Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 22 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 22 Die jüdischen Schulen in Bulgarien. Die sensationellen Erfolge der bulgarischen Armee lenken auch die allgemeine Aufmerksamkeit auf die dortigen Juden. Ihre Verhältnisse sind bisher der europäischen Oeffentlichkeit und selbst den gebildeten Kreisen sehr wenig bekannt. Als besten Beweis führen wir die Tatsache an, daß am Tage des Erscheinens unserer letzten Nummer die Redaktion eines sehr verbreiteten Wiener Blattes bei unserer Redaktion anfragte, ob die Juden in Bulgarien unter ähnlichen Beschränkungen zu leiden haben wie in Rußland. Wir waren in der angenehmen Lage, auf die Ausführungen unserer letzten Nummer verweisen zu können. Damit sind aber die Mitteilungen über die Lage der Juden in Bulgarien nicht erschöpft. Hier einige Daten über ihre Schulen: So lange Bulgarien eine türkische Provinz war, hat es dort überhaupt keine jüdischen Schulen gegeben. Nur in manchen Orten wurden von Privatlehrern das hebräische Alphabet und ein wenig Pentateuch gelehrt. Der Pentateuch wurde ins Spaniolische übersetzt, da die Mehrheit der bulgarischen Juden das Spaniolische als Umgangssprache pflegte. Damit war aber auch ihr ganzes jüdisches Wissen erschöpft. Die Frauen lernten auch das nicht, so daß heute die ganze ältere Generation der jüdischen Frauen weder lesen noch schreiben kann. Im Jahre 1869 entschloß sich erst die Pariser „Alliance", jüdische Schulen mit französischer Unterrichtssprache zu eröffnen, welche auch tatsächlich großen kulturellen Nutzen den bulgarischen Juden gebracht haben. Allmählich gingen sie selbst daran, auch eigene Schulen mit bulgarischer Unterrichtssprache zu schaffen; in den kleinen Gemeinden, wo sie nicht die Mittel hatten, eigene Schulen zu errichten, mußten sie eben die allgemeinen Schulen besuchen. Da jedoch die Frequentanten der Alliance- Schulen das Bulgarische nicht kannten, so wurde immer mehr die Forderung laut, daß auch die Allianzschulen die bulgarische Unterrichtssprache einführen. Infolge der immer mehr zunehmenden zionistischen Bewegung wurde an die „Alliance" auch die Forderung gestellt, daß ihre Schulen die jüdischen Disziplinen mehr berücksichtigten. Da die „Alliance" jedoch diesen Anforderungen nicht entsprechen wollte, so entwickelte sich eine Agitation nach der Richtung, daß die „Alliance"-Schulen von den Gemeinden übernommen werden. Dabei wurde angenommen, daß die Regierung durch eine entsprechende Subvention diesen Uebergang erleichtern wird. Es scheiterte dies jedoch an dem Widerspruche des Großrabbiners Dr. Ehrenpreis, welcher sich bei der Regierung diesen Bestrebungen widersetzt hat. Es hatte dies zur Folge, daß zwischen Dr. Ehrenpreis, der selbst einmal Zionist war, und der zionistischen Partei ein scharfer Konflikt ausgebrochen ist, der noch immer fortdauert. Die Allianceschulen und der Balkankrieg. Ueberblicken wir die zahlreichen Schiachten, die die Türken mit ihrem vierfachen Feinde auszukämpfen hatten, lesen wir die Namen aller Orte, die von den siegreichen Armeen erobert und besetzt werden, so erinnern wir uns nur allzuoft, diese Namen im Jahresbericht der Pariser „A 1 - 1 i a n c e" schon gesehen zu haben. Es war eine schöne, friedliche Arbeit, die hier die „Alliance" geleistet hat; in den jüdischen Gemeinden hat sie Schulen errichtet und erhalten, um die jüdische Bevölkerung der Türkei kulturell zu heben und der westlichen Zivilisation näherzubringen. Wir lesen hier Namen wie K i r k k i 1 i s s e, Adrianopel, Monastir, Preveza, Rodosto, Saloniki, Tschorlou, Ues küb usw. Sie alle haben eine jüdische Bevölkerung, die nun durch die Schrecken und Greuel des Krieges dem größten Elend preisgegeben wurden. An Stelle der türkischen Herrschaft soll eine andere Macht treten. Wird diese die .,Allianee"-Schulen wie bisher gewähren lassen? Der Jahresbericht der „Alliance" gibt auch Aufschluß über die jüdischen Bewohner der genannten Städte. In A d r i a n o p e 1, das von den Bulgaren belagert und beschossen wird, wohnen 17.000 Juden. Hier besteht eine Knabenschule mit 1077 Schülern und eine Mädchenschule mit 627 Schülerinnen. In K i r k k i Ii s s e, wo die Türken von den Bulgaren überrumpelt wurden, befinden sich 1200 Juden; hier besteht bloß eine Mädchenschule mit 120 Schülerinnen. In U e s k ü b, wo König Peter seinen festlichen Einzug gehalten hat, wohnen 2000 Juden; hier finden wir eine Knabenschule und eine Mädchenschule, die zusammen von «350 Kindern besucht werden. Tschorlou, das beim Vormarsch der Bulgaren so viel genannt wurde, hat erst im Novem- 1911 eine „Alliance"-Schule erhalten. Sie wird von HS Schülern frequentiert. Die Stadt Monastir, die von den Serben rasch besetzt wurde, ist von 60U0 Juden bewohnt. Sie hat bereits im Jahre 1895 eine Knabenschule erhalten, die jetzt von 253 Schülern besucht wird. Die 1903 gegründete Mädchenschule hat 182 Schülerinnen. Die „Alliance" hat sich aber mit Volksschulen nicht begnügt; sie errichtet auch Handwerkerschulen, in denen Knaben und Mädchen einen Erwerb lernen. In Saloniki wurden sogar zwei solche Schulen errichtet; ihr Jahresaufwand beträgt zirka 28.000 Francs. Die türkische Regierung hat die „Alliance"- Schulen sehr wohlwollend behandelt; sie hatte das richtige Verständnis für die Wohltaten, die der jüdischen Bevölkerung dadurch erwiesen werden. Der Generalinspektor für das Unterrichtswesen rn den Wilajets Kossowo, Adrianopel und Saloniki, Kiazim Bey, hat auch anläßlich eines Schulbesuches in Adrianopel am 12. Dezember v. J. erklärt: „Ich habe alle Klassen besucht und kann die Lehrerinnen zu ihren Erfolgen herzlichst beglückwünschen. Wir danken der „Alliance" für die Wohltaten, die sie unseren Schulen erweist, und bitten die jüdische Gemeinde, die Mädchenschule generöser zu unterstützen." Heute ist die Schule vielleicht schon ein Schutthaufen.