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Neue Nationalzeitung · 1912-10-25 · Heft 21 (25.10.1912) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 21 (25.10.1912)
Date
1912-10-25
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 21 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. „Staat und Judentum". <Walther Rathenau: Zur Kritik der Zeit. Verlag S. Fischer in Berlin.) Das geistreiche Buch, mit dessen einem Abschnitt wir uns hier eingehend beschäftigen wollen, war Gegenstand eingehender Kritiken, welche Walther Rathenau als einen universellen Geist rühmen, der mitten im Leben steht und umbrandet von dem millionenstimmigen Welt-Orchester feinhörig den Rhythmus und die Melodie des Liedes unserer Zeit zu ergründen sucht. Diese Lobeserhebungen mögen für die anderen in diesem Buche behandelten Probleme zutreffen, aber für die uns Juden in erster Linie interessierenden Ausführungen über „Staat und Judentum" gewiß nicht. Dieser Mann der vielen gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, ökonomischen und künstlerischen Interessen, hat sich seine Meinung über „Staat und Judentum" von einer Warte aus gebildet, die ihn die Umrisse des zu betrachtenden Gegenstandes nur verschwommen erkennen ließen. Und so zeichnete er die Konturen nicht naturwahr, sondern unter dem Drucke einer vorgefaßten Meinung, unter dem Einfluße der durchaus assimilitatorischen Erziehung, die der preußische Jude der vornehmen Stände erhält. Denn Rathenau ist ein Prototyp dieses preußischen Juden: Ersterbend in Dankbarkeit und Bewunderung gegenüber dem Deutschtum, alles Heil für die Juden von der völligen Assimilation ersehnend, königstreuer und konservativer Preuße bis auf die Knochen. Man höre nur die folgenden Worte: „Es ist richtig, daß der preußische Adel das leider absterbende alte Preußentum geschaffen hat----es ist hart, daß er seine hundertjährigen Prärogativen, mit wem es auch sei, teilen soll". Es ist klar, daß wir Juden einen so rückständig, ja, feudal denkerden Herrn nicht als unseren berufenen Fürsprecher ansehen können. Gewiß ist es ihm auch nicht darum zu tun. Gewiß will er mit seinen fein gemeisselten Sätzen nur ein Nicken der hochadeligen Köpfe der Junker, an die der 2. und 3. Teil dieses Aufsatzes in Briefform gerichtet ist, bezwecken, will nur, sie mögen sagen: „Der Jude ist ein intelligenter Kopf und hat nicht so unrecht". Aber ein Gefühlsausbruch, ein ehrlicher Schrei des Staatsbürgers zweiter Klasse nach Gleichberechtigung ist es nicht .... Denn Rathenau will sie ja auch in dem Sinne, wie ein nationaler Jude sie wünscht, auch garnicht haben. Er wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, daß wir Juden eine Nation sind, identifiziert sich sogar mit jenen Antisemiten, die sagen, die Nation sei die „Alliance- Israelite"! Er wünscht vielmehr eine vollständige Assimilation des deutschen Juden — erwähnt aber sophistischer Weise kein einziges Mal das Wort Assimilation. Er beansprucht für seine Glaubensbrüder die Anerkennung ihrer deutsch - nationalen Gesinnung und erhofft den Untergang des Antisemitismus für jene Zeit, „da gewisse Stammeseigentümlichkeiten den jüdischen Deutschen seinem christlichen Landsmann nicht mehr erkennbar und verdächtig machen". Und in diesem Zusammenhange verkündet der wohl doch etwas allzu optimistisch urteilende Autor: „Noch ehe ein Jahrzehnt vergeht, wird der letzte Schritt zur Emanzipation der Juden geschehen sein". Wenn sich auch der reichsdeutsche Antisemitismus vom österreichischen Radau-Antisemitismus dadurch unterscheidet, daß er nicht mit so infamen Waffen kämpft und nicht mit so ungebildeten Köpfen arbeitet, so wird wohl niemand an die Vollendung der Emanzipation innerhalb eines Jahrzehntes glauben können — außer wenn sich die reichsdeutschen Juden in corpore schnell dazu entschließen, gewisse Stammeseigentümlichkeiten bis zum Jahre 1920 abzulegen . . . Wir lehnen also unbedingt den jüdischen Deutschen Rathenaus ab. Gleichwohl ist seinen Ausführungen über die Taufe und die Zurücksetzung der Juden in den Staatsämtern ebenso nachdrücklich beizupflichten. Diese an eleganten Konklusionen und feinen Seitenhieben sehr reichen Ausführungen entschädigen uns zum Teil dafür, daß wir uns mit dem jüdisch-deutsch-nationalen Standpunkt des Autors absolut nicht einig erklären können. So nennt er die preußische Judenpolitik die schwerste Kränkung, die ein Staat einer Bevölkerungsgruppe zuzufügen vermag. Denn obwohl die Preußen, Polen, Weifen, Dänen und Elsässer wegen ihrer nationalen Bestrebungen aufs heftigste bekämpft hätten, so sei es doch niemand eingefallen, eine dieser Gruppen auch sozial zu disqualifizieren . . . Die Taufe weist Rathenau weit von sich weg. Er meint, es könne sich ein Jude von ganzem Herzen zum Christentum hingezogen fühlen, doch auf die äußere Zugehörigkeit zu demselben verzichten, da sie mit Be 1 oh n u ng verbunden ist. Diese Auffassung wirkt auch etwas — sagen wir — zu ideal. Aber die Ausführungen des Autors über die Zulassung der Juden zur Staatsbeamtenlaufbahn sind sehr interessant und lesenswert . . . Etwas neues bringt jedoch Rathenau nicht, außer seiner Prophezeiung, daß, um mit seinen Worten zu reden, in 10 Jahren die Emanzipation der Juden beendet sein wird, daß seine christlichen Mitbürger die Stärke der nationalen Gefühle der „jüdischen Deutschen" nicht zu bezweifeln brauchen, denn der Zionismus sei lediglich „ein Auswanderungsideal" und die Nation der Juden liege lediglich in der „Alliance Israelite"!! Wir glauben, daß uns diese drei Standardthesen des Mannes, der als Sohn der persona grata des deutschen Kaisers nicht mehr zur zweiten Staatsbürgerklasse gehört, vollkommen davon entheben, eine weitere Kritik an „Staat und Judentum", wie sie sich in Rathenau, der so sehr als universeller Kopf gerühmt wird, widerspiegeln, zu üben . . . Denn in „Staat und Judentum" kristallisieren sich nicht die Gedankenniederschläge eines universellen, auch nicht eines jüdischen, sondern eines preußisch denkenden Geistes. Sein Essay könnte auch ganz gut von einem intelligenten toleranten Christen geschrieben sein. Rathenau fühlt sich ja auch mehr als Preuße, denn als Jude. Und so erinnert uns dieses hohe Lied auf das feudale Preußentum recht lebhaft an den Sang: „Ich bin ein Preuße, will ein Preuße bleiben!" Moritz Hacke.

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