Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1912-11-22 · Heft 23 (22.11.1912) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 23 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425857-2425881--2543-2428983
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 3 Gelehrtenfamilie hervorgegangen. Mehrmals besuchte er das Ziel der Sehnsucht der meisten Gelehrten seiner Zeit, Palästina, das Land der Väter, und übersiedelte dahin 1651. Ums Jahr 1670 schrieb er sein Werk „K o r e h a d o r o t h" („Rufer der Geschlechter"), eine Gelehrtengeschichte, die trotz vieler Irrtümer noch heute gut zu benützen ist. Man lese nur, was er über Maimonides, über Joseph Karo schreibt. Wir lernen aus seinem Werke die Namen der Thossaphisten kennen, die hier zum ersten Male gesammelt sind. Das Buch wurde zu Venedig 1746 gedruckt. Hundert Jahre danach erschien eine zweite von David Cassel besorgte Ausgabe. — Aus den dürren Notizen, die wir hier zur Geschichte der Juden in Salonich boten, kann ersehen werden, wie richtig die Worte sind, welche zum Ruhme dieser altehrwürdigen Gemeinde von hervorragenden Männern gesagt wurden. Lebten doch hier Persönlichkeiten, deren Namen unsterblich bleiben werden, solange man von jüdischer Wissenschaft reden und rühmen wird. Wenn die jüdische Gemeinde Athens, wie man las, ein Begrüßungstelegramm an die Salonichis an dem Tage sandte, da sie aus der Herrschaft der Türkei in die Griechenlands überging, so werden die Juden Salonichis wohl nie vergessen, zu welch hoher Blüte sie seit den Tagen, da die Stadt von den Türken erobert wurde, gelangt waren. Kein Zweifel, die moderne Zeit pocht mit starken Schlägen an die verrosteten Pforten eines alten Staatswesens. Neue Staatengebilde erstehen, die Landkarte Europas verändert sich. Man wird von neuem Leben sprechen, das auf den Ruinen erblühen soll. Deshalb dürfen wir aber doch nicht der Vergangenheit vergessen, die sich für die Juden der Türkei ruhmreich gestaltete. Was im Schöße'der Zukunft liegt, wer kann es sagen, wer es ahnen? Hoffen wir, daß sie die freiheitliche Entwicklung unserer Brüder auf dem Balkan fördern und Salonichi sich auch fernerhin den Ruhm einer „Mutter in Israel" bewahren werde. Die Not der Juden in Salonichi. Vom Hilfsverein der Deutschen Juden in Berlin erhalten wir nachstehendes Kommunique : Ueber die Schrecken des Krieges und die Leiden, die der Krieg besonders auch über unsere Glaubensgenossen auf dem Balkan gebracht hat, gibt nachfolgender Brief, der noch vor dem Falle Salonichis an ein Mitglied des Vorstandes des Hilfsvereins gerichtet worden ist, beredte Auskunft. ,.....Die Worte fehlen mir, um Ihnen die Schrecken und die Not der Zeiten, die wir durchleben, zu schildern. Salonichi macht den Eindruck einer Stadt in Trauer. Unsere Gemeinde, die durch die Ökonomische Krise aller ihrer Mitglieder seit dem türkisch-italienischen Kriege bereits verarmt ist, befindet sich jetzt, seitdem der Balkankrieg mit all seinen Greueln zum Ausbruch gekommen ist, in der aUerelendesten Lage. Die Stadt selbst sieht aus wie ein großer Friedhof. Wir Juden stehen vor der ungeheuren Aufgabe, solidarisch Hilfe zu leisten und sind doch völlig unfähig, sie zu erfüllen. Es handelt sich zunächst um die bedürftigen Familien der israelitischen Soldaten, die ohne Mittel zurückgeblieben sind, und die buchstäblich Hungers sterben müssen, wenn ihnen nicht Hilfe gebracht wird. Dazu kommt die große Schar eingewanderter Juden, die vor dem Kriege aus dem Innern geflohen sind und mit jedem Zuge ankommen. Es sind Arme, Greise, Frauen, Kinder, Kranke, ganze Familien aus Karafiria, Istip, Uesküb usw., die ihr Hab und Gut im Stiche gelassen haben. Es ist ein namenloses Elend mit seinem ganzen Gefolge von Schrecken, Trauer und Hilflosigkeit. Wir bringen sie in den Schulen unter. Man muß Tag für Tag für ihre Bedürfnisse sorgen. Und es kommen alle Tage mehr. Wir sind schon überschwemmt; das Publikum gibt; es opfert sich dabei auf, denn es leidet gleichfalls unter der schrecklichen Krise. Weinend schreibe ich diese Zeilen nieder, denn ich mache mich darauf gefaßt, daß wir nicht lange mehr aushalten können, so groß ist die verzweifelte Lage der ganzen Bevölkerung. Wie ungeheuer muß die Hilfe sein, die hier zu leisten ist. Die Tränen stürzen mir aus den Augen, wenn ich daran denke, daß aus Mangel an genügender Hilfe diese Aermsten ohne Linderung ihres Elends bleiben, und hunderte von Familien buchstäblich dem Hungertode preisgegeben sind. In diesen Zeiten der Angst und des Schreckens wende ich meine Blicke zu Ihnen nach Deutschland um Hilfe und Rettung. Ich flehe Sie inbrünstig an, unter den Juden Ihres Landes und bei den großen jüdischen Gesellschaften eine solidarische jüdische Hilfeleistung anzuregen, wie es leider schon so oft geschehen mußte. Im Namen so vieler tausender Unglücklicher flehe ich Sie um Ihren Beistand an. Besonders schnelle Hilfe tut not, denn die Tage, die wir noch aushalten können, sind gezählt." Infolge der immer neuen Schreckensmeldungen, die aus allen Teilen der kriegführenden Staaten kommen, hat der Hilfsverein der Deutschen Juden gemeinschaftlich mit der Großloge für Deutschland V. O. B. B. die erste Rate für das Hilfswerk auf 25000 Franks zu erhöhen beschlossen. Gegenüber der Größe des Elends, das von Tag zu Tag steigt, ist auch diese Summe nur sehr geringfügig. Wir bitten unsere Glaubensgenossen, uns weitere reichliche Spenden für die Opfer des Balkankrieges einzusenden. Auch unsere Administration ist gerne bereit, Spenden ihrer Bestimmung zuzuführen und auszuweisen. Vom Kriegsschauplatz am Balkan. Die Juden in Adrianopel. In der alten Türkenstadt Adnianopel, unter deren Mauern jiinigst die Entscheidungsschladht zwischen den Türken und den .Balkan Völkern aussei achten wurde, befinden sich ungefähr 8000 Juden, bei einer Gesamtbevölkerung von 70.000 Seelen. Nach Angaben des bekannten Weltreisenden Ephraim Deinart waren Juden in Adrianopel bereits zu Ende des vierten Jahrhunderts der üblichen Zeitrechnung ansässig. Die meisten kamen dorthin von Griechenland, wovon der Umstand zeugt, daß heute noch viele jüdische Familien in Adrianopel griechische Namen führen und auch griechisch sprechen. Es existiert auch eine griechische Synagoge in der Stadt, in der alle Gebräuche dier griechischen Juden vorherrschen. Unter der byzantinischen ffernschart hatten die Juden in Adnianopel unter dem Hasse der Herrscher und der Bevölkeru'mg viel zu feiden. Seit der Einnahme der Stadt durch die Türken im Jahre 1361 verbesserte sich jedoch ihre Lage und iwifrer der freundlichen Sonne religiöser und politischer Rechte konnte die Ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.