Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 22 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Man höre und staune: „Auf diesen Vorwuif- — so berichtet das Gemeindeblaii „verweist der Präsident auf das nachstehende Verzeichnis der bisher ausgeschriebenen Preisfragen, durch welches dieser unbegründete Vorwurf am besten widerlegt werden dürfte". Wirklich? Wie so?? Das Verzeichnis sämtlicher Preisfragen soll die ..unbegründeten" Vorwürfe aus der Welt schaffen! Sand in die Augen! Futter für Herdeninstinkte, die gä nend ein langes, nichtssagendes Fragenverzeichnis über sich ergehen lassen müssen und zustimmend aufatmen, wenn es endlich heruntergelesen ist. Was aber lehrt dieses Verzeichnis in Wirklichkeit? Es lehrt das diametrale Gegenteil von dem, was der Präsident seinen Jasagern einreden möchte! Es lehrt, dal? die Preisfragen bis vor etwa fünfzehn Jahren, wenn auch nicht einwandfrei, so doch halbwegs annehmbar und für gründliche und begabte Gelehrte lösbar waren, und auch zum großen Teil schlecht und recht gelöst wurden. Wie aber gestalten sich die Preisfragen von da ab? Auf der einen Seite — wie dies von Fachgelehrten nachgewiesen wurde — zu kaum zu bewältigenden, auf der anderen Seite zu feuilletonistischen Spielereien. Und dabei ist der Präsident des Kullusvorstandes so unglaublich unvorsichtig zu verraten, dal? das Interesse des Kuratoriums der Rappaport-Stiftung, oder vielmehr seines Drängers, keineswegs den wissenschaftlichen Preisfragen, sondern den feuilletonistischen voll und ganz zugewendet ist. Da geschah es, dal) der Preiswerber Dr. Grunwald die Preisfrage: ..Die österreichischen Finanzen 1648- 1740" nichtzu bewältigen vermochte; sofort sieht sich das Kuratorium der Rappaport- Stiftung, nachdem es dem Unglücklichen ein Pflästerchen von 800 Kronen aufgelegt, in innerster Seele gedrängt, das feuilletonistische Thema zu vereinfachen, es ^einzuschränken1'. — Das ist keineswegs unsere Behauptung, das berichtet vielmehr kein anderer als der Präsident des Kultusvorstandes als Ex - offo - Verteidiger selbst offenherzig mit einer frappierenden Naivität. Er erzählt nämlich in jener geheimen Sitzung wörtlich: „Nachdem die 1907 erfolgte Ausschreibung: „Die Juden und die österreichischen Finanzen 1648 —1740" nicht zu einem befriedigenden Ergebnis führte, wurde sie im Jahre 1909 dahin eingeschränkt, daß das Thema „Samuel Oppenheim und sein Kreis' lautete " Dieses verblüffend offenherzige Geständnis spricht Bände. — Der Verteidiger des Kuratoriums der Rappaport-Stiftung wird hier allein schon zu dessen Schlächter. Um die nicht zu bewältigenden wissenschaftlichen Themen, die seit 14 Jahren nicht mehr gelöst werden, kümmert sich keine Kai? im Kuratorium der Rappaport-Stiftung, da wird nichts eingeschränkt; wird aber die feuilletonistische Preisfrage dem einzigen und ständigen Bewerber zu schwierig, sofort regt sich das Mitleid und vereinfacht das Thema, um es gefügiger zu machen. - Wem gehen da die Augen nicht auf? Nun, Herr Dr. Stern mit seinem Anhang! Wie erklärt sich das? Nichts leichter: Nicht die schwerwiegenden s a ch 1 i ch e n Vorwürfe, die diesem Kuratorium gemacht wurden, wollte der Präsident widerlegen, sondern den Eindruck verwischen, den die Aufrollung der peinlichen „Begleiterscheinungen" der feuilletonistischen Preisfragenausschreibungen und Preisverleihungen hervorrief. — Wie undankbar ein solches Unterfangen, wird jet?t selbst ein Dr. Stern eingesehen und zu spät beklagt haben. Wäre es ihm um die Sache zu tun gewesen, er hätte sich und sein Kuratorium aus der schlimmen Lage, in die sie vielleicht ahnungslos geraten, auf die einfachste Weise befreien können, wenn er in einer öffentlichen Sitzung etwa gesagt hätte: „Meine Herren! Die Rappaport-Stiftung ist wegen der jüngsten Preisverieihung heftig angegriffen Wörden. Wir sind Laien und haben hierüber kein Urteil; doch hören Sie, wie das Preisrichterkollegium über die bezügliche Preisschriff urteilt: . . . . Konnten wir da etwa den Preis verweigern? Uebrigens wird die Preisschrift in kürzester Zeit erscheinen, und dann wird die Oeffentlichkeit sich ein Urteil über dieselbe bilden können". So aber hat Herr Dr. Stern nicht gesprochen — vermutlich konnte er auch nicht so sprechen — er zog vielmehr eine geheime Sitzung vor, in der er nichtssagende Phrasen nachsagen und Aktenzahlen herablesen mußte, die nur Staub aufwirbelten, Sand in die Augen streuten und eine gähnende Leere zurückließen. Das Widerlichste aber war, daß er wie auf Kommando Tiraden anstimmen mußte, die lediglich auf einen Panegyrikus auf den Preissieger hinausliefen! Was aber geht uns dieser an? Er mag der größte jüdische Gelehrte, er mag ein einzigartiger Spezialist im Preisfragenlösen sein; die Unzukömmlichkeiten, die bei der Preisausschreibung des feuilletonistischen Themas und bei der Preisverleihung zutage traten, werden dadurch nicht aus der Welt geschafft. Das Kuratorium der Rappaport-Stiftung hat in der geheimen Sitzung des Kultusvorstandes einen bösen Tag gehabt, der weit schlimmer war, als ihm sein erbittertster Gegner einen bereifen konnte; zumal die kleinlichen und kleinlichsten Mittel, mit denen hier das Haupt der Gemeinde operierte, dunkle Schatten auf die gesamte Leitung des Kultusvorstandes warf. Unverhüllt trat hier zutage, wer eigentlich unseren K u 11 u s v o r s t a n d beherrscht.... Zum Glück vermochte dieser Einfluß bisher nur in das ganz widerstandsunfähige Gemeindehaus Seitenstettengasse Nr. 4 einzudringen. Das große Publikum ist davon noch unberührt. Das lehren die zahlreichen Entrüstungsstimmen, die allerwärts laut werden, von denen wir hier eine wiedergaben und deren viele wir schon vor Monaten und Wochen beiseite gelegt haben, ohne sie zu Worte kommen zu lassen. Wir glaubten damals nämlich, mit drei Artikeln über das Gebaren der Rappaport-Stiftung unserer publizistischen Pflicht Genüge getan zu haben und erklärten schon vor mehr denn zwei Monaten, die Diskussion schließen zu wollen. Wir haben seitdem zuwartend geschwiegen, obgleich wir von vielen Seiten gedrängt wurden, den Kampf usque ad finem zu führen.