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Neue Nationalzeitung · 1912-11-08 · Heft 22 (8.11.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 22 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 .Neue National-Zeitung* oeite 3 Der Ex-offo-Verteidiger des Kuratoriums der Dr. Rappaport-Stiftung. Die Grunwaldnummer 43 der „Oesterreichischen Wochenschriff", deren Zusammenstellung erst im Verlaufe von drei Monaten unter Stöhnen und Aechzen bewerkstelligt werden konnte, und welcher der Präsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, ob er wollte oder nicht, Statistendienste leisten mußte, hat in ihrer robusten Reklamesucht, die selbst an diesem Gemeindeblatte frappiert, das ohnehin schon stark verblaßte Ansehen dieses Vorstandes tief geschädigt, ohne dem „Preisgewinner" und dessen Regisseur aus der Klemme, in die sie geraten, herausgeholfen zu haben. Sie Stecken vielmehr je£t noch tiefer drinnen als je zuvor. Welche Vorwürfe, die gegen die Rappaport- Stiftung in diesem Blatte erhoben wurden, hat der Präsident des Kultusvorstandes in jener denkwürdigen „Geheimen Sitzung" entkräftet? Keinen! Dagegen die schwersten bekräftigt. Es wurde dem Komitee dieser Stiftung vorgeworfen, daß es nicht verstanden habe, anregende und fruchtbringende Themen auszuschreiben, daß es im Gegenteil immer wieder Fragen stellte, die offenkundig verrieten, daß es nicht die geringste Kenntnis von dem zu bewältigenden Stoffe habe, die auch darum niemals gelöst würden; daß es andere wieder ausschrieb, die zwar im Handumdrehen zu lösen waren, deren Lösung aber der jüdischen Geschichtswissenschaft nicht den mindesten Gewinn bringen. Was antwortete Dr. Stern darauf? Was er sagte war: Phrasen und Achselzucken! Ein jüdischer Gelehrter hat in diesem ölatfe mit wohltuender Sachlichkeit und bezwingender Klarheit nachgewiesen, wie blind das Kuratorium der Rappaport-Stiftung an die Ausschreibung wissenschaftlicher Themen gehe, indem er zeigte, welch schwerwiegendes Dut/end von Fragen, deren jede für sich den ganzen Gelehrten beschäftigen müsse, vorerst gelöst werden müsse, bevor das Thema: „Das Judentum zu Ende des jüdischen Staates" einer ersprießlichen Behandlung unterzogen werden könne. Jeder Unbefangene mußte bei dieser Darlegung stufen. Nur das Kuratorium der Rappaport-Stiftung stufte nicht. Es geht stillschweigend über dieselbe hinweg, klammert sich aber in langen Reden an ganz Unwesentliches. Worte, Worte, nichts als Worte! Dr. Stern weiß ja, zu wem er bei verschlossenen Türen spricht; er weiß, daß er Leute vor sich hat, die, wenn sie Worte hören, meinen, es müsse sich dabei auch was denken lassen. Wer die drei Artikel in diesem Blatte gelesen, in denen dem Kuratorium der Rappaport-Stiftung mit großer Sachlichkeit und Sachkenntnis ins Gewissen geredet und dessen bisheriges blindes Unterlassen so überzeugend aufgedeckt wurde, wer das alles aufmerksam gelesen und glaubte, daß diese eindringlichen Mahnungen auf dasselbe Eindruck machen und es zum Einlenken drängen werden, der wurde nach der geheimen Sitzung des Kultusvorstandes arg enttäuscht und zu der in diesem Blatte wiederholt ausgesprochenen Ueberzeugung bekehrt, daß dieses Kuratorium für sein so hochwichtiges Amt ganz unfähig und einer vernünftigen Führung unzugänglich : denn keiner ist mehr blind, als wer nicht sehen will! Es ist unsäglich traurig, daß der Mann, der sich dazu hergibt, das Sand-in-die-Augen-streuen-System zu vertreten, selbst in dem hohen Alfer, wo ernste Männer das pafer peceavi zu stammeln gelernt haben, nach wie vor zäh dem Grundsatz huldigt: sl fecisti, negag! Jeden Vorwurf niederzuschreien, wenn man auch nicht den Schein eines Beweises beizubringen vermag. Noch trauriger ist es, daß dieser Mann das Haupt der Wiener israelitischen Kultusgemeinde ist. * Da hat er so ein prächtiges Hysteron-Prosteron ausgetüftelt, von dessen Wirkung er sich ungemein viel versprochen. Es wurde in diesem Blatte auffällig befunden, daß Herr Dr. Grunwald zu seinen Volksvorträgen Themen wählte (Samuel Oppenheim), die vom Kuratorium der Rappaport-Stiftung als Preisaufgabe ausgeschrieben wurden, und daß er sich dann um den Preis bewirbt und ihn erhält. Jefct ist Gelegenheit gegeben, mit Silbenstecherei zu operieren. Dr. Stern tut, als ob der Mauptvorwurf darin bestehe, daß Dr. Grunwald zuerst diese Volksvorträge gehalten, und das Kuratorium der Rappoport~E>t)ftung hierauf dasselbe Thema ausgeschrieben hätte und holt jefct zum vernichtenden Schlage aus, indem er „auf Grund der vorliegenden Akten feststellt", daß es umgekehrt sei! Die Tatsache — und auf die kommf es ja an - wird zugegeben, nur die Reihenfolge sei eine andere. Sind solche „Dreh" eines Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde würdig? Zum Ueberfluß springt die Täuschung in die Augen. Man weiß ja allgemein, daß und warum Herr Dr. Grunwald von Anbeginn seine Themen für die Volksvorträge aus den Kreisen von Samuel Oppenheim gewählt, und daß er sich seither beständig in diesem „wissenschaftlichen" Kreis bewegt hat. Und auch das weiß man, wer und wem zuliebe im Kuratorium dieses Thema preisfragefähig machte. Nur Dr. Stern und sein Kuratorium wissen es nicht?! Sand in die Augen! * Seit nahezu fünfzehn Jahren ist der Preis für die Ausschreibung wissenschaftlicher Themen nicht mehr ausgezahlt worden. Herr Dr. Stern sucht seinen Vorstand mit der Versicherung zu beruhigen: „Dieses Schicksal teile die Rappaport-Stiftung mit vielen anderen PreisstiftungenUnd das behauptet er, ohne auch nur den Schein eines Beweises anzuführen und — ohne auf einen Widerspruch zu stoßen! Es kann ja auch bei anderen Preisausschreibungen alle heilige Zeit einmal vorkommen, daß die Preisfrage nicht gelöst wird; aber daß Preisfragen bei ungewöhnlich hohen Preisaussichten fünfzehn Jahre hindurch ungelöst bleiben, keine Bewerber finden, ist denn doch ein Unikum, auf das die Rappaport-Sfiftung stolz sein kann. Noch verblüffender ist die „Widerlegung" des schwersten Vorwurfs, der dieser Stiftung gemacht wurde, „daß sie Preisfragen stelle, die an das Wissen der Bewerber ungeheuere Anforderungen stelle, weshalb die meisten Ausschreibungen ohne Bewerber bleiben." Was antwortet darauf Herr Dr. Stern oder vielmehr sein weithin vernehmbarer Souffleur?

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