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Neue Nationalzeitung · 1912-11-22 · Heft 23 (22.11.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 23 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 _«N(^e_N^ona^^ifang' Nr. 23 rneinde einen bedeutenden Aufschwung nehmen. Adrianopel war auch von alters her der Sitz einer großen Jeschiwah, die sogar aus Rußland und Ungarn, besonders aber aius Rumänien, dem Balkan und dem ganzen Orient stark besucht war. Die Sultane wußten .immer die Untertanentneue der Adrianopler Juden zu schätzen. Im Jahre 1453 bekleidete ein Jude Namens Chaim Jakob das Amt des Leibarztes, später auch das des Finanzministers am Hofe des Sultans zu Adrianopel. Nach Eroberung Konstantinopels durch die Türken und Ueberiührung der türkischen Residenz dorthin, hörte die jüdische Gemeinde in Adrianopel nicht auf, sich in .gesunden Bahnen weiter zu entwickeln. Durch Zu Wanderung von Juden aus den ästlichen Ländern der Not stieg die Seelenzahl der Gemeinde bedeutend an. Doch konnten die Sefardim kl der Gemeinde bis heute die Oberhand behalten, so daß die Aschkenasim sich ihnen anschlössen und sich mit ihnen zu einer Gemeinde vereinigten. In Adrianopel befinden sich 7 Synagogen, in denen überall der sefardische Ritus dominiert. Seit einigen Jahrzehnten besteht wie überall im Orient auch in Adrianopel eine Schule der „Aüiance Israehte Universelle", überdies auch eine T a 1 m u d - T h o r a - S c h u 1 e, die von mehr als 800 Kindern besucht wird. Außerdem gibt es in Adrianopel mehrere gut geleitete Privatschuleu und Chedarim. Daß zurzeit in der hartbe drängten Stadt all'e Schulen geschlossen sind und das geistige Leben vollständig stockt, versteht sich von selbst. Ein Aufruf der jüdischen Studenten in der Türkei. Der Verband der „Jüdischen Studenten in der Türkei" veröffentlicht folgenden Appell: „Kameraden! Unsere tapferen Soldaten, die im Kampfe gegen die Feinde verwundet wurden, seufzen heute in den Spitälern von Konstantinopel. Wir jüdischen Studenten der Türkei haben die heilige Pflicht, die Leiden der glorreichen Soldaten soweit als möglich zu lindern. Der Verband der „Jüdischen Studenten in der Türkei" fordert daher alle jüdischen Hoch- und Mittelschüler auf, dieses patriotische und humane Werk zu vollbringen und hofit, daß sich keiner dieser heiligen Pflicht entziehen wind. Die Universitätshörer, die sich in das FreWilligenkorps nicht eingereiht haben, melden sich als Krankenwärter für die Verwundeten, die lim Universitätsgebäude untergebracht sind. Kameraden! Eilet alle herbei! Opfert einmütig Eure Ruhe, um die Tapferen zu pflegen, die ihr Leben für die Ehre und Unabhängigkeit des Vaterlandes geopfert haben." * Der erste jüdische Major in der bulgarischen Armee. Der Kriegskorrespondent des ungarischen Taigblattes „Pesti Hirlap" bringt folgenden Bericht aus Sofia: „Die in Bulgarien lebenden spaniolischen Juden, die durch fanatische Intoleranz aus ihrer Heimat gejagt wunden und in dem einst unter türkischer Herrschaft stehenden Balkanstaat freundliche Aufnahme gefunden haben, nehmen auch rn.it Begeisterung ihren Teil an dem Befreiungskämpfe ihres Vaterlandes. Es ist eine Tatsache, daß Tausende jüdischer Soldaten im Zeichen des Kreuzes gegen den Halbmond kämpfen; aber trotz alledem ist ihre Begeisterung im Kriege „gegen die Unterdrücker der mazedonischen Christen" eine ungeteilte. Man erzählt sich eine interessante Episode von der Tapferkeit eines jüdischen Soldaten. Wie bekannt, gibt es in der bulgarischen Armee — trotz «ihrer hervorragenden Beteiligung an dem großen Schlachtzaig gegen Serbien, wo bekanntlich der Battenberger seine ganze Armee mit dem Beispiel der jüdischen Makkabäer aneiferte — keinen Juden, der es über den Kapitäiusrang gebracht hätte. Dies mag vielleicht damit begründet sein, daß sich die Juden nicht zu stark um diese Laufbahn gekümmert haben. Bei der Schlacht um Musrapha Pascha hatte eine überaus zahlreiche feindliche Abteilung das durch einen jüdischen Kapitän D a d schar und von einem Major geführte Bataillon überrascht. Der Major wollte ihm, als er sich von der feindlichen Uebermacht von allen Seiten rettungslos eingeschlossen sah, das ihm vertraute Militär übergeben, als der jüdische Kapitän seine Soldaten mit einer flammenden Ansprache begeisterte -und mit „Napred" (Vorwärts) gegen den Feind zum Sturm führte. Er hat den eisernen Ring mit seinen Leuten durchbrochen. Er kam mit dieser Abteilung zur Hauptarmee, wo er sofort zum Major befördert wurde. Er ist der erste Major der siegreichen bulgarischen Armee." Die Notlage der Juden in Bulgarien. Der Krieg hat Jie bulgarische Judenheit in große Not gebracht. Alle wehrfähigen Männer sind in den Krieg gezogen. Dazu kommt die wirtschaftliche Krise, die durch das allgemeine Moratorium für die Geschäftsleute noch vergrößert worden ist. In Philippopel sind z. B. hunderte jüdische Familien fast ohne das tägliche Brot. Die dortige jüdische Gemeinde hat nachstehenden Aufruf erlassen: „Gleich zu Beginn 'der Mobilisierung sind alle jüdischen wehrfähigen Männer im Alter von 20 bis 46 Jahren zur Fahne gerufen worden. Es sind darunter nicht weniger als 700 Familienväter, die ihre Familien vollständig schütz- und mittellos hinterlassen haben. Sie alle fallen der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last, die aber nicht imstande i'St, d'iesen gesteigerten Anforderungen im entferntesten zu genügen. _'000 jüdische Seelen schreien nach Brot und die Gemeinde ist nicht imstande, auf diesen Notschrei Hilfe zu schaffen. Die privaten Wohltäter haben zum größten Teile durch die infolge des Krieges eingetretene Krisis derart gelitten, daß Sie über Nacht selbst von Gebern zu Empfängern gesunken sind. Die Gemeinde als solche aber, deren Institutionen einzig von den Beiträgen der GemeinJemitgl'ieder erhalten werden, ist zurzeit nicht imstande, ihre Beamten zu besolden, da die Kultusbeiträge vollständig ausbleiben. Zudem nimmt die Teuerung aller Lebensmittel in der Stadt riesige Dirnensiionen an. Die Lage wird immer kritischer und wir sehen keinen Weg zur Hilfe. Die Gemeinde Philippopel hat sich stets in hochherziger und entgegenkommender Weise der vom Unglück betroffenen Glaubensgenossen anderer Gemeinden angenommen. Nun, da sie selbst in der traurigen Lage ist, nach Hilfe und Unterstützung zu rufen, so ist doch vielleicht zu hoffen, daß der Hilferuf nicht wirkungslos verhallt in der jüdischen Welt und jüdischen Gemein- und Wohltätigkeitssinn der ganzen Diaspora anregt, ums in unserer unsäglichen Not beizustehen. Spenden nimmt das „J ü d i s c h e Komitee" in P h i 1 i p p o p e 1 entgegen." * Der Patriotismus der serbischen Juden. Von ungefähr 6000 jüdischen Einwohnern Serbiens sind etwa 800 eingenickt. Von diesen 800 sind 15 Reserveoffiziere und einer aktiver -Hauptmann, alle anderen gewöhnliche Soldaten. Während des jetzigen Krieges haben sich die Juden glänzend bewährt. Das im allgemeinen wenig judem'reundliche Regierungsblatt „Politika" hat in einer seiner letzten Nummern den Juden besonderes Lob gespendet. Es schrieb unter anderem, daß zwei Kompagnien, die größtenteils 'aus Juden zusammengesetzt sind, tapfer gekämpft und zw^ei türkische Forts, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, eingenommen halben. 21 jüdische Aerzte sind auf dem Schlacbtfelde tätig. In den Spitälern in den Städten arbeiten auch jüdische Aerzte und zeichnen sich überall aus. So wurde z. B. dem jungen Dr. Eszkenazy die Organisation und die Leitung der provisorischen Hospitäler in Belgrad anvertraut. Viele Juden

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