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Neue Nationalzeitung · 1912-10-25 · Heft 21 (25.10.1912) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 21 (25.10.1912)
Date
1912-10-25
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 21 Bei Schalom Aleichem.*) Ein Besuch. Genf, Lausanne, Montreux. Die Hauptstädte des Genfer Sees. Der Sammelpunkt von Dichtem und Philosophen, Verbannten und Exkommunizierten. Jede Nation, jedes Land hat hier mehrere Vertreter seines Staates, einige seiner Kultur, nicht wenige Märtyrer seiner religiösen Unduldsamkeit und, ach, so viele Opfer politischer Verfolgung. Ein Asyl der Heimatlosen, eine Freistätte für alle, die müde sind oder beladen. Schloß C h i 11 o n. Hiei hat Shel 1 ey geträumt, Lord Byron gesungen. Ciarens. Das reizend-anmutige Ciarens Jean Jaques und seiner sentimentalen „Nouvelle Heloise". Und hierher hat das jüdische Volk einen seiner Besten, einen seiner Fruchtbarsten geschickt: Schalom Aleichem! C 1 a r e n s Nr. 15. Im ersten Stock; Nikolaus Cantacuzene, Envoye Extraordinaire et Ministre Plenipotentiaire de S. M. le Roi de Roumanie, der diplomatische Vertreter dieses Volkes, das unseren Brüdern am Balkan so blutige Wunden schlägt. Im zweiten Stock: S. R a b i n o w i t s c h, der jüdische Dichter, der unseren Brüdern Trost und Freude spendet, der sie lehrt, im größten Unglück das Lachen nicht zu vergessen. Man erinnert sich. Es war vor fünf Jahren. Da kam die Hiobspost: Schalom Aleichem hat auf einer Eisenbahnreise einen heftigen Blutsturz bekommen, wird in einer kleinen Station abgesetzt und von Studenten und Arbeitern liebevoll gepflegt. Und zwischen Leben und Tod, auf dem Krankenbette schreibt der Blutende den Nekrolog, wie er ihn nach seinem Tode von Rüben Brainin geschrieben erwarten darf. Ein Nekrolog, der tausende Herzen lachen, die jüdische Welt an die Gelegenheit seiner Abfassung vergessen macht, Aber bald kommen neue Hiobsposten, die das Herz zusammenkrampfen. Mit Beklemmung und banger Sorge sehen wir ihn in den Schwarzwald ziehen und an die französische Riviera. Aber es wird immer besser. Liebe und Hingebung, sie haben uns unseren Humoristen erhalten. Frohe Botschaft bringe ich: Schalom Aleichem ist geheilt! Ich traf ihn im Kreise seiner Familie: seiner Frau, seiner Töchter, seiner Söhne und seiner Enkel. Ein jüdischer Fürst am Genfersee. Ueber alle Ereignisse des politischen und kulturellen Lebens der russisch-jüdischen Gasse laufen hier Bulletins ein. Weit, weit weg vom jüdischen Zentrum lebt Schalom Aleichem doch unter seinem Volke und für sein Volk, täglich sechs Stunden aktiv schaffend an jüdischen Kunstwerken. Da sitzt er entweder am Ufer des Sees oder ruht nus von einem längeren Spaziergang auf seinem Liegesessel und ein Achatstift schreibt einen humoristischen Roman über das tieftraurigste Kapitel in der jüdischen Geschichte — einen humoristischen Roman über den Ritualmord! Der Warschauer „Haint" mit einer täglichen Auflage von 100.000 Exemplaren bringt diesen Roman und lindert so die Schmerzen der Verstümmelung, die der Beilis-Justschinskyprozcß und niederträchtige Verleumdung seit Jahrhunderten dem jüdischen Volkskörper beigebracht. Schalom Aleichem hat das lebhafteste Interesse für alles, was sich in der jüdischen Welt abspielt. Am nächsten Zionistenkongreß werden wir ihn, unsern Meister und Liebling, auf den Händen herumtragen dürfen. Als ich ihm, der personifizierten Bejahung lebenskräftigen Judentums, von den Prognosen erzähle, die man unserer Zukunft stellt, spottet er über alles Assimilationsgefasel und gibt mir eine authentische Statistik der Auflagen jüdischer Bücher und Zeitungen in Rußland und Amerika, nennt mir Zahlen, die gelegentlich an geeignetem Orte zu ver- *) In einer der nächsten Nummern beginnen wir mit der Veröffentlichung einer der humorvollsten Erzählungen Scholem Aleichems: „Die Assentierung" (Der Prlsew). Ais Vorrede hiezu eignen sich wohl am besten obige der „Selbstwehr" entnommenen sehr lebhaft niedergeschriebenen frischen Eindrücke des Verfassers anläßlich seines Besuches beim jüdischen Marc Twain. Die Redaktion. M wenden sein werden und die den verbissensten AssimiJationstheoretiker zum Nachdenken und zur — Verzweiflung bringen müssen. Von Schalom Aleichem allein sind erschienen bis 1912 fünfzehn Bände Gesammelte Werke, 100 kleine Erzählungen, 1912 weitere 3 große Bände und ungefähr 30 kleinere. Wollt Ihr die Auflage wissen? 50 000 Exemplare der Gesammelten Werke, 200 000 der kleinen Erzählungen. Wollt Ihr es noch deutlicher und präziser? Ich habe die detaillierten Verlegerlisten mit eigenen Augen lesen dürfen und fand das uns selber fast unglaublich Dünkende. Vom 1. Juli 1912 bis 1. September 1912 sind Neuauflagen gedruckt worden: 42 kleine Erzählungen in 87 000 Exemplaren und 10 große Bände in 13 000, also 100 000 Exemplare in zwei Monaten! In demselben Tempo soll es nun weiter gehen. Gar nicht zu reden von hebräischen Ausgaben und Uebersetzungen in fremde Sprachen, welch letztere für unsere Frage nicht wesentlich sind. Und nun frage ich: Sieht so die literarische Produktivität eines sterbenden Volkes aus? Es ist wahr, Schalom Aleichem ist der fruchtbarste jüdische Dichter. Aber die anderen, sind sie zu vernachlässigen in unserer Rechnung? Perez und Mendele Mocher Sforim, Asch und Pinsky, Reisen und Nomberg?! Soll man Euch noch mehr Beweise liefern, daß wir nicht untergehen?! . . . Schalom Aleichem erzählt mir eine drollige Anekdote. Ein großes jüdisches Tagblatt in Rußland will Schalom Asch engagieren. Asch selbst brennt darauf, bei dem Blatte unterzukommen. Aber die Volksmeinung kann nicht vergessen, daß vor wenigen Jahren noch Asch pathetisch einen Kreuzzug gegen die Beschneidung gepredigt hat Was tun? Schalom Aleichem wird um einen Rat angegangen und entscheidet: Es gibt nur eine Möglichkeit, sich zu rehabilitieren; Asch soll sich noch einmal beschneiden lassen! . . . Ich bin nun bald zwei Stunden bei unserm Dichter, habe russischen Tee getrunken und vom Balkon aus einen Aeroplan über dem Genfersee für 100 Franken 15 Minuten lang sorgenlose Passagiere führen gesehen. Ich verabschiede mich von Schalom Aleichem, dem originellsten und dem jüdischesten unter den jüdischen Dichtern. Daß Ihr in Böhmen ihn noch so wenig kennt, das solltet Ihr bald gut machen. Mathias Acher, der ausgezeichnete Perezübersetzer, unterzieht sich der unendlich schwierigen Aufgabe, Schalom Aleichem für den Jüdischen Verlag ins Deutsche zu übertragen. Ein kleines Bändchen ei scheint demnächst in der Prager „Jüdischen Universalbibliothek". Schalom Aleichem wird Euch also bald nahe sein. Lest ihn doch! Wenn Ihr aber die jüdische Volksseele ganz erkennen, in das jüdische Herz tief hineinsehen wollt, so müßt Ihr es über Euch bringen, den „häßlichen" Jargen zu erlernen. Er ist nicht schwer, ich versichere Euch. Und etwas muß doch an dem verachteten „Gemauschel" sein, wenn selbst ein ganz Großer, Jaroslav Vrchlicky, sich damit abmühte, um seinem Volke wenigstens einige Proben zu schenken. Lernet doch das Jiddisch—Schalom Aleichem wird Euch reich belohnen. L e y s i n (franz. Schweiz), Oktober 1912. Moses Nachman Silberroth. Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration.

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