Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 22 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NSÜ5 NKiONftL-ZETCUNG XIV. Jahrgang. Wien, 8. November 1912. Nr. 22. Die Wiener Kultuswahlen und der zionistische Verrat. Die Wiener Zionisten haben sich an Dr. Stern verkauft. Der Preis ist zwei von neun Mandaten. Auf diese Weise liieren sich die Erben Herzls mit den von ihnen seit Jahren verschrieenen und bekämpften Assimilanten. Das Losungswort Herzls auf dem zweiten Baseler Kongreß, daß man die Kultusgemeinden erobern müsse, verwirklichen die Wiener Zionisten in der Weise, daß sie sich an die Rockschöße des Dr. Stern klammern und sich auf Hintertreppen in die Seitenstettengasse hineinschleichen. Dr. Stern und sein Anhang, die sich gegen jede Erweiterung des Wahlrechtes stemmen, die hinter verschlossenen Türen amtieren, in deren Mitte die Väter getaufter Töchter das große Wort führen, und die mit der öffentlichen Meinung nur eine Verbindung suchen durch ihre Pauschalblätter, sie werden auf einer Liste figurieren mit den Herren Böhm und Stricker, die von dem zionistischen Konventikel als die „Vertreter des jüdischen Volkes" von Wien präsentiert werden. Greller kann der moralische Tiefstand einer Partei, die als Trägerin der höchsten Ideale in die Oeffentlichkeit getreten ist, nicht illustriert werden. Jetzt erst sieht man, warum dem armen Oskar Marmorek das Leben bis an sein plötzliches Ende so bitter gemacht wurde, warum sie ihn aus der Partei ausgeschlossen und wie einen Verräter behandelt haben. Nicht, weil er mit den unerbittlichsten Feinden des Zionismus ein Kompromiß geschlossen hat, sondern weil sie selbst seinen Platz einnehmen wollten .... Allerdings haben die Zionisten unter ihren zwei Kandidaten einen Mann präsentiert, der für den Wiener Kultusvorstand prädestiniert ist. Herr Adolf Böhm, der Führer der Wiener zionistischen Organisation, hatseinenjüngstgeborenenSohn nichtbeschneidenlassen. Er erklärte, daß er dies „aus Prinzip" tue; die zionistische Bewegung sei national und nicht konfessionell. Und derselbe Herr Böhm reißt ein konfessionelles Mandat an sich und wird in Gesellschaft der „Kirchenväter" über Rabbiner, Schächter, Ritualbad mitberaten und mitbeschließen. Eine würdige Gesellschaft! Daß sich die Zionisten prostituieren und für die Preisgebung ihrer oppositionellen Haltung einen Lohn erhalten konnten, das liegt eben in den Verhältnissen der Wiener Kultusgemeinde. Kaum vierzehn Tage trennen uns von der Wahl, und das Gemeindeleben ist noch immer matt und leblos. Nirgends eine Bewegung oder Versammlung. Kein Interesse für das, was der Kultusvorstand in den letzten zwei Jahren „geleistet" hat, und für die Aufgaben, die ihm bevorstehen. Weder die Wählerliste noch der Rechenschaftsbericht sind den Wählern zugekommen. Und damit das bißchen Leben, das die Opposition anzufachen bestrebt war, ganz erstickt werde, wurde das zionistische Strohfeuer mit zwei Mandaten gelöscht. „Nacht muß es sein, wo Sterns Sterne strahle n," Allein, selbst wenn die zionistische Opposition gekauft wurde, die Opposition der jüdischen Bevölkerung wird noch lange nicht stumm bleiben. Die Geschäftspolitiker auf beiden Seiten werden noch Gelegenheit haben, zu hören, was die Wiener Bevölkerung von ihnen und von ihrem Mandatschacher denkt. Und das ganze Programm einer nationalen Aufklärung, religiösen Festigung und politischen Organisierung der Wiener Judenschaft wird seine Verfechter finden, trotzdem es von zionistischer Seite schnöde verraten wurde. Die Wiener Kultuswahlen sind ungemein lehrreich. Sie beweisen, wie der ideelle Geist, der zu Beginn der zionistischen Bewegung in deren Reihen herrschte, gerade in Wien, dem Ausgangspunkte des Zionismus, verschwunden ist, um dem Strebertum Platz zu machen. Allerdings findet dieser