Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 22 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 22 Wiener Zionismus nur im Sumpfe der Seitenstettengasse seinen Nährboden. Noch vor wenigen Wochen hat das zionistische Organ sich folgenden Schlager geleistet: „Die zionistische Partei wird mit ebensolcher Würde und Sachlichkeit als mit männlicher Entschlossenheit zur Verfechtung ihres wohldurchdachten, kampferprobten Gemeindeprogrammes eingreifen." In einem weiteren Satze wird der Kultuswahlkampf als „sittliches Muß" bezeichnet. Offenbar war man damals noch nicht handelseinig. Die Schlager mußten eben dazu dienen, dem Mandatsanspruch mehr Nachdruck zu verleihen. Nun sind Würde, Kampf, Gemeindeprogramm, ja sogar „sittliches Muß" und ähnliche Phrasen überflüssig; der Kuhhandel ist perfekt. Nun ist die Situation geklärt. Die Wiener Zionisten haben alle Volksideale preisgegeben, um zwei Kultus mandate zu ergattern. L. Eine zionistische „Präputial-Geschichte." Ein zionistischer Journalist erzählte mir die Geschichte. Er schmunzelte dabei und zwinkerte mit den Augen, daß man daraus so viel Wesens mache . . . Dabei prägte er das Wort: Präputial- Geschichte. Also die Geschichte lautet: Der Obmann der zionistischen Organisation und zionistischer Kandidat für den Kultusvorstand, Herr Adolf Böhm, bekam jüngst einen Sohn. Frau Böhm wollte den kleinen Zionisten nicht beschneiden lassen. Wozu denn? Gibt es ja doch auch erwachsene Zionisten, die nicht beschnitten sind. Darob große Verwirrung im zionistischen Lager. Zwei Funktionäre begeben sich zur Frau Böhm, um ihr die Bedeutung der Beschneidung vom zionistischen Standpunkte zu erklären. Die Intervention hat Erfolg; Frau Böhm ist mit der Beschneidung einverstanden. Ebenso ihr Vater, der Kultusvorsteher Lemberger. Nun will aber Herr Adolf Böhm nicht mehr. Er sei aus Prinzip gegen die Beschneidung und dann sei der Zionismus eine nationale Bewegung, habe also mit der „rituellen" Beschneidung nichts zu tun. Neuerliche Verwirrung und Aufregung; es finden sich Zionisten, die verlangen, daß Herr Böhm seine Mandate niederlege. Die Jüngeren opponieren. So viel Aufhebens wegen der „Präputial-Ge- .schichte"? Die Geschichte wurde mir bereits vor dem Erscheinen der vorletzten Nummer mitgeteilt; ich habe darüber geschwiegen. So lange Herr Böhm Privatmann oder Zionist ist, hat er die Sache mit sich oder mit seiner Partei auszumachen. Allein er wird jetzt im Kompromißwege als Kandidat für den Kultusvorstand aufgestellt! Und nun muß ich an die jüdische Oeffentlichkeit die Frage richten: Haben wir nicht genug an den Kultusvorstehern, die ihre Töchter in Kirchen getraut haben? Müssen wir uns von der Clique, die die Wahlen macht, auch Leute aufdrängen lassen, die ihre Kinder nicht beschneiden lassen? Sind die Wiener Wähler wirklich nur Stimmvieh, die sich von den Söldlingen der Kahalclique zur Wahlurne treiben lassen? Oder handelt es sich hier nur um eine simple „Präputial-Geschichte"? Die Komprornißkafididatefi und die „Oesterreichische Wochenschrift". Die Aufstellung der zionistischen Kompromißkandidaten Böhm und Stricker seitens des Kultusvorstandes bringt dessen Organ in die größte Verlegenheit. Nicht bloß deshalb, weil „Dr. Blochs Wochenschrift", die so gern den Zionisten unangenehm wird, jetzt die interessante „Präputial-Geschichte" ihren Lesern verschweigen muß, sondern auch von wegen des Schwurgerichtsprozesses, den die Wochenschrift mit dem Kandidaten Stricker noch auszutragen hat. Während beim k. k. Landesgericht in Strafsachen der Ehrenbeleidigungsprozeß von Stricker und Genossen gegen die „Oesterreichische Wochenschrift" noch immer anhängig ist, muß sie für die ganze Kandidatenliste, von Stern bis Stricker, die Reklametrommel rühren. Es war also ganz überflüssig , daß der verantwortliche Redakteur der „Wochenschrift" plötzlich beim Bezirksgericht die Autorschaft des beleidigenden Artikels zugab und die Abtretung des Aktes an das Schwurgericht verlangte, um die Entscheidung hinauszuschieben. Die Zionisten werden jetzt dem Dr. Bloch nicht weh tun, Sic dienen ja jetzt beide demselben Herrn. Die Zahl der Kultus wahler. Infolge der Statutenänderung, wonach jeder Kultussteuerzahler, selbst wenn er für das Jahr 1912 die Kultussteuer noch nicht bezahlt hat, ein Wahlrecht besitzt, ist die Wählerzahl bedeutend höher. Während es im Jahre 1910 13.050 gegeben hat, ist deren Zahl gegenwärtig auf 18.657 gestiegen; demnach ein Zuwachs von 5607 Wählern, die zumeist das Steuerminirnum von 20 Kronen zahlen. Die Wähler verteilen sich auf nachstehende Bezirke: Stadtbezirk 1910 1912 I 2200 2465 4- 265 II. XX 3100 4783 ~ 1683 III. XI 800 1378 -~ 578 IV, V. X 900 1268 — 368 VI, VJI 1750 2476 -~ 726 VIII, IX 2100 iio46 -- 1346 XII-XV 600 1011 -\~ 411 XVI, XVII yoo 5G4 — 236 XVUL XIX 700 1084;- 384 XXI jOO 1*2 82 Summe 13050 18657 -r 5607 Von den 13.050 Wählern im Jahre 1910 haben jedoch lediglich 4446 gestimmt, also zirka ein D r i tt e 1. Hievon erhielt die offizielle Liste 3081, respektive 2772 Stimmen: die oppositionelle Liste dagegen lediglich 1582.