Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1912-12-06 · Heft 24 (6.12.1912) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 24 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2425679-2425857-2425882--2561-2429002
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sgfo 8 ______________„Neue National-Zeitung' liehen Aeußerungen des griechischen Königs unterliegt es keinm Zweifel, daß anläßlich der Einnahme von Saloniki der Kriechische Soidatenmob in der furchtbarsten Weise unter den Türken und Juden gewütet hat, ohne Schonung von Menscheuleben und Frauenehre, von Hab und Out. Wir kennen bereits von K o r f u her die antisemitischen Gesinnungen der griechischen Bevölkerung, und von all den jüdischen Untertanen der Türkei, die der Balkanbund von der „Fremdherrschaft" befreien will, trifft wohl das Schicksal die Juden am schwersten, die jene schrecklichen Tage von Saloniki miterlebt haben. Der in Saloniki erscheinende ,J 11 d e p e 11 d a 111" vom 18. November schildert die Pogroms wider die Juden folgendermaßen: „Gegen 3 Uhr nachmittags, am 12. November, wurde der Israelit Schuchino auf dem Heimwege von Kenin Effendi von zwei griechischen S o 1 d a te n und einem Zivilisten überfallen und mit Waffengewalt seiner Börse mit 12 türkischen Pfund beraubt. Abends halb 12 Uhr drangen mehrere griechische Soldaten in Begleitung Eingeborener in das Stadviertel Tschanekjdi, schlugen an fast allen Häusern die Scheiben ein und zwangen die Bewohner unter Todesdrohungen, ihnen alles Geld, das in ihrem Besitz war, herauszugeben. Dabei wurde der Laden des Spezereihändlers f s a a k vollständig ausgeplündert. Im (Quartier Hirsch wurden die Synagoge und eine Hütte vollständig zerstört. In der Sankt-Sophienstraße endlich wurde ein israelitischer Leichenzug von Griechen angehalten und die Träger gezwungen, den Sarg auf einem Umweg nach dem Friedhoi zu schaffen. Wie aus einem Brief an den Großrabbiner hervorgeht, wurden unter anderem folgenden Personen Geldbeträge von 2 bis 12 türkischen Pfund geraubt: Hiskia C a t a n. Bea Capon, Israel Lea. ' Ksther Cohen, Sahetay Beja, Ovadia L e v y. Unter den mit Gewalt Weggeschleppten befinden sich folgende Namen: Jakob Moclii, Abraham A r a b a d j c, Manuel S i r u m d j a. der fünfzehnjährige Joseph Cohen. M a h e 1 L e u o r. Der Bruder des letztereil. Jakob Lenor, kannte einen der Entführer sogar mit Namen. Am 13. November erschienen zwei griechische Soldaten in Begleitung zweier einheimischer Griechen im Großrabbinat. Die Soldaten forderten den Großrabbiner auf, ihnen dreihundert Gewehre zu übergebe u, die er im Besitz habe. Der Großrabbiner protestierte entrüstet gegen die Anklage und sagte, sie könnten das Haus durchsuchen, er behalte sich die nötigen Schritte vor. Angesichts seiner entschiedenen Haltung zogen sich die Soldaten zurück. Wir glauben nicht, daß die Soldaten in behördlichem Auftrag handelten, müssen vielmehr annehmen, daß sie von Zivilpersonen getäuscht, zu einem leicht zu begreifenden Zweck in das Haus eindrangen. Nach der Explosion des Pulverturmes drangen griechische Soldaten nachts mit Gewalt in das Haus des Herrn David Ferreira, durchsuchten das Erdgeschoß nach Sprengstoffen und durchstöberten dann im ersten Stock, wo die Familien der beiden Arbeiter Joseph Cohen und Samuel Iformes wohnen, alle Behälter vergeblich. Dann verlangten sie Bezahlung für die Mühe, durchsuchten den sich weigernden Bewohnern die Taschen und nahmen Jacques Cohen die Börse mit 250 Piastern und Samuel Iformes die seinige mit 120 Piastern weg. Gestern mittag wurden zwei griechische Hauern abgefaßt, die zwei armen Juden zwei eben in der Kaserne gekaufte Felle mit Hammelfellen weggenommen hatten. Der Sachverhalt wurde festgestellt, der Raub zurückgegeben, die Räuber aber in Freiheit gelassen. — Um neun Uhr abends drangen vier griechische Soldaten in das Haus des Dr. Avium Nr. 24 Attias unter dem Vorwand einer Hausdurchsuchung. Als diese ergebnislos verlief, schlugen sie Attias und seine Frau, ebenso eine zu Hilfe geeilte Nachbarin, Fstherina Beissi. Dieser nahmen sie etwa S Pfund Geld, drei Ringe, eine goldene Brosche und ein Perlenhalsband weg. Attias und sein Nachbar Salomon Mair wurden dann von ihnen festgenommen und weggeführt. Eine Gruppe von Juden, die durch Soldaten als Dynamitarden arretiert wurde, wandte sich beim Transport auf der Straße an zwei griechische Leutnants. Diese ließen die Soldaten durchsuchen, fanden bei ihnen zwei Pfund und einen der Ringe, ließen sie gefangen setzen und die Juden nach Hause führen. — Dem Gemüsehändler Nochom Angel in der Karnesseriastraße wurde von fünf Soldaten eine Börse mit 4 Pfund und 2Ü Piastern g e r a u b t. — Isaac Moise Salem wurde die Börse mit 3 Pfund und etwa 20 Piastern weggenommen, während er von sechs Bajonetten mit dem Tode bedroht wurde. — Die Taglöhner Mordechai Pardo und Jacob Montekio w urden im Viadet Burmach Djamis ihrer Börse mit 12 Piastern bezw. 2 Pfund Inhalt beraubt. Heute früh drangen griechische Soldaten in das Haus des Krämers Samuel Satfon und bemächtigten sich einer Börse mit etwa 7 Pfund Inhalt, die unter einer Matratze aufbewahrt war. Das kleine Kind Samuel Gassons wmrde furchtbar g e s c h 1 a g e n. — Dem Aaron Alhadis wurden die Tascher. durchsucht; man nahm ihm 2 türkische Pfund in Gold, 2 Mediidie und «so Piastrettes. Unter gleichen Umständen wurden Isaac Tscfiha in der Belediastraße 140 Piaster weggenommen. — Das Haus David Moussas im Hamidie-Viadet ist geplündert worden. — Im Saukt-Sofia-Bezirk wurde Joseph Medianem sein Portemonnaie mit 46 Piastern weggenommen." Daß diese Vorgänge sich tatsächlich zugetragen haben, dafür ist in der gleichen Nummer noch ein glaubwürdiges Zeugnis zu finden — dasjenige des Königs Georg von Griechenland. Dieser empfing, so wird berichtet, eine griechische Deputation. Er drückte ihr sein lebhaftes Bedauern aus, über die „unglücklichen Zwischenfälle, die sich dieser Tage zwischen Griechen und Juden zugetragen haben", und sicherte exemplarische Bestrafung der Schuldigen zu. Eine Interpellation im Abgeordnetenhause wegen der Aus« schreitungen in Saloniki. Abg. Reitzes und Genossen haben im Abgeordnetenhause folgende Interpellation eingebracht: „Zu den gewöhnlichen Greueln des Krieges gesellen sich in den letzten Tagen Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten seitens mancher Balkanheere gegen die wehrlose Bevölkerung der besetzten Gebiete. Die Nachrichten, welche hierüber aus Albanien kommen, sind schrecklich, aber unverbürgt. Sicher sind die Ausschreitungen der griechischen Soldateska gegen die unschuldige jüdische Bevölkerung Salonikis. Vielleicht haben die Juden nicht mit gewünschter Schnelligkeit die Pflichten gegen den Staat, welchem die Stadt bis vor kurzem angehört hat, vergessen! Vielleicht haben sie dem Besieger ihres Landesherrn nicht zugejubelt! Etwas anderes kann man ihnen nicht vorwerfen. Zum Schutze der deutschen und türkischen Juden in Saloniki soll nach Zeitungsmelduugen die deutsche Regierung eingegriffen haben; was geschieht aber mit den österreichischen Juden? Was unternahm die österreichische Regierung, die sich stets so lebhaft für Saloniki interessierte? In Konstantinopel schritten alle Großmächte ein. als Ausschreitungen befürchtet wurden, und ihre Intervention wehrte jede Gefahr ab. Warum geschieht nicht gleiches auch in Saloniki? Angesichts dessen richten die Gefertigten an Se. Exzellenz den Herrn Ministerpräsidenten die Antrage:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.