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Neue Nationalzeitung · 1912-11-22 · Heft 23 (22.11.1912) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 23 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 »NmeJNational-Zeitüng^ Nr. 23 DIE JÜDISCHE Die Präsidentenwahl in Nordamerika. Mit einer ungeheuren Majorität ist Professor Woodrow Wilson zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden; gleichzeitig mit ihm fiel auch auf William S u 1 z e r die Wahl zum Gouverneur von New York. Nach vielen Jahren macht endlich die republikanische Partei dem demokratischen Ticket Platz. In den Reihen desselben kämpften vornehmlich die jüdischen Einwanderer, welche sich den Kandidaten Wilson und S u 1 z e r für ihre judenfreundliche Haltung in der Paßfrage dankbar zeigen wollten. Diese Anhänglichkeit war so groß, daß selbst Oskar Strauß gegenüber Sulzer nicht standhalten konnte und unterlegen ist. * Der neue Präsident und die Einwanderung. Wie wir bereits nachgewiesen haben, ist der neue Präsident kein unbedingter Freund 'der Einwanderungsireiiheit. Er gilt sogar wegen des in seiner Geschichte Amerikas eingenommenen Standpunktes als deren Gegner. Deshalb wurde von jüdischer Seite während der Wahlkampagne Wiederholt seine Aeußerunig über dieses Thema verlangt. Die letzte Aeußerung das Präsidenten über dieses Thema bildete die Beantwortung eines Briefes des bekannten jüdischen Führers Cyrus Adler in Philadelphia. Herr Adler macht in seinem Schreiben von einem Interview Mitteilung, das er über 'die Einwanderungsfrage mit demokratischen Führern geihabt hat und bemerkt, dlaß er eine nochmalige Aeußerung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten für wünschenswert halte. Der Brief weist auf die Burnett-Bill hin, über die während der letzten Kongreß periode vom Binwanderuiiisskomitee des Repräsentantenhauses berichtet wurde, die durch das darin erfthä/lteite Verlausen eines Biklungsnachweises von Einwanderern geradezu eine die Einwanderun« beschränkende Maßnahme wäre. Es komme doch wohl für die moralischen und (körperlichen Eigenschaften eines Menschen nicht darauf an, ob er lesen und schreiben könne oder nicht. Herr Adler wünscht ferner, der Kandidat solle ein Mißverständnis aufklären, das dadurch möglich geworden sei, daß Wilson Leute, die „freiwillig" nach diesem Lande kommen, willkommen heiße. Das könnte ausgelegt werden, als seien Einwanderer, die um notorischer oder religiöser Verfolgungen willen ihre alte Heimat verlassen haben, nicht als wünschenswert anzusehen. A.uch über seine Stellungnahme zur russischen Paßfrage interpelliert der Brief den Kandidaten. Herr Wilson antuortete auf den Brief: „Gestatten Sie, CniQKflTION. daß ioh den Empfang Ihres Briefes bestätige, für den ich Ihnen dankbar bin. Ich habe die Empfindung, daß es nicht recht am Platze ist, daß ioh über Gesetzentwürfe, die dem Kongreß vorliegen, eine Ansicht äußere, solange ein „Wenn" mit »meiner Erwäihlun/g verbunden ist. Deshalb aber trage ich kein Bedenken, »u erklären, daß dch im Wesentlichen mit Ihnen über die Einwanderungspolitik, die dieses Land befolgen sollte, derselben Ansicht bin. Ich denke, dieses Land kann jeden Mann und jede Frau, die moralisch, geistig und körperlich gesund sind und in guter Absicht herkommen, ium ihre Arbeitskraft hier zu verwenden, gebrauchen und sollta Verwendung für sie haben unid ihnen die Wege ebnen. Soweit ich in Frage komme, bin ich entschieden daf ür, daß jede Maßnahme, die dieses Prinzip in seiner praktischen Ausführung zu beschränken geneigt ist, genauester Prüfung unterzogen werde. Außerdem bitte ich Sie versichert zu sein, daß ich niemals meine Zustimmung m einem Vertrage mit einem fremden Lande K-eben würde, der amerikanische Bänger ihrer Geburt, Rasse oder Religion wegen diskriminiert. Ich habe in diesem Sinne in der Versammlung im «Carnegie Hall schon sehr deutlich ausgesprochen und halbe dias natürlich mit größtem Vergnügen getan." * Wilson und die Juden. Ueber die Bedeutuins:, die die Wahl Wilsons zum Präsidenten der Vereinigten Staaten für die Juden hat, schreibt die Warschauer „Jiazefira" u. a.: Wilson trat mit besonderem Elfter für die .Jude« ein, er wiain/dte siah in .schärfen Worten g&gen das Unrecht das Rußland den amerikanischen Staatsbürgerin antue, indem es die Pässe der Vereinigten Staaten nicht anerkennt; auch in der Frage der Einwanderung lenkte Wilson ein. Er betonte, seine Absicht sei es nie gewesen, eftner Beschränkung der jüdischen Einwanderung das Wort zu reden, die Juden seien vielmehr durch ihre guten Eigenschaften, ihren Fle'iß und Eifer und ihre Fähigkeiten für das Land von großem Nutzen. Unter „fremden Einwanderern" verstehe er nur die Chinesen, welche durch ihre billige Arbeit den heimisohen Arbeitern «ehr schaden. So kam es denn so weit, daß auch der berühmte jüdische Philantnop Schiff, der seit jeher zur republikanischen Partei gezählt hatte, einer der eifrigsten Anhänger des Demokraten Wilson wurde. Ihm folgten eine große Zahl von Juden und trug so sehr dazu bei, daß Wilson siegte. Den Sieg entschied allerdings ein Moment der hohen Politik. Man fürchtet in Amerika den Ausbruch öiraes allgemeinen europäischen Krieges. Sicherlich hätten in einem solchen Falle die Republikaner sich eingemischt und an dem Kriege iteilgenoimrnen. Indes, die Mehrzahl der Einwohner der Vereinigten Staaten -will Ruhe uwd Frieden haben und deshalb setzte man sich so eifrig für den Kandidaten der Demokraten ein, weil sich diese jedem Gedanken einer Eroberungspolitik und einer Einmischung in europäische Angelegenheiten widersetzen. * Das stärkste Einwanderuiigsjahr in der Geschichte Amerikas. Nach einer Zusammenstellung der statistischen Einwanderaingskommisskyn in New York sind dort in den verflossenen zehn Monaten dieses Jahres Jiicht weniger als 750.000 Einwanderer eingetroffen; das sind tum rund 200.000 Personen mehr als in der gleichen Periode des Vorjahres. Die starke Einwände runig im Hafen von New York läßt den SoMuß zu, daß die Zahl der in diesem Jahre in den Vereinigten Staaten

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