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Neue Nationalzeitung · 1912-11-22 · Heft 23 (22.11.1912) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 23 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23________________________»NeuA NaÜojiairZeMng" _______________________ 8elte_ A und Jüdinnen haben sich freiwillig zum Roten Kreuz gemeldet. Frau Dr. A 1 c a 1 a y i/n Belgrad und ihre Tochter haben gemeinsam ,mit einigen anderen Frauen die Oberaufsicht über die Küchen in den Sp'itälern. Der Oberrabbiner von Serbien, Dr. A I c a I a y, hat sich mit einem Vorstandsmitgiiede der jüdischen Gemeinde Belgrads in die neueroberten Städte begeben, um dort durch Reden beruhigend auf die Einwohner zu wirken. Die Juden Belgrads besitzen zwei Kiiltusgemeinden, eine spaniolische und eine d e u t s c h i ii d i s c h e. Die spaniolische hat der Regierung im Laufe von zehn Tagen schon 20.000 Franks für die Pflege der Verwundeten usw. gespendet. Die deutsch jüdische hat unter der Leitung ihres Rabbiners Schlang ein provisorisches Spital mit 2t) Betten und eine Ambulanz eingerichtet und versorgt die Verwundeten mit Lebensmitteln. Momentan sind im den Spitälern Belgrads ungefähr fünf jüdische Verwundete untergebracht. Es heißt, da Ii bisher 50 serbische Juden gefallen sind. Die Dumawahlen in Rußland. Warschau, Mitte November. Die Duma wählen in Rußland, soweit sie sich bereits jetzt überblicken lassen, haben für die Juden im großen und ganzen ein sehr ungünstiges Resultat ergeben. In vielen Wahlbezirken, wie Bialystok. Odessa. Wilna, wo man bestimmt auf die Wahl eines jüdischen Abgeordneten gerechnet hat. sind die Juden durchgefallen. Dagegen sind in drei Bezirken jüdische Abgeordnete durchgedrungen, und zwar in Mi tau (Kurland) Dr. H u r w i t z, in Kowno der bisherige Deputierte Friedmann und in Lodz der Arzt Dr. Mayer Bomasc h. Dadurch hat sich die Zahl der jüdischen Abgeordneten um einen vermehrt. An Stelle des Dr. Nisselowitsch, der nicht mehr kan didiert hatte, treten nunmehr zwei andere Juden. Ganz unerwartet kam der Sieg in Lodz, wo ein jüdischer Demokrat gewählt wurde. Dr. Bomasch ist 48 Jahre alt und praktiziert bereits 22 Jahre als Arzt. Sein politischer Standpunkt steht dem des gewesenen Duma-Abgeordneten W in a w e r sehr nahe. Er ist jedenfalls kein Anhänger der Assimilation, wird aber andererseits als Demokrat die Interessen aller Schichten der Bevölkerung m Polen, somit auch der polnischen Nation, vertreten. Selbstverständlich wird er dem Polenklub nicht beitreten, es ist aber nicht ausgeschlossen, daß er mit den Kadetten in nähere Fühlung treten wird, da er nicht bloß von den Juden, sondern auch von den progressiven Deutschen gewählt wurde. Ungemein interessant war die Wahl in Warschau, wo von 83 Wahlmännern die Juden 46 Mandate innehatten. Die Juden hatten es daher in ihrer Hand, einen eigenen Abgeordneten zu wählen. Das wollten sie nicht, um nicht die gesamte polnische Bevölkerung zu provozieren, zumal die polnische Presse ohne Unterschied der Parteistellung aus der Wahl eines jüdischen Abgeordneten „im Herzen Polens" einen casus belli gemacht hatte. Dagegen konnten die Juden den von allen bürgerlichen polnischen Parteien aufgestellten Kandidaten Kucharzewski nicht wählen, da Sich derselbe gegen die Gleichberechtigung der Juden in Polen ausgesprochen hat. Eine Wahl dieses Kandidaten seitens der jüdischen Majorität wäre ein Akt der ärgsten Selbsterniedrigung gewesen. Und die Juden in Polen zeigten eben, daß sie noch nicht so tief gesunken sind, wie die Majorität der Juden in Galizien. Trotz der Hetze der polnischen Presse, trotz des Terrorismus der Führer der hiesigen Judengemeinde haben die jüdischen Wahlmänner zusammengehalten und haben sich die Wahl Kucharzewskis nicht erpressen lassen. Da sie nun einerseits, um nicht den polnischen Hetzern Gelegenheit zu Ausschreitungen zu geben, keinen eigenen Kandidaten wählen wollten und sie andererseits für Kucharzewski nicht stimmen konnten, entschlossen sie sich, einen der drei sozialistischen Wahlmänner, und zwar der Arbeiter Eugen Jagiello, der für die Gleichberechtigung der Juden in der Duma einzutreten sich bereit erklärte, zu wählen. Auf diese Weise wurde mit den jüdischen Stimmen „im Herzen Polens" zwar kein Jude, aber ein Sozialist zum Abgeordneten gewählt. Die polnische Presse wütet, und zwar nicht nur in Polen, sondern auch in Galizien. Diese Standhaftigkeit der Juden haben eben die Herrschaften nicht erwartet. Die Dumawahlen in Warschau waren ein eklatanter Beweis des nationalen Selbstbewußtseins und der politischen Reite der Warschauer Juden. Es wäre sehr zu wünschen, daß sich die galizischen Juden daran ein Beispiel nehmen. * Der „Monitor" über die Warschauer Wahlen. In vorteilhafte! Weise unterscheidet sich die Stellungnahme des vom Abgeordneten Bretter herausgegebenen ..M o n i t o r" gegenüber der .sonstigen polnischen Presse in bezug auf die Wahlen in Warschau und in Lodz. Wir lesen darüber in der letzten Nummer des „Monitor" folgendes: In beiden diesen Zentren (W a r s c h a u und L o d z) haben die Repräsentanten der heutigen polnliischen Politik eine schreckliche Niederlage erlitten. In Warschau wurde mit jüdischen Stimmen der sozialistische Arbeiter Jagiello gewählt: in Lodz fiel die Wahl lauf den nationalen Juden Dr. Bomasch. Die Dmowskis und Kucharzewskis haben einen moralischen Pogrom erlitten und es ist ihnen recht geschehen. Diese beiden Wahlakte sind ein empfindliches Memento an jene Huligans, die sich seit einiger Zeit in Polen immer mehr breit macheu. Kucharzewski ist in Warschau durchgefallen — und dies hat ihm auch gebührt. Er gerierte sich als Fortschrittler und Demokrat und demnoch erklärte er, ein Gegner der jüdischen Gleichberechtigung zu sein. Ein Mann, der sich öffentlich zu einem derartigen Programm bekennt, bat das Recht auf ein Mandat verloren. Das Bekenntnis eines solcihen Programme* im 20. Jahrhundert ist wohl eines Huligans würdig, aber nicht eines Polen, der im Bewußtsein »der schwierigen Lage der Polen wohl für diese die Gleichberechtigung verlangt, dieselbe jedoch anderen vorenthalten will. Es gibt nur eine Gleich berecht i g u n g f ü r <a 11 e oder für — n i e m a n d e n. Die Juden hätten, indem sie über die Majorität der Stimmen verfügten, einen Juden wählen können. Sie haben es trotzdem nicht getan, und haben sich mit einer Demonstration begnügt. Das sollten die vernünftigen Elemente verstehen. Dieser Wahlsfcandal sollte den maßgebenden polnischen Parteien zeigen, daß die heutige Politik, mag sie „na-ttonal- Jemokratisch" oder „fortschrittlich-demokratisch" heißen, in Wirklichkeit keines von beiden, sondern ein Verbrechen am dein ganzen Lande ist. Möge aus dem Warschauer und Lodzer „Progrom" jene Idee entstehen, die allen Bürgern ohne Unterschied GJeichberechtigung und soziale Gerechtigkeit verheißen würde. Denn ohne diese gibt es keine Freiheit und keine Unabhängigkeit.

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