des Cervantes. Die Bücher sind gut gedruckt, schwierigere Ausdrücke in Anmerkungen erklärt, so daß sich diese Veröffentlichungen auch sehr gut dazu eignen, die Kenntnis der modernen hebräischen Sprache zu iördern. Büchereinlauf. Vom alten Stamm. Eine Sammlung jüdischer Bücher: Schalom Asch: Im Lande der Väter. Sch. Gorelik: Die liebe Provinz. Jüdischer Verlag in Berlin, 1912. Die Jüdische Gemeinschaft. Reden und Aufsätze über zeitgenössische Fragen des jüdischen Volkes. Herausgegeben von Dr. Ahron Eliasberg: Moriz Goldstein: Begriff und Programm einer jüdischen Nationalliteratur. Alexander Schueler: Der Rassenadel der Juden. Jüdischer Verlag in Berlin, 1912. Georgios N. GhJkas: Appell an die zivilisierte Welt. Zur Erzwingung der einzig richtigen Lösung der orientalischen Frage und zur Vermeidung verderblicher Kriege. Wien 1912. Im Selbstverlage des Verfassers. Volksschriften über die Jadische Religion. Herausgegeben von Dr. J. Ziegler (Karlsbad). I. Jahrgang, II. Heft: D r. Rudolf Leszynsky: Pharisäer und Sadduaaer. Berlin-Grunewald. Frankfurt a. M., J. Kauffmann. 1912, H. G. Wells: Die Zukunft in Amerika. Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena. 1911. Sidney und Beatrice Webb: Das Problem der Armut. Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena. 1912.

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