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Neue Nationalzeitung · 1912-11-22 · Heft 23 (22.11.1912) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 23 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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nsie MCiONAL-ZEiOJNG XIV. Jahrgang, Wien, 22 November 1912. Zur Geschichte der Juden in Salonichi. Von Professor Dr. Max G r ü n f e i d. Nr. 23. Im Qermanisclieii Museum zu Nürnberg findet sich die älteste Abbildung türkischer Krieger aus der Zeit Kaiser Friedrichs III., aus jenen Tagen, da die Türken, zum Schrecken von ganz Europa, unter ihren Sultanen Mahmud I., Murad II.. Muhammed 11. die Balkanlialbinsel und schließlich auch Konstantinopel (1453) eroberten. Nahezu ein halbes Jahrtausend ist seitdem vergangen. Und jetzt sehen wir, wie sich das große weltgeschichtliche Drama vor unseren Augen abspielt, daß die ehemaligen Sieger, nach beispiellosen Niederlagen, wieder auf den alten Boden zurückgeworfen werden, von dem sie kamen. Die Weltgeschichte ist wieder einmal zum Weltgerichte geworden. Leicht wurde den Türken die Eroberung der Balkanhalbinsel, diese Stätte griechischer Kultur im Altertum und Mittelalter, nicht gemacht. Richten wir unser Augenmerk auf das alte Thessaloniche. Dreimal wurde diese, zur Zeit des großen Alexander gegründete Stadt, von den Türken erobert, unter den Sultanen Murad 1., Bajased I., Mahmud I., dreimal fiel sie wieder in die Hand der Griechen zurück, bis sie endlich, unter Murad II., am 29. März 1430, zum vierten Male von den Osmanen, für immer, unterworfen wurde. Der 9. November 1912 bildet das historische Datum, welches dem aufhorchenden Europa verkündete, daß die alte Thessaloniche, welche die Türken Silanik oder Salonik benannten, wieder den Griechen zurückgegeben worden sei. Und die Stadt Piatos, die Residenz des Kopenhageners, illuminierte aus diesem Anlasse. Sie hat Grund dazu. Seit uralten Zeiten bestand in Salonichi eine jüdische Gemeinde. Wissen wir dies doch aus den Briefen des Apostels Paulus, die er an diese sandte. Wie Rosanes in seiner hebräisch geschriebenen „Geschichte der Juden in der Türkei" (Thogarma, nach Gen. X, 3) berichtet, gab es zur Zeit der Eroberung der Stadt durch die Osmanen zwei Gebethäuser in dieser, das eine „Baum des Lebens", das andere „Baum der Erkenntnis" benannt. Man sieht, es scheint der Judenschaft im alten Thessaloniche nicht an religiösem und poetischem Empfinden gefehlt zu haben. In der Tat, als „eine Stadt und Mutter in Israel" wurde schon damals Salonichi gerühmt, und sie ist es bis auf unsere Tage geblieben, eine Zufluchtsstätte für die vertriebenen russischen Juden in unserer Gegenwart ebenso wie dereinstens für die Unglücklichen, die in dem verhängnisvollen Jahre 5252 (1492) die Gefilde Spaniens verlassen mußten, ein Asyl aber zugleich auch für die Vertriebenen aus JDeutschland, Italien. Sizilien und Polen und anderen Ländern. Eine „Mutter in Israel" war und blieb diese ehrwürdige Stadt, die mit Liebe und Mitleid die verlasseneu Kinder stets willig aufnahm. Samuel Usque. der Dichter und Geschichtsschreiber, der, aus Portugal stammend, um 1553 in Ferrara sein Buch „Trost für die Trübsal in Israel" drucken ließ, hat schöne Worte für diese Mutter gefunden, die sich der Mutter Jcrusalem vergleichen läßt. Bald wurde die spanische Sprache die herrschende unter den Juden Salonichis. Talmud, Astronomie, Philosophie wurden von den Sephardim gepflegt; vor allem aber die Kabbalah, die Mystik, die im 16. und 17. Jahrhundert oft die hellsten Köpfe in Israel in ihren Bannkreis zog, die mit ihrem nebelhaften Dunkel die Denker verzückte und den Ausblick auf eine paradiesische, messianisehe Zeit eröffnete. Joseph Taytasak, Samuel Franco waren die Hauptvertreter dieser Richtung, die in übersehwänglichen Hoffnungen sich wiegte, in Hoffnungen, die so erbarmungslos zerstört wurden. Sabbatai Zebi, der in den Jahren auftrat, da die Horden Chmielnickis auf

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