Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 22 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Die Assentierung. Von Scholem Aleichem. „Von wannen ich fahr? Ach Weh ist mir: Ich fahr von der Assentierung. Das dort ist mein Sohn, der junge Mann, der da ausgezogen auf der Bank liegt. Mit ihm fahr ich von Jehupe^. Bin beim Advokaten gewesen, mit ihm zu beraten, und auf dem Wege habe ich bei Professoren gehorcht, was sie etwa sagen möchten. Eine Assentierung hat mir Gott zugeschickt! Viermal habe ich dort gestanden und bin noch nicht fertig. Und gerade er ist ein einzigdiger Sohn, der einundeinzigdige, ganz echt, wahrhaftig, koscher, mit einem vollkommenen Militärbefreiungs-Privileg . . . Was kuckt ihr mich an? Ihr glaubt nicht? Ihr mögt zuhören, mögt ihr! Das Begegnis von der Geschichte ist nämlich die Mahsse:*) Ich selbst bin ein Meseretscher von Meseretsch. Geboren bin ich in Masepewka und zugeschrieben bin ich in Worotiliwka. Einmal bin ich nämlich — nicht gedacht soll es heute werden! — in Worotiliwka ansässig gewesen. Heute aber wohne ich in Meseretsch. Wer ich bin und wie ich heiße, macht Euch wohl nicht viel aus, meine ich. Doch meines Sohnes Namen muß ich Euch sagen, denn das gehört zur Hauptsache, sehr sogar. Er heißt l£ig, das heißt Awrohom Jii?chok, aber man ruft ihn Alterchen. Den Namen hat sie ihm gegeben, meine Frau, sie soll gesund sein, weil er ein Angstkind ist, ein einzigdiger, ein einundeinzigdiger. Das heißt, wir hatten außer ihm noch einen Jungen gehabt, um ein Jahr oder anderthalb Jahr jünger als jener, ihm zu längeren Jahren. Eisik hat er geheißen, Eisik. Ist ein Unglück gekommen. Man hat ihn, nämlich Eisik einmal allein gelassen — ich bin damals, es soll nicht gedacht werden, noch ein Worotiliwkaer gewesen, das heißt, ich hatte mich in Worotiliwka ansässig gemacht — und da hat er, nämlich Eisik, sich niedergesetzt und ist unter den Samowar gekrochen und hat den siedigen Samowar — nicht für Euch soll es gedacht werden — auf sich gegossen und sich zu Tode gebrüht — jenem zu längeren Jahren. Von der Zeit an ist er, h)ig nämlich, das heißt Awrohom Jifcchok, unser einzigdiger gewesen, und sie hat ihn verzogen, meine Frau, sie soll gesund sein, und hat ihm den Namen Alterchen gegeben. Werdet Ihr fragen: Wie heißt? Ein Einzigdiger ein Einundeinzigdiger, was hat der mit der Militär- Gestellung zu tun? — Hört nur, das ist doch eben mein ganzer Verdruß! Ihr glaubt vielleicht, er ist, Gott soll hüten, ein gesunder Jung, wie es einmal vorkommt bei Kindern, die im Ueberfluß aufwachsen. Seid ihr auch im Irrtum! Nicht zwei Groschen möchtet Ihr für Ihn geben. Ein Versehnis ist er, ein kranker Jung. Das heißt, krank, Gott soll hüten, ist er auch eigentlich nicht;aber gesund ist er gewiß nicht. Schade er schläft je£f, ich will ihn nicht wecken. Wenn er aufsteht, werdet Ihr sehen: ein Schatten von einem Menschen, Haut und Knochen, lang und schmal, ein Gesicht, wie die ausgespiene Feige, die Rebi Zadok verschluckt hat, und eine Gestalt — Steins geklagt! *; Sache. — dünn wie ein Lulew, im ganzen nach ihr geraten, nach meiner Frau, sie soll gesund sein, auch hochgeschossen und mager. Nun frage ich Euch: brauche ich etwa an eine Militär-Gestellung zu denken, so lang und dünn wie er ist. Und tauglich ist er auch nicht, und ein Befreiungsprivileg hat er! Es ist zur Militär-Gestellung gekommen. Wie heißt „Befreiungsprivileg4*? Was ist mit dem Befreiungsprivileg? Es fängt sich gar nichts an. Und was war die Ursache? Ganz einfach: mein anderes Jüngelchen, Eisik, der sich als Kind — nicht für Euch soll es gedacht sein! — mit dem Samowar zu Tode gebrüht hat, war nicht in der Matrikel gestrichen worden; man hatte es vergessen! man hatte es vergessen! Bin ich hingelaufen zum Kronsrabbiner, dem Schaute, und habe geschrien: „Halunke, Spifcbube, was habt ihr getan? Warum habt ihr meinem Eisik nicht ausgestrichen? Fragt mich der Narr: Wer ist der Eisik gewesen? — Wie heißt? frag ich, Ihr wißt nicht, wer Eisik ist? mein Sohn Eisik, der den siedigen Samowar über sich gegossen hat? — Was für Samowar? fragt jener. — Guten Morgen, sag ich; ein guter Kopf auf Euch! So ein Kopf ist gut, Nüsse darauf zu knacken! Wer kennt nicht die Geschichte von meinem Eisik, der sich mit dem Samowar zu Tode gebrüht hat! Ich verstehe nicht, was Ihr für ein Rabbiner in unserem Städtchen seid. Mit Schales*) kommt man nicht zu Euch, dafür ist ein Row da, lang soll er leben — sollet Ihr wenigstens Achtung geben auf die Gestorbenen! Zu was hat man Euch und Euere Taxen?. — Endlich stellt sich heraus, ich habe den schönen Row ganz umsonst heruntergemacht; denn die Geschichte mit dem Samowar war gar nicht in Meseretsch passiert, sondern zu der Zeit, wo wir — nicht gedacht soll es heute werden — in Worotiliwka gewohnt haben. Das war mir ganz wie aus dem Kopf herausgeflogen. Kurz — was soll ich Euch erzählen! — ich habe mich gerührt und umgetan, Papiere her, Papiere hin — mein Awrohom Jizchok, das heißt l£ig, den man Alterchen rufty war um sein Privileg gekommen. Das ganze Privileg war fort. Ach und Weh und Gewalt! Denkt Euch: ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ganz echt, wahrhaftig, koscher, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg — und keine Spur von einem Privileg! Nun geh und schrei um Hilfe und Erbarmen — aus! verfallen! Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Geht mein Alterchen, das heißt Ifcig, und zieht die höchste Losnummer 699! Die Militärkommission hat sich gewiegt vor Freude. Der Vorsitzende selbst hat ihm einen Stoß in die Rippen gegeben und hat gerufen: Bravo, l£ig, tüchtiger Junge! Die ganze Stadt hat mich beneidet. Nummer sechshundertneunundneunzig! Was für ein Glück! Masel tow, masel tow! Mit Masel sollt Ihr leben! Genau als wenn ich mit dem großen Los von 200.000 Rubel herausgekommen wäre! Aber unsere Jüdchen! . . . . Wie man ist gekommen zur Untersuchung, sind auf einmal alle wüste, *) Ritualfragen.