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Neue Nationalzeitung · 1912-11-08 · Heft 22 (8.11.1912) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 22 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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beite 12 Nr. 22 finstere Krüppel geworden. Der hat den Fehler gehabt, jener hat plötzlich zu hinken angefangen, einem andern war es auf die Augen gefallen, der hat das Pfeifen bekommen, bei jenem hat sich eine Wunde aufgetan, bei wieder einem hat sich, mit Respekt zu sagen, ein Aussät? auf dem Kopf gezeigt. . . Kurz — was soll ich Euch lang erzählen —, man ist bis zu meines Sohnes Nummer gekommen, und mein h)ig, das heißt Alterchen, hat sich nebbig gemußt zur Aushebung stellen. Bei mir in der Stube hat sich ein Gewein erhoben, ein Gewein und Geschrei. Finsterkeit! Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochfer fällt in Ohnmacht. Wie heißt? Wo ist das erhört gewesen! Ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg, und kein Stückchen Privileg! Und er, das heißt mein Sohn, ist ganz gleichgültig, als ginge die Sache ihn nichts an. „Was wird sein mit Kol jisroel, wird sein mit Reb Jisroel* sagt er. Nur der Magen zittert ihm dabei. Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Der Doktor betrachtet meinen h}ig, das heißt Alterchen, mißt ihn aus in der Länge und in der Breite, beklopft ihn, bekuckt ihn, dreht ihn her und hin und sagt: ,.Er taugt nicht, der Hund", das heißt er taugt schon, nur zum Soldaten taugt er nicht. Er mißt keine drittehalb Werschok in der Breite..... Wieder einmal eine Freude, ein Jubel: Masel tow, masel tow! Mit Masel sollt Ihr leben! Die Familie ist zusammengekommen, man hat einander Jechajim"*) zugerufen, man hat Gott gedankt, man war die Gestellung los t Aber unsere Jüdchen! . . . Meint Ihr, es hat sich nicht ein Scheikez**) gefunden, der bei der Regierung angezeigt hat, ich hätte „geschmiert"? Was soll ich Euch sagen — noch nicht zwei Monate vorüber, kommt ein Papier, worin mein It?ig, das heißt Alterchen, gebeten wird, er soll noch einmal zur Gestellung in die Gouvernementsstadt kommen, zur „Revision" heißt man das. Wie gefällt Euch die Mahße? Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht. Wie heißt I Wie heißt! Zweimal zur Gestellung ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg! Kurz — was soll ich Euch erzählen! — wenn man zur Regierung gerufen wird, darf man nicht ausbleiben, muß man fahren. Sind wir zur Regierung gefahren. Bin ich herumgelaufen hin und her. Vielleicht hilft das Verdienst der Väter, ein gutes Wort, das, jenes. Geh, schrei! Ich erzähle einem die Geschichte — ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, und nicht einmal gesund. — Der erhebt ein Gelächter. — Und mein Sohn? — Man hat schon schönere begraben, sagt er, eine Revision ist eine Lotterie, die reine Lotterie! Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Man hat meinen h)ig, das heißt Alterchen, hineingeführt zu der Regierungsrevision und hat wieder von vorn angefangen, ihn zu befrachten in der Länge und in der Breite, hat ihn wieder beklopft und bekuckt, gedreht hin und her. Was? Steins ge- *) Zum Wohlsein. **) Scheusal. klagt! „Taugt nicht, der Hund?-' Das heißt, taugen taugt er schon, nur zum Soldaten taugt er nicht. Einer hat widersprochen und gesagt „tauglich". Hat der Doktor geschrien: „nrcht tauglich". — Der sagt „tauglich", der sagt ,.nicht tauglich", tauglich, nicht tauglich, hin und her, bis der Gouverneur selbst sich von seinem Bänkchen erhoben hat, herankommt und sagt: „Garz und gar nicht tauglich", daß heißt, er taugt auf 99 Kapores. — Hab ich sofort weggeschickt eine Depesche nach Haus in verstellter Sprache: „Masel tow, die Ware ist für vollkommen unbrauchbar erklärt." Jet?t muß ich noch einmal zu der Zeit zurückkehren, wo ich — nicht gedacht soll es heute werden in Worotiliwka ansässig gewesen bin, und mein lp\g, das heißt Alterchen, noch ein ganz kleines Kind gewesen ist. Kommt da eine Geschichte, etwas wie eine Revision in der Stadt. Von Stube zu Stube ist man herumgegangen und hat aufgeschrieben von jedem, Klein bis Groß, wie er heißt und wie alt er ist, wieviel Kinder er hat, ob Jungen oder Mädchen, und wie man sie ruft. Ist man auch zu meinem h)ig gekommen fragen, wie man ruft ihn. Sagt meine Frau, sie soll gesund sein : „Alterchen". Jener ist zufrieden und geht und schreibt auf: „Alterchen". Genau ein Jahr nach der Militärgestellung kommt eine neue Schickung: man sucht meinen Sohn Alterchen; er soll, Gott erbarme sich, zur Gestellung kommen in Worotiliwka. Hab ich denn geträur.-.t iene Nacht und diese Nacht und das ganze Jahr hindurch! Kurz — was soll ich Euch erzählen! — man ruft h)ig, das heißt Alterchen noch einmal zur Gestellung. Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht. Ist so etwas je erhört worden Eck der Welt zu Eck der Welt, daß ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigder, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg, dreimal zur Gestellung kommen muß! Nun sieh du zu, red türkisch, red tartarisch! Was tut man da? Bin ich hingelaufen zu unserer Gemeinde, habe Gewalt geschrien, daß zehn Juden sollen beschwören und schriftlich geben, daß sie wissen, daß l£ig ist Awrohom Jh)chok, und Awrohom Jit^chok ist Alterchen, und daß Alterchen und h)ig und Awrohom Jh)chok alle zusammen ein Mensch sind. Das Papier habe ich bekommen und bin damit nach Worotiliwka gegangen. Dort trifft mich ein Jüd Reb Jossei, und fragt mich: „Was tut Ihr hier?* Will ich ihm doch nicht sagen — wozu auch; es ist schon besser, er weiß es nicht — sage ich ihm: „Ich habe zu tun mit einem Edelmann." — „Wegen was?" fragt jener. — „Wegen Kleie" sag ich. „Ich habe Kleie gehandelt und habe Handgeld gegeben. Nun habe ich keine Kleie und kein Handgeld; verfallen die Kuh mit dem Kalb!" — Nun gehe ich in die Militärkommission. Wie ich hereinkomme, treffe ich einen Schreiber. Dem gebe ich das Papier. Der liest das Papier und wird ganz wild, der Schreiber nämlich, und schmeißt mir mit Gewalt das Papier ins Gesicht, behütet und bewahrt soll man werden! „Geht zu allen Teufeln mit Euren Namen und Euren jüdischen Faxen! Ihr wollt Euch nur um die Gestellung drücken, verdammte Juden! (Fortsetzung folgt.)

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