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Neue Nationalzeitung · 1912-11-08 · Heft 22 (8.11.1912) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 22 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Neue NationaJ-Zeituiig' Da aber unsere s a ch I i ch s t e n, von alier Welt als tief begründet anerkannten Anklagen gegen das Kuratorium der Rappaport-Sfiftung in der geheimen Sitzung des Kultusvorstandes mit unglaublicher Verwegenheit ex cathedra zurückgewiesen wurden, haben wir uns gezwungen gesehen, die abgelegte Streitaxt wieder hervorzuholen. E. N. Adler: Die Juden in Saloniki. *) Ich kam am Freitag, den 23. September 1898, in Saloniki an und besuchte am Sonnabend die Synagoge, und zwar schon 20 Minuten vor sieben Uhr, aber der „Sepher" (Thora) wurde bereits gelesen. Am Morgen begannen die Bußgänge (Selichoth). und die ganze Andacht war um 3 Uhr früh beendet. Das Nachmittagsgebet (Minolta) dauerte den ganzen Vorabend des Versöhnungstages. Als ein Gegengewicht zu dem Uebermaße von Gebeten blickte der Olympus stirnrunzelnd zu meinem Fenster hinein und erinnerte mich daran, daß die ganze Welt ein großes Pantheon ist. In allen Synagogen und Bethäusern mit Ausnahme der asehkenasischen ließ man zwischen „Musaph" (Mittagsgebet) und „Mincha" (Nachmittagsgebet) eine Pause von zwei Stunden eintreten, während welcher Zeit sich einige Beter zu einer Siesta zurückzogen. Viele strömten in die Kaffeehäuser, die mit einer Menge Leute angefüllt waren, die aber weder rauchte]] noch tranken. Während des Gottesdienstes waren die Straßen leer. Mehr als die Hälfte der zirka 130.000 Einwohner von Saloniki sind Juden, und drei Viertel des gesamten Handels sind in ihren Händen. Alle Bootsleute des Haiens sind Juden, und an den Sonnabenden können die Dampfer weder einladen noch ihre Ladung löschen. Träger und Schuhmacher, Maurer und Seidenarbeiter, alle sind Juden. Die Talmud-Thoraschule liegt noch in Ruinen. Zwei hebräische Inschriften finden sich dort noch an ihrem ursprünglichen Platz am Brunnen des Hofes; es gelang mir, Photographien von ihnen aufzunehmen. Zwei andere sind nach dem Hause des Rabbiners geschafft worden. Eine ist von 1752 und die andere von 1642 datiert. Die letztere ist von besonderem Interesse, weil sie dem Andenken Noah Cohen Aschkenaris gewidmet ist. Für Saloniki gibt es eine interessante historische Tatsache. Als Sabbatai Zevi im Jahre 16ö(> die Köpfe orientalischer und anderer Juden verdrehte und so viel Aufregung hervorrief, daß sogar ') Die Kriegsereignisse am Balkan werden schwerlich ohne territoriale Aenderungeu zu Ende Rehen. Auf Saloniki mit der größten jüdischen (iemeinde des türkischen Reiches (zirka 80.000 Juden) erhebt Griechenland Anspruch, wiewohi die historischen Aspirationen Oesterreichs auf diesen Hafen alter sind. In Saloniki seihst werden Fremdenmassakers befürchtet, und haben die Zeitungen bereits von Judenpogroms berichtet. Ks wird unsere Leser daher gewill obige Schilderung aus dem Buche K. N. Adlers ..Von Ghetto zu Ghetto" besonders interessieren. Die R c d a k t i o u. Oldenburg, der Gründer der Royal Society, Spinoza schriftlich um seine aufrichtige Meinung über diesen sogenannten Messias befragte, wurden die Saloniker Judeu besonders stark von diesem Wahn ergriffen, und eine große Zahl trat mit ihren Helden zum Islam über. Sie wurden äußerlich Türken, und noch bis auf den heutigen Tag sind ihre Nachkommen — es soll von ihnen in der Stadt etwa 250 Familien geben — als „Donme" oder Oetaufte bekannt. Ich sah sie am Sonnabend rauchend vor ihren offenen Läden, man sagte mir aber, daß sie im geheimen Juden wären und zu Hause von den Riten alles hielten, was sie könnten. Sie verheiraten sich nicht mit Türken, von denen sie allerdings auch ziemlich argwöhnisch betrachtet werden. Ich redete einen von ihnen hebräisch an, er verstand mich augenscheinlich, bedeutete mir aber, daß er Türke sei. Einer von ihnen hatte auch an den Allianzsehulen ein Lehramt bekleidet, und seine Söhne besuchten die Schule. Ein Responsmn über die Donmes findet sich in den Aurzeichnungen R. Joseph Davids, des Grand- Rabbin, der im Jahre 1737 starb, und dessen Schriften drei Jahre später veröffentlicht wurden. Ein anderes Responsum über sie enthalten die im Jahre 1891 in Saloniki veröffentlichten Bücher, in denen Rabbi Raphael Samuel Arditi erzählt, wie er auf eine an ihn von „drei Gruppen der Getreuen" gerichtete Frage entschied. Die „Getreuen" werden jedoch an anderen Stellen als Ketzer (Minim) bezeichnet, und mir wurde auf das bestimmteste versichert, daß der Rabbi mit den „Getreuen" keine anderen als diese merkwürdigen Donme gemeint hat. Da wegen ungünstiger Winde kein direktes Schiff nach Athen ging, konnte ich eine Stunde in der Voloer Synagoge verweilen, mich dort eine Stunde lang mit Rabbi Mose Pesakh, dem Gemeindefaktotum, unterhalten und einen verstohlenen Blick auf die dortige Genizah werfen. Die Synagoge ist wie die Gemeinde erst 30 Jahre alt, und der große Papierkorb der Genizah also verhältnismäßig modernen Inhaltes. Ich fand dort eine Larissa „Kethubah" (Trauungsdokumeut) von 1851, Fragmente eines alteti Salonikcr Psalters, ein sephardisches Gebetbuch, in Ladiuo eine Geschichte Frankreichs(!) und ein Gedenkblatt zu Ehren des verstorbenen Dr. Mose Allatini, in dem beiläufig auch jener zwei anderen Saloniker Wohltäter, des Barons und der Baronin Hirsch, mit Lob und Dank Erwähnung geschehen ist. Die Porträts dieser beiden sah ich übrigens auch in mehreren Häusern in Saloniki. Von einem Krämer in Volo kaufte ich ein griechisches und hebräisches Gebetbuch und einen Band Aboth („Sprüche der Väter"), der im Jahre 1885 und 1880 in Korfu gedruckt war. Von Rabbi Mose hörte ich, daß es in Volo ungefähr 150 jüdische Familien gebe, und ebensoviele in Larissa, obgleich dort vor dem russisch-türkischen Kriege doppelt so viele gewesen wären. Die Larissaer Juden hatten von den Gebirgsbewohnern von Epirus wegen ihrer türkischen Sympathien zu leiden gehabt, wovon die Voloer Juden aber verschont geblieben waren. Volo ist ein Seehafen und hat Konsulate, und diesem Umstände verdankt es, daß es während der türkischen Besetzung vor jeglichem Schaden bewahrt blieb.

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