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Neue Nationalzeitung · 1912-11-08 · Heft 22 (8.11.1912) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 22 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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__Nr. 22 ___________________ ______,,NgiLe_Natii Russische Kaufleute gegen die Judenverfolgungen in Rußland. Die jüngste Protestkundgebung der Moskauer Industriellen und Fabriksbesitzer beansprucht ein ganz ungewöhnliches Interesse, um so mehr, wenn sie Regierungsmaßnahmen offen verurteilt, was hier niemand unnötigerweise tut, gewiß aber am wenigsten die Vertreter eines Standes, der einstweilen wesentlich auf die wohlwollende Förderung des Staates angewiesen ist. Der Vorsitzende der Moskauer Industriellen, Q u s h o n, hat kürzlich an den Ministerpräsidenten eine Eingabe über die Beschränkung der Rechte der Juden gerichtet, deren Inhalt besser als Hunderte einzelner Meldungen über die amtliche Judenhetze geeignet ist, dem Ausland ein Bild der gegenwärtigen Lage zu geben. Die Eingabe verweist zunächst darauf, daß sich in letzter Zeit Fälle von Ausweisungen jüdischer Handwerker und Kaufieute aus den Städten der „inneren Gouvernements" und den Dörfern des Ansiedlungsbezirk£s außerordentlich vermehrt haben. Juden, die seit Jahrzehnten unbehelligt unter den Augen der Behörden lebten, wurden ausgewiesen und oft noch ihre Ware konfisziert. Die Behörden legen die Gesetze immer zu Ungunsten der Juden aus, stützen sich auf die oft widerspruchsvollen Senatsinterpretationen und auf ihre eigene Willkür. Wenn aber lang ansässige Kaufleute ausgetrieben werden, so bedeutet dies für die ganze Volkswirtschaft und namentlich die Interessen der Kaufmannschaft eine sehr ernste Gefahr. Die Eingabe will die rechtliche und politische Seite der Frage nicht prüfen, um so dringender aber auf den Schaden hinweisen, der auch der russischen Industrie durch die judenfeindlichen Maßnahmen droht. In den vertriebenen Juden verlieren Handel und Industrie begabte und erfahrene Vermittler, sie erleiden aber auch einen unmittelbaren Sachschaden, da die Zahlungen der Vertriebenen oft eingestellt, zum mindesten aber verzögert werden. Vor allem bedeutet die Konfiskation der Waren jüdischer Kaufleute gewöhnlich eine Schädigung des Lieferanten, der sie auf Kredit geliefert hat. Abgesehen von der Ausweisungspolitik hat die Verwaltung in den letzten Jahren auch außerordentliche Maßnahmen zur Beschränkung der Reisetätigkeit jüdischer Kaufleute getroffen, die gesetzlich das Recht haben, jedes Jahr zu Geschäftszwecken sich einige Monate lang außerhalb des Ansiedlungsbezirkes aufzuhalten. (Die Dauer des Aufenthaltes hängt von der Höhe der von dem jüdischen Kaufmann bezahlten Gildensteuer ab.) Vor allem sucht man ihnen den Aufenthalt auf den Dörfern unmöglich zu machen, wo die Juden oft ihre Waren einkaufen müssen. So hat der Moskauer Gouverneur lal-Zeitung" Sehe 7 vor anderthalb Jahren verboten, die Juden auch nur einige Stunden außerhalb der Städte bleiben zu lassen. Der Bericht weist ferner auf die Einschränkungen hin, die der Gouverneur von Nishni- Nowgorod gegen die an der Messe teilnehmenden Juden traf und auf die vor einigen Monaten erlassenen Bestimmungen über die Registrierung der Dauer des Aufenthaltes jüdischer Kaufleute und ihrer Angestellten außer dem Ansiedlungsgebiet. Auch diese Bestimmungen haben sich zu neuen Beschränkungen der Bewegungsfreiheit herausgebildet. Der Bericht weist darauf hin, daß solche Beschränkungen großer Teile der Bevölkerung für das ganze Reich verderblich sein müssen. Nach der amtlichen Statistik bilden die Juden ein Viertel der städtischen Bevölkerung im ganzen europäischen Rußland und sogar ein Drittel der ganzen Kaufmannschaft. Im Nordwesten steigt dieses Verhältnis noch bedeutend. Da die Juden in Rußland die Funktion von Vermittlern zwischen dem Hersteller und dem Verbraucher aller Waren ausüben, haben sie im Nordwesten, Süden und Südwesten, wo sie zahlreich vertreten sind, diese Funktion fast ausschließlich in ihren Händen. Die künstliche Fernhaltung der im Handel tätigen Bevölkerung vom Mittelpunkte der Industrie bedeutet daher einen ^ewaHisen Verlust nicht nur für die jüdischen Kaufleute, sondern für die viele Millionen zählende nichtjüdische Bevölkerung des Ansiedlungsbezirkes, die ihren ganzen Warenbedarf aus jüdischen Händen bezieht, und auch für die von der Großindustrie abhängigen Klassen, die einen bedeutenden Teil ihrer Arbeitsprodukte durch Vermittlung der Juden auf den Markt bringen. Die Bewegungsfreiheit der jüdischen Kaufleute einschränken heißt den Blutkreislauf in einem lebenden Körper unterbinden. Die Gesellschaft der Moskauer Industriellen, die zur Wahrung der Interessen der russischen Industrie berufen ist, hält es für ihre Pflicht, auf diese Verhältnisse hinzuweisen, die zwar schon lange bestehen, die aber in der letzten Zeit eine äußerst drückende Gestalt angenommen haben. Viele jüdische Firmen haben sich infolge der unerträglichen Lage aufgelöst. Zum mindesten fordert die Gesellschaft einen Aufschub im Vollzug weiterer Ausweisungen, da die Realisierung der Ernte das ganze geschäftliche Leben anregt und in diesem Augenblick die Störung besonders schwer empfunden wird. Ferner wünscht sie die Zulassung aller Juden zu allen Messen, auch zu der von Nishni- Nowgorod, während der ganzen Dauer der Messe, und die Aufhebung der Kontrolle der Geschäftsreiser jüdischer Kaufleute.

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