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Neue Nationalzeitung · 1912-11-22 · Heft 23 (22.11.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 23 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 blutgetränkten Pfaden die Leichen der hingemordeten Juden Polens mit sich schleppten, bedeutet die furchtbare Verkörperung des Wahns Betörter und Betörender____ Die spanische Sprache gewann naturgemäß in Sakmichi das Uebergewicht durch die aus der Halbinsel zur Zeit Ferdinands des Katholischen Vertriebenen, die sich in der gastlichen Stadt niederließen und hier die Gemeinden von Aragonien, Katalonien, Kastilien, Sizilien gründeten. Ihre Gebethäuser bestehen noch heutigen Tages. Don Isaak Abrabanel, der große Gelehrte und Finanzminister Isabellas von Kastilien, hat in seinem Werke „Quellen des Heils" LMaajne Hajeschujah") in ergreifender Weise die Auswanderer Judas aus Spanien geschildert, die sich ein neues Heim suchen mußten und es meist in den neu eroberten türkischen Provinzen fanden. Aber es gab, als die sephardischen Flüchtlinge nach Adrianopel und Salonichi kamen, in diesen Städten auch deutsche (Aschkenasische) Gemeinden, die, in Gegensatz zu den Sephardim sich stellend, ihre Riten und Gebräuche bewahrten. Sie hatten ihr eigenes Beth-Din (Gerichtshof). Zu den Häuptern dieser Gemeinden gehörten, nach Rosanes, außer Rabbi Benjamin, Sohn des Rabbi Meir Halewi aus Nürnberg, der ursprünglich das Oberhaupt der deutsehen Gemeinde in Sofia war und ein deutsches Macbsor ums Jahr 1599 drucken ließ, Rabbi Simeon aus Frankfurt, Verfasser des „Sepher Jalkut Schimeoni" und sein Sohn Elieser. Dies scheint auf einem Irrtum zu beruhen. Sicher ist, daß diese großartige Midrasch-Kompilation, bekannt unter dem Namen „Jalkut Schimeoni", in erster Ausgabe in Salonichi 1521, 1527, erschien. Hier wird der Verfasser als Simon, der Darschan, bezeichnet. Die zweite Ausgabe (Venedig 1566) nennt ihn R. Simon, Haupt der Darschanim, aus Frankfurt. Das Werk selbst ist wahrscheinlich am Anfange des 13. Jahrhunderts entstanden. Die ersten Deutschen, die nach Salonichi kamen, stammen aus Bayern. Sie kamen aber erst dahin zu der Zeit, da Adrianopel noch Residenz der Sultane war, ums Jahr 1419, 1420, und sich auch in diese Stadt viele Deutsche, teils freiwillig, teils durch die Macht der Verfolgungen genötigt, begaben. Es ist allgemein bekannt, daß es Juden waren, die zuerst die Bedeutung der Buchdruckerkunst erkannten und auch in den türkischen Städten Buchdruckereien errichteten. In Salonichi erstand die erste jüdische Buchdruckerei im Jahre 5270, d. i. also vor 403 Jahren. Allerdings bestand diese nicht lange. Wir haben bereits gehört, daß hier der „Jalkut Schimeoni" in erster Ausgabe erschien. Aber schon im Jahre 5175 war in dieser Stadt ein ungemein wichtiges und bedeutungsvolles Werk herausgegeben worden, das August Wünsche durch seine vortreffliche deutsche Uebersetzung der gebildeten Welt zugänglich machte: es ist dies die unter dem Namen „F n J a k o b" („Auge Jakob") bekannte Zusammenstellung der Hagadas, besonders aus dem babylonischen Talmud, deren Urheber Jakob i b n Chabib ist. Dieser, aus Zamora in Spanien stammend, kam mit seinem Sohne Levi nach der Vertreibung aus Spanien zuerst nach Portugal und, nachdem sie eine Zeitlang als Scheinchristen gegolten, nach Salonichi, von wo der Sohn später seinen Sitz nach Jerusalem verlegte. Der „En J a k o b" wurde, wie Jakob in der Einleitung zu seinem Werk selbst bemerkt, erst in Salonichi in Angriff genommen, nachdem er den Plan gefaßt hatte, alle Midradschim und Agadas, die sich im Talmud zerstreut finden, zu sammeln. Da es ihm aber an den nötigen Büchern mangelte, so dankt er dem Herrn, daß er ihn nach Salonichi gebracht habe, wo er alle Bücher, deren er zu seinem Werke bedurfte, in dem Hause seines Gönners, aus dem Hause Ben veniste, vorfand. Er nennt diesen edlen Mäzen: Don Juda, Sohn des Fürsten (Nassi), des frommen &on Abraham Benveniste. Rabbi Jakob vollendete sein Werk nicht. „Denn der Herr hatte sich", wie sein Sohn Rabbi Levi mit schöner Anspielung sagt, „Jakob erwählt." Im Jahre 5275 war er gestorben. Sein Sohn setzte das Werk des Vaters fori und führte es seinem Ende zu. Im Jahre 5276 erschien der zweite Teil des Werkes, das der Sohn liebevoll beendet und mit rührenden Worten der Pietät für seinen gelehrten Vater, die sich an „das Haus Jakob" wenden, eingeleitet hatte, in Konstantinopel. Außer dem Hauptwerke „En Jakob", das auch heute noch ein unentbehrliches Hilfsmittel für den Midraschforscher ist, hinterließ der „Choteb" — also w ird Jakob ibn Chabib in seinem Werke gewöhnlich angeführt, — noch viele Schriften, die im Drucke nicht erschienen und die von Rabbi Josef Karo, dem bewunderungswürdigen Verfasser des „Beth Josef4, in diesem seinem Werke, aus dem der „Schulchan Aruch" hervorging, zitiert werden. In dieser Zeit lebte und wirkte in Salonichi Rabbi Salomoh Halewi, der mit seinem Sohne Rabbi Jizchak sich hier niedergelassen hatte. Er kam in diese Stadt ums Jahr 1497 aus Portugal. Vieler Sprachen mächtig, in der Philosophie bewandert, bewährte er sich besonders in der Arzneikunde, die er als sein Lebenswerk übte. Von den Vertriebenen Portugals wäre noch zu nennen Rabbi Josua ibn Schoeb, der an jedem Sabbathe und an den Festtagen predigte. So war es in den Gemeinden der Sephardim und Portugiesen damals Brauch. Wir sehen demnach, wie diese Stadt, in der jetzt die verschiedensten Zweige der Industrie betrieben werden, im 16. Jahrhundert der Sitz idealer Gelehrsamkeit war, und hier nicht allein talmudische, sondern auch andere Wissenschaften durch hervorragende Männer zur mächtigen Blüte gebracht wurden. Auch das 17. Jahrhundert ist ungemein reich an Männern, die auf den verschiedenartigsten Gebieten der Wissenschaften sich hervortaten, und Salonichi mit Recht zu dem Ehrennamen einer „Mutter in Israel" verhalfen. Aus der großen Fülle leuchtender Gestalten will ich einige hervorheben. Einer altberühmten Familie entstammt David ibn Schoschaa. Bewandert im Talmud, aber auch in Philosophie und Astronomie, besaß er eine solche umfassende Kenntnis des mohammedanischen Rechts, daß selbst türkische Richter und Gelehrte ihn aufsuchten, um in schwierigen Fragen seinen Rat zu hören. Zunz, i'h seinem Werke „Zur Geschichte der Literatur", erzählt von ihm. Es zog ihn später nach Konstaritinopel, w© er in hohen Ehren stand. Dort starb dieser Gelehrte, dem seine Schätze das Augenlicht, dessen er beraubt war, nicht geben könnten. Aus Salonichi stammte auch der ums Jahr 161$ geborene David Conforte. Er war aus einer

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